Mittwoch, 5. September 2012

ContessaTatsächlich 4


160712 Datei ContessaTatsächlich
Ab dem Freitag, an dem ich keinen Lottoschein mehr abgebe, werde ich es geschafft haben, spirituell. Dass ich es je finanziell geschafft haben könnte, dazu kenne ich mein Leben inzwischen zu gut, und so ist es nicht anders, als mit Verkommenheit zu erklären, dass ich immer noch Lotto spiele. Und als wäre das für sich noch nicht vulgär genug, denke ich am Samstag an die 8 Millionen Euro, die sich im Jackpot angesammelt haben, und fange an, davon zu träumen, was ich mit dem Geld machen werde, wenn es mir gehört. Das ist peinlich, das habe ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gemacht. Da bin ich spirituell nun wirklich darüber hinaus. Aber dieser Tagtraum ist gut: Wenn ich das viele Geld gewonnen habe, werde ich als erstes einen Privatdetektiv, der auf Online-Kriminalität spezialisiert ist, damit beauftragen, mir die Hacker vom Hals zu schaffen, die auch in diesem Augenblick, da ich das schreibe, in meinen Rechner eingehackt sind und meinen, sie könnten sich das herausnehmen, weil ich nichts dagegen tun kann, nicht einmal mit Sicherheit sagen kann ich, dass sie beide es sind, und jede Drohung mit der Polizei ist eine leere Drohung, da ich nicht beweisen kann, dass sie es sind, so dass eine Anzeige bei der Polizei immer nur eine Anzeige gegen Unbekannt sein kann. Nicht mehr als ein symbolischer Akt und über den lachen die beiden sich einen Ast. Anders, wenn ich einen Privatdetektiv beauftrage, dem ich sage, wer die beiden sind, und er wird die fehlenden Beweise zusammentragen. Keine Ahnung, wie er das macht, das ist der Tagtraum. Mit den Beweisen kann der Detektiv auf die beiden zugehen und sie in einem Gespräch, das so eklig ist, dass sie es ihr Leben lang nicht vergessen werden, schwören lassen, nie wieder auch nur an meinen Rechner zu denken. Aber diese Variante befriedigt mich nicht, merke ich, noch während ich sie träume. Auch weil sie mir nicht wirksam genug erscheint. Die beiden sind so unverschämt, dass es nicht anders zu erklären ist als mit einer in den Größenwahn reichenden Überheblichkeit und der ist in einem Gespräch, egal wie eklig, nicht beizukommen. Deshalb Polizei, Anzeige nun nicht gegen Unbekannt, sondern gegen den Nachbarn und die Frau, mir scheißegal in welchem Verhältnis sie zu ihm steht. Ich weiß, wie sie heißt oder wie sie sich nennt und wo sie wohnt. Aber will ich das wirklich? Sie auch anzeigen? – Ohne Zögern kommt die Antwort in meinem Tagtraum: Ja. – Es ist kriminell, was sie tut. Es ist schon lange nicht mehr nur in den WLANs der Nachbarn Rumschnüffeln mit einem Programm, das sich jeder runterladen kann aus dem Internet. Es ist gegen meinen mehrfach erklärten Willen, dass sie in meine Privatsphäre eindringt. Einbricht! Es ist nicht anders, als würde sie mit einem Nachschlüssel meine Wohnungstür öffnen und in meine Wohnung einbrechen und das nicht nur heimlich, still, leise, unbemerkt, im Gegenteil so dass ich es nur ja mitkriege: schau, ich war da, ich kann jederzeit wieder kommen, und wenn es mir nicht passt, was du tust, dann werde ich es dich spüren lassen. So läuft das (*). Ich habe es mit niemandem, der mir in meinem Leben begegnet ist, so gut gemeint wie mit ihr. Als mir Wochen später klar wurde, dass die Schwimmerin, von der ich die Augen nicht mehr lassen konnte, die Frau mit dem Hundert-Euro-Schein und der Verfolgungsjagd auf dem Parkplatz war, habe ich alles getan, um diesen Auftritt bezaubernd zu finden. Auch wenn mir das nie ganz gelungen ist, ich habe ihn nie wieder als lächerlich empfunden. Sie hat alle Chancen gehabt und hat sie immer noch. Nichts zwingt sie zu dem kriminellen Verhalten, das ich nicht mehr hinnehmen werde, weil sie es ist, die Frau mit dem Hundert-Euro-Schein, die anmutige Schwimmerin auf der Schnellschwimmbahn, die Frau, die ich Contessa genannt habe und dann Tess. Und das wollte mir mein Tagtraum sagen, dass ich das nun nicht mehr hinnehmen werde.

(*) Sie wollen etwas. Sie fürchten um ihre Anonymität, sie haben Angst, dass ich weitgehende Andeutungen zu ihrer Identität mache. Daran wollen sie mich hindern, indem sie mir zeigen, dass sie meine Passwörter kennen und jederzeit destruktiv werden können und indem sie mich piesacken mit Fehlfunktionen, die sie aus dem Hintergrund steuern: Fotos sind auf einmal nicht hochladbar an die Stelle, wo ich sie hinhaben will, die Tastatur ist blockiert … . Ihre Übergriffe mehren sich, seit ich mit diesem Text begonnen habe. Damit eskalieren sie den Konflikt, statt ihn einzudämmen. In ihrer Panik schaffen sie das Szenario, vor dem sie sich fürchten. Sie haben Angst und zugleich halten sie sich für unverwundbar. Vielleicht gestehen sie sich ihre Angst auch gar nicht ein. Vielleicht ist es für sie immer noch eine Demonstration von Dominanz. Bei ihm auf jeden Fall. Er will der Frau etwas beweisen. Deswegen ist es nicht berechenbar, was da passiert. Zu viel Testosteron. Blockierte Intelligenz. Mit so einem Gegner kann es keine Verhandlungen geben. Und sie? Verstehe ich wie immer nicht. Wie kann sie sich für berechtigt halten, weiter in meinen Rechner einzudringen, nur weil ich mich einmal für sie als Frau interessiert habe?

170712 Datei ContessaTatsächlich
Und was ist, wenn sie aufhören, wenn sie sich zurückziehen ab heute? Ich wechsle mein Passwort, sie versuchen nicht mehr, das neue Passwort zu entschlüsseln. Das kann ich nicht gleich erkennen, erst in drei, vier Monaten fällt mir auf, dass es so lange schon keine Interventionen mehr gegeben hat. Kein Abmelden meines Blogger Accounts mehr, während ich meinen Blog editiere, keine Systemabstürze mehr, seit einiger Zeit schon das Gefühl, wieder alleine zu sein. Und wenn sich mein Blick einmal zu den Fenstern der Nachbarwohnung verliert, geschieht dahinter nichts, was ich in eine Beziehung zu mir setzen könnte, müsste, ob ich will oder nicht. Es ist vorbei. Was mache ich dann mit dem, was mir da passiert ist? Hallenbadgeschichte, Nachbarschaftsgeschichte. Traum und Alptraum eines Pornowichsers. Szenisches Symptom. Spätfolge des Menschenausdenkens in meiner Zeit als erfolgloser Drehbuchautor. Einbruch der Wirklichkeit in meine gewollte Isolation. Über die drahtlose Verbindungstechnik meines Rechners sind sie hereingekrochen gekommen. Erst eine Frau, die sich gelangweilt hat, und hinterher der Mann, bei dem sie sich gelangweilt hat, aber nun ist endlich was passiert. Drama, keine Langeweile mehr. Entzweiungen, Versöhnungen. Dafür brauchten sie mich nicht. Aber für das Drama. Sich selbst für die Mitte der Welt halten, sich aus der Welt zurückziehen, die Menschen nicht mehr ertragen, vor allem die Frauen nicht, mir lieber welche ausdenken. Wenn ich mir die ausdenken kann, dann gibt es die auch irgendwo auf der Welt. Nur nicht bei mir, ich brauche sie auch nicht, das habe ich nur noch nicht begriffen, noch beklage ich meine Einsamkeit und deshalb, vielleicht wirklich nur deshalb, kommt an eines Tages die Frau, die sich langweilt, und aus dem gleichen Mangel an intellektuellem Format, aus dem ich nicht in meine Einsamkeit einwillige, halte ich das Auftauchen dieser Frau in meinem Leben für ein Wunder und werde vom Menschenfeind, als der ich gerettet gewesen wäre, zur rührenden Figur und zum Volldeppen, denn das Auftauchen der Frau ist alles andere als ein Wunder, es ist geplant und durchkalkuliert, schlecht geplant und die Kalkulation ist eine Fehlkalkulation. Sie geht nicht auf, weil ich nicht der bin, für den die Frau mich gehalten hat (finanziell). Ich bin aber auch nicht der, für den ich mich selbst halte. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einmal so wundergläubig sein kann. Und weil ich so wundergläubig bin, kriege ich es nicht mit, als es gar nicht mehr um mich geht, als ich nur noch der Platzwart des Schauplatzes bin, auf dem die Frau, die sich langweilt und der Mann, bei dem sie sich langweilt, ihr Drama austragen. Es gibt ein Leidenschaftsdrama, nichts Besonderes, wie es eben so geht. Das einzige Besondere daran ist, dass ich mich für die Hauptperson darin halte, in Wirklichkeit jedoch nur eine Randfigur bin. Ein Mann in einem grauen Kittel. Mehr Hausmeister als Platzwart. Das jedenfalls die Geschichte. Viel zu lang für einen Pitch. Fast schon eine Plotskizze. Auf jeden Fall genug, um beurteilen zu können: Will ich das erzählen? Wer braucht das? Und soll ich es auch noch erzählen, wenn sie sich zurückgezogen haben? – Sie haben sich nicht zurückgezogen.

180712 Datei ContessaTatsächlich
Eine Frau, die sich langweilt. Der Mann, bei dem sie sich langweilt. Geschichte der beiden. Das werde ich erst viel später begreifen. Zunächst glaube ich, dass mir ein Wunder geschieht. Und drei oder vier Jahre vorher liege ich auf der Couch, die Sonne scheint, hinter mir steht die Balkontür offen, doch wegen des Grünzeugs, mit dem das Geländer bewachsen ist, denke ich, niemand kann mich sehen, während ich es mir selbst mache. Ich bin gerade gekommen, als ich ein Rascheln hinter mir höre und mich danach umdrehe. Da sehe ich durch eine Lücke im Bewuchs den Nachbarn in der Wohnung gegenüber, wie er am Fenster sitzt, den Kopf zu mir hergedreht und offensichtlich hat er mir schon eine Weile zugeschaut. Wie lange? Von Anfang an? Ist doch egal. Wir kennen uns nicht, er interessiert mich nicht. Wenn ich später gezwungen sein werde, über ihn nachzudenken, werde ich mir vorstellen, dass er Flugzeugkapitän ist. Unter anderem auch deshalb, weil ich ihn in der schönen Jahreszeit häufiger auf dem Dach über seiner Wohnung sitzen sehe. Wie an jenem Samstagmorgen, an dem ich auf meinem Balkon stehe, gerade etwas zum Lüften aufgehängt habe und auf dem Dach gegenüber sitzt er mit einer jungen Frau mit dunklen Haaren, beide starren sie zu mir her und er redet über mich. Erzählt ihr vermutlich, wie er mich masturbierend auf der Couch liegen sah. -  Ihr Gesichtsausdruck entgeistert. Er versteht es, sie zu beeindrucken. So wie er mit ihr redet, könnte es gut sein, dass sie zum ersten Mal bei ihm übernachtet hat. Ihre langen Haare ungebürstet, beide noch nicht geduscht, sie riechen nach dem Sex, den sie nach dem Aufwachen hatten. Frisch aufgebrühter Kaffee in kleinen Schlucken aus großen bunten Bechern. Und er erzählt ihr, wie er den älteren Mann, der dort drüben auf dem Balkon steht, bei der Selbstbefriedigung beobachtet hat. - Nein?! - Doch! - Bis heute denke ich, dass da alles angefangen hat und sie das war, die Frau, die sich später gelangweilt hat, die an dem Morgen mit ihm auf dem Dach gesessen hat. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur so lange eingeredet, bis ich es geglaubt habe. Man kann sich viel einbilden beim Blick von einer Dachwohnung zur anderen. 

Es hätte allerdings auch sein können, dass der Mann der jungen Frau, neben der er auf dem Dach saß, mit einer weniger wichtigen Miene von seiner Beobachtung erzählt und vielleicht sogar dabei gelacht hätte. Die Frau hätte dann bestimmt auch gelacht. Beide hätten sie lachend zu mir hergeschaut und ich hätte auch gelacht. Wenn auch etwas verlegen, da ich wusste, was er der jungen Frau von mir erzählt hatte. Um meine Verlegenheit zu überspielen, hätte ich dem Paar auf dem Dach zugewinkt und die beiden hätten zurückgewinkt. Jedenfalls wäre so eine ganz andere Geschichte daraus geworden. Oder auch keine. 

Dienstag, 4. September 2012

ContessaTatsächlich 3


260812 Blogtext
Wie alles angefangen hat: mit einer taubenblauen Badekappe und damit, dass sie bei mir eingehackt war.

150812 Notizbuch
Es ist von Anfang an um Sex gegangen. Aber ich bin dabei alleine geblieben. Wenn ich es vom Ende her betrachte, ist es das einzig Gute an dieser Geschichte. Dass ich bei all dem Schlimmen, was mittlerweile geschehen ist, wenigstens für mich sein konnte, weil ich alleine geblieben bin.

40712 Datei ContessaTatsächlich
Wir kennen uns seit drei Jahren. Sie kennt mich noch länger. Als mir das klar wurde, wie lange sie schon da ist, ohne dass ich es wusste, und was sie dann alles von mir mitgekriegt hat, ist mir das Blut in den Kopf geschossen. Aber dann habe ich mir gedacht, sie hat all das mitgekriegt von mir und trotzdem ist sie immer noch da. Sie weiß mehr von mir, als irgendwer sonst und als ich ihr jemals von mir erzählt hätte. Was für ein Glück muss es sein, eine Frau zu lieben, die so viel über mich weiß und die von meinen Geheimnissen nicht vertrieben wurde. Vielleicht haben sie ihr sogar gefallen und wir können sie miteinander teilen, wenn es uns endlich gelungen ist, miteinander bekannt zu werden. Aber das schafften wir nicht, aufeinander zu zu gehen, miteinander zu sprechen, uns zu verabreden. Sie kannte meinen Kontostand und sie wusste, an welchen Stellen in einem Porno ich es mir kommen lasse, aber ich kannte nicht einmal ihren Namen. Drei Jahre lang wusste ich nicht, wie sie heißt. In meinen Gedanken und später als ich ihr zu schreiben anfing, habe ich sie Contessa genannt, und als sich das abzunutzen begann, Tess. TESS! Man nennt eine Frau nicht Tess, ohne sich Wunder weiß was vorzustellen, wer sie ist. Ich habe es mir verboten, mir zu viel vorzustellen. Für mich war der Name Ausdruck einer Zärtlichkeit und eines Zaubers. Meiner Zärtlichkeit für sie und ihres Zaubers für mich, der (vorläufig vor allem) darin bestand, was sie alles über mich wusste und dass sie mich trotzdem kennenlernen wollte. Aber auch das war schon viel zu viel. Denn, als wir endlich bekannt wurden miteinander, als sie mir ihren Namen sagte, als ich ihre Stimme hörte, und erlebte, wie sie mich behandelte, gab es nichts an ihr, das mir nicht gefallen hat, weil ich es mir anders und schöner vorgestellt hatte, und trotzdem schien es, als hätte ich mir zu viel vorgestellt. Oder sie vielleicht verwechselt mit einer anderen Frau? Sie jedenfalls war nicht die Frau, die ich erst Contessa, dann Tess genannt hatte. Tut ihr leid, tolle Geschichte, aber sie war nicht dabei, hat sie gesagt.

50712 Datei Contessa Tatsächlich
Sie hat sich verstellt, sie hat gelogen, so getan als wäre sie eine ganz andere Person, nur um nicht die zu sein, die sie drei Jahre lang in dieser Geschichte war: Frau aus dem Hallenbad, Frau von gegenüber, Frau, die sich in meinen Rechner eingehackt hat, Contessa, Tess. Jetzt will sie verhindern, dass ich die Geschichte erzähle. Oder ist es gar nicht sie, ist es er, der es verhindern will? Einer von beiden will es verhindern, kann sein auch beide. Aus unterschiedlichen oder gemeinsamen Gründen, das ist nicht wichtig. Es reicht zu wissen, dass jemand verhindern will, dass ich die Geschichte erzähle.

Ich bin ein Mann, bei dem das Alter begonnen hat. Es kommt nicht mehr oft vor, dass ich einen sexuellen Schauer erlebe. Als sie das Café betrat und auf mich zukam, spürte ich so einen Schauer und er hielt an, während wir einen Tisch suchten, unsere Mäntel auszogen, bestellten, und er hielt weiter an, während wir zu reden anfingen. Und dann war es auf einmal vorbei. Daran habe ich hinterher immer wieder denken müssen, wie der Schauer auf einmal weg war und nicht wieder kam während des ganzen folgenden Gesprächs nicht. Es war zum ersten Mal, seit wir uns begegnet waren vor drei Jahren, dass wir uns gegenüber saßen und uns so nah waren. Den Schauer hatte ich zuvor schon erlebt, wenn ich sie gesehen hatte oder meinte, ihre Nähe zu spüren. Jetzt, bei unserer ersten Verabredung - beim dritten Mal, da wir miteinander sprachen - wollte sie mir einreden, dass es kein Zuvor gegeben hatte, nicht mit ihr. Weil sie nicht die Frau war, für die ich sie hielt. Zugleich zeigte sie mir aber, dass sie als die, die sie sein wollte, interessiert war, mich kennen zu lernen. Nun eben ohne Schauer, hätte das geheißen für mich. Wo doch der Schauer der Beweis für mich war, dass ich mich nicht täuschte und dass sie mich belog. So gekonnt und überzeugend log, dass ich kurz einmal ins Zweifeln kam, dann aber nur noch abgestoßen war von ihrer Falschheit. Und ich denke mir, dass deshalb der Schauer aufgehört hat und nicht mehr zu verspüren war in dem langen Gespräch, weil ich erlebt habe, wie versiert sie log, wie gewohnheitsmäßig falsch sie ist als Person. Falsch zu mir. Denn hätte sie mir erzählt, wie sie andere belügt und betrügt und mir damit gezeigt, was für eine falsche Person sie ist, hätte ich nur gedacht, dass das zu mir passt, mich in so eine Frau zu verlieben,  und wäre ihr am Ende noch mehr verfallen gewesen. Aber wie soll ich eine Frau begehren, die so falsch zu mir ist?

Es ist nicht auszuschließen, dass ihr Typ oder ihr Ex-Typ es von ihr verlangt hat, dass sie mich täuscht über ihre Identität, damit er herausgehalten wird aus meiner Geschichte mit ihr. Dann ist sie entweder eine tragische Figur oder dumm, weil es klar war, dass sie mit ihrer Verstellung nicht durchkommen würde und es so ausginge wie geschehen: dass wir uns, kaum sind wir bekannt geworden miteinander, enttäuscht voneinander abwenden. Ich, weil ich ihre Falschheit nicht hinnehmen kann, zu der er sie verpflichtet hätte in dieser Version. Nicht zum ersten Mal sehe ich ihn als manipulativen Charakter, Puppenspieler, und sie hängt an seinen Fäden, ohne es zu merken, dann wäre sie dumm. Oder sie ist abhängig von ihm. Dann ist sie eine tragische Figur, weil sie bei einem wie ihm hängengeblieben ist und nicht von ihm wegkommt. Und wenn sie sich retten will, dann gerät sie an jemanden wie mich und was ich ihr geben könnte, damit kann sie nichts anfangen, das kriegt sie gar nicht erst zu Gesicht, weil sie mich beurteilt nach einer Standardvorstellung von Mann, der ich nicht entspreche, so wie ihr Typ oder Ex-Typ es tut. Aber von dem bekommt sie nicht, was sie braucht, von dem bekommt sie nur, was er braucht. Er kann nicht von ihr lassen. Aber er kann sie auch nicht zu seiner Frau machen, weil seine Frau eine andere Frau ist und wenn es keine andere Frau gäbe, würde er sich trotzdem nicht an sie binden, weil er frei sein wollte für den Tag, wenn eine bessere Frau kommt. Ich denke, dass sie ihm nicht gut genug ist. Sie ist nicht gut genug, gemessen an den Vorstellungen, die er davon hat, wie eine Frau für ihn sein muss. Und diese Vorstellungen sind dissoziiert davon, was er wirklich braucht. Das zeigt sich darin, dass er von ihr nicht lassen kann. Doch so alt können sie gar nicht werden miteinander, dass er das begreifen und ändern wird. Sie vertut mit ihm ihre Zeit und sie merkt es nicht, denn er lenkt sie ab mit dem Drama seiner Zerrissenheit und sie selbst lenkt sich ab mit dem Drama ihrer Suche nach einem Ausweg. Wie hoffnungslos ihre Suche ist wegen ihres Ungeschicks, mit dem sie sich selbst im Wege steht, das habe ich drei Jahre lang erlebt als mein eigenes Unglück. Ich habe nie eine Frau ungeschickter handeln gesehen. Und ich habe noch nie eine Frau gesehen, die eine unglücklichere Figur abgegeben hat als sie.

120712 Datei ContessaTatsächlich
Sie ist entweder 37 oder 40 Jahre alt. Als ich ihr gegenüber saß, hat sie gesagt, dass sie 37 ist. Es kann sein, dass sie 37 gesagt hat, weil sie früher einmal ihr Geburtsdatum angegeben hat mit 11. 9. 1971, in der verhuschten Kommunikation, zu der es gekommen ist zwischen uns durch ihr Eingehacktsein, hat sie mir das Datum genannt. Als sie mir nun gegenüber saß, wollte sie nicht die Frau sein, die in meinen Rechner eingehackt ist und auf diesem Weg schon kommuniziert hat mit mir. Egal wie verhuscht das war und wie wenig in all der Zeit dabei von von ihr gekommen war. Als sie mir nun endlich gegenüber saß, beharrte sie darauf, dass sie mich erst kennt, seit ich sie verwechselt habe mit einer anderen Frau und deshalb angesprochen habe an einem Fußgängerüberweg ein paar Wochen zuvor. Dass sie daher nicht die Frau ist, die ich vor drei Jahren regelmäßig gesehen habe beim Frühschwimmen in einem Hallenbad, später - ich wollte es erst selbst nicht glauben - in einer Wohnung in nächster Nachbarschaft meiner Wohnung, und als ich bemerkte, dass sie sich in meinen Rechner eingehackt hat – was ich auch erst nicht glauben wollte -, da habe ich mir ihr Eingehacktsein in meinen Rechner zunutze gemacht, um mit ihr zu kommunizieren. Bis ihr Freund dahinter gekommen ist und sich ebenfalls bei mir eingehackt hat. Weil er wissen wollte, was vorgeht. Aber vor allem, um sich einzumischen. Um unserer Heimlichkeit ein Ende zu machen. Und mich zu täuschen. So kann es sein, dass das Geburtsdatum 11.09.1971 von ihm gestreut wurde als Fehlinformation, um mich vorzuführen. Denn wäre ich nicht misstrauisch geworden, hätte ich darauf in meinem Blog am 11. September ihr Glück gewünscht zu ihrem Geburtstag und mich bestimmt veranlasst gesehen, noch eine Bemerkung dazu zu machen, dass sie am 11.09. geboren ist, dem Datum, das durch die Ereignisse dreissig Jahre später historisch wurde. 9/11. Ich hätte gar nicht anders gekonnt wegen meiner Blogregel: Alles muss ausgesprochen werden, hätte irgendetwas losgelassen, was mir in dem Moment plausibel, tatsächlich aber eine Riesendummheit gewesen wäre. Und er hätte triumphiert, weil es ihm gelungen war, mich zum Hampelmann zu machen. Als käme es darauf an. Aber so ein Mann ist das. Den hat sie sich ausgesucht. Sie der eine Hacker, er der andere. Ihr Typ oder Ex-Typ. Kann sein, dass sie getrennt sind, aber sie kommen nicht los voneinander, weil er nicht aufgibt oder sie nicht aufgibt. Ich schätze, dass er nicht aufgibt. Trotzdem wird sie von ihm immer nur bekommen, was er braucht. Eine Geliebte braucht er, denn eine Frau hat er schon, mit der ist er kinderlos verheiratet, und sie lebt in einer anderen Stadt. Sie also hingehaltene Geliebte oder enttäuschte Ex-Geliebte. 37 oder 40, wenn sie jetzt nicht endlich auch mal Glück hat, wird es nichts mehr mit dem Glück in ihrem Leben.

Montag, 3. September 2012

ContessaTatsächlich 2


240812 Morgenseiten
… und wie sie sich als höheres Wesen fühlt und wie sie dann das ganze Hintenrum und das Gelüge braucht, um sich damit durchzusetzen.

180812 Notizbuch
Das Verhängnis ist nicht diese oder eine andere Frau. Es ist die Liebe von Frauen. Wie sie lieben. Was sie sich unter Liebe vorstellen. Was sie für Geschäfte mit der Liebe machen.

19.08.12 Notizbuch
Das Wunder der Liebe ereignet sich für mich, als mir klar wird, was sie alles mitgekriegt hat von mir, wenn sie in meinen Rechner eingehackt ist, und sie ist in meinen Rechner eingehackt, daran gibt es gar keinen Zweifel und trotzdem ist immer noch da und will mich kennenlernen. Das ist das Wunder der Liebe und bald schon werden wir es zusammen erleben, habe ich geglaubt. Aber dazu ist es nicht gekommen. Es ist uns nie gelungen, uns kennenzulernen. Weil sie zu gut weiß, dass es keine Wunder gibt.

140712 Datei ContessaTatsächlich
Mit mir hatte sie kein Glück. Mit mir hat sie sich verzockt und gezockt hat sie. Sie hat einen Mann gesehen, von dem sie geglaubt hat, er könnte sie sich leisten. Falsch, ich kann mir nicht einmal mein eigenes Leben leisten und eine Frau, die ich kennengelernt habe, auch nur zu einem Kaffee einzuladen, ist nicht drin. Deshalb bin ich jedes Mal in Panik geraten, wenn ich daran dachte, dass die Frau, die ich seit Monaten beim Schwimmen beobachtete und die mich beobachtete, wie ich sie beobachtete, etwas von mir wollen könnte. Mehr als das Wechseln eines Hundert- Euro-Scheins. Das hatte sie mich im Januar an einem frühen Morgen mit schriller Stimme gefragt, als ich ins Hallenbad kam. Können Sie einen Hundert-Euro-Schein wechseln? – Ich kann nicht einmal meine Zehnerkarte finden, habe ich verschlafen geantwortet und mich dann besonnen und ihr angeboten, ihr die drei Euro für den Eintritt zu geben, wenn die dumme fette Frau an der Kasse nicht bereit ist, ihr den Schein zu wechseln, der für 6 Uhr 30 in einem Berliner Hallenbad allerdings wirklich sehr groß ist. - Haha! sagte sie auf  mein Angebot höhnisch, als wäre das der älteste Trick in der Welt alter Säcke wie mir, mit denen wir junge Frauen von uns abhängig machen und das nächste ist, dass wir sie unter Drogen setzen, verschleppen, und so wie wir das in unseren fiesesten Masturbationsphantasien unzählige Male durchgespielt haben, mit Handschellen ans Bett fesseln und wenn wir genug von ihnen haben, sie an einen internationalen Menschenhändlerring verscherbeln und das alles mit drei Euro. Nachdem sie schon so empört auf den ersten Teil meines Angebots reagiert hatte, schlug ich ihr lieber nicht vor, dass sie mir das Geld in den nächsten Tagen zurückzahlen könnte, zum Beispiel indem sie es bei der unfreundlichen Kassiererin hinterlegte. Stattdessen sagte ich, dass es um die Ecke eine rund um die Uhr geöffnete Sportsbar gibt. Und da müssen sie ihr den Schein gewechselt haben, denn nach dem Schwimmen, etwas mehr als eine Stunde später sah ich sie aus der Damenumkleide kommen mit nassen Haaren und ihre Stiefel in der Hand. Barfußzone in den Umkleiden. Als ich meine Schuhe anzog auf einer Bank sitzend in der Eingangshalle des Bades, saß sie auf der anderen Seite und zog ihre Stiefel an. Es ergab sich, dass sie kurz vor mir das Gebäude verließ und den gleichen Weg hatte wie ich, rechts um das Gebäude herum und dann über den Parkplatz in Richtung Straße. Sie ging vor mir. In ihrem Empfinden oder in ihrer Vorstellung von Verhaltensmustern alter Säcke wie mir muss es aber so gewesen sein, dass ich ihr folgte, und da es vom Folgen zum Verfolgen, wie wir alle wissen, nur ein Schritt zuviel ist, fing sie an zu hasten und schaffte es gerade noch rechtzeitig, ihren alten VW Golf zu erreichen, den sie gleich neben der Einfahrt zum Parkplatz abgestellt hatte, und die Tür aufzuschließen und einzusteigen, bevor ich nah genug herangekommen war, um sie anzusprechen. Denn dass ich sie an dieser von Passanten gut einsehbaren Stelle zu Boden werfen würde, um sie zu schänden, damit musste nicht einmal sie gerechnet haben, obwohl sie anscheinend nicht zum ersten Mal den Nachstellungen eines alten Sacks wie mir ausgesetzt war und deshalb unendlich erleichtert gewesen sein muss, als sie völlig außer Atem den Schlüssel ins Zündschloss ihres alten VW Golfs steckte, während ich vorbei ging und Mühe hatte, mich nicht gedemütigt zu fühlen von dem, was sie gerade vor mir abgezogen hatte. Als ich an der Sportsbar vorbei kam, die ich ihr zum Geldwechseln empfohlen hatte, gelang es mir trotz allem zu lachen. Aber ich hätte lieber nicht gelacht. Ich hätte lieber nicht erlebt, was ich eben erlebt hatte. Ich war auch so schon voller Verachtung für die Frauen, die mir begegneten. Frauen sind langweilig, banal und berechnend, hatte ich einmal gedacht und dann immer wieder, bis es zu meiner Überzeugung geworden war, von der ich nicht mehr loskam, und da wusste ich, dass ich verloren hatte, denn natürlich sind Frauen langweilig, banal und berechnend, aber sie sind es auch nicht. Weshalb der Satz intellektuell eine Bankrotterklärung ist und, schlimmer noch als das, zeigte er mir, dass ich verschissen hatte in meinem Leben, weil ich von nun an nur noch Frauen treffen würde, auf die dieser Satz zutrifft, und von den anderen sollte ich nicht einmal träumen, weil ich mich damit nur noch unglücklicher machen würde.

Sonntag, 2. September 2012

ContessaTatsächlich 1


Ton einer verspätet vorgetragenen Beschwerde. Unerfüllt gebliebene Sehnsucht. Menschen, die mich nichts angehen, zu nahe gekommen. Hässliche Geschichte. Ich bin selbst zu einem hässlichen Menschen geworden. Bei Auswahl und Bearbeitung der Texte habe ich mich nicht bemüht, daran etwas zu ändern. Ich rate davon ab, die Texte zu lesen. Nichts darin ist neu und die Geschichte ist zu  einfach: ein Einfaltspinsel bemüht sich um das falsche Mädchen, am falschen Ort, zur falschen Zeit. Ich kann nur jedem mehr Glück wünschen mit seiner Sehnsucht, als ich es hatte mit meiner. 



50712 Notizbuch
Sie ist 37 oder 40. Ich hätte sie heiraten müssen, um es herauszufinden. Ich hätte sie geheiratet.

60712 Datei ContessaTatsächlich
Sie ist 37 oder 40. Ich müsste sie heiraten, um es herauszufinden. Aber selbst dann könnte ich mir nicht sicher sein, dass die Dokumente, die sie beim Standesamt vorlegt, echt sind. Als ich sie zum zweiten Mal reden hörte, sprach sie mit amerikanischem Akzent. Der war mir nicht aufgefallen, als ich sie zum ersten Mal reden hörte. Als ich sie drei Jahre später wieder reden hörte, sprach sie vollkommen akzentfreies Deutsch mit einer leichten süddeutschen Färbung. Sie erklärte das damit, dass sie nicht die Frau war, die ich mit einem amerikanischen Akzent hatte reden hören. In einem Hallenbad war das. Wir hatten das Becken verlassen müssen, weil eine erhöhte Keimbelastung des Wassers gemessen worden war, und ich hörte, wie sie sagte: Vielleicht, wenn wir zehn oder zwanzig Minuten warten, das Wasser ist wieder gesund. In dem Moment habe ich mich in sie verliebt. Die Frau mit dem akzentfreien Deutsch und der leichten süddeutschen Färbung amüsierte sich über die Verwechslung und war sehr freundlich zu mir. Sie glaubte, mich schon einmal gesehen zu haben. Ob ich in einem Laden arbeite, fragte sie mich. Und dann fragte sie noch: Kennen sie Frau W.? Als wäre das eine im Stadtteil vielen bekannte Person. Später wurde klar, dass es ihre Therapeutin ist, die in einem benachbarten Stadtteil ihre Praxis hat. Die Therapie hatte sie vor drei Jahren begonnen wegen einer Lebenskrise. Jetzt war sie gerade dabei, die Therapie  erfolgreich abzuschließen und das bedeutete, dass sie nicht mehr lange Hartz 4-Geld bekommen würde und sich einen Job suchen musste. Die Schwierigkeit dabei war, dass sie in ihre Jobs immer als Autodidaktin und als Quereinsteigerin rein gekommen war und dass das nach drei Jahren Auszeit nun nicht gleich klappte. Das war bei unserer ersten Verabredung, als sie mir das alles erzählte. In der Nacht zuvor hatte sie nämlich nicht richtig geschlafen. Wegen eines Jobangebots, das für sie inakzeptabel war, aber da es auch das einzige war, das sie hatte, konnte sie es nicht leichten Herzens ablehnen. Ich bin sonst anders, sagte sie. Obwohl sie so viel von sich erzählte, wurde nicht klar, in was für Jobs sie gearbeitet hatte als Autodidaktin und Quereinsteigerin. Und ich habe sie nicht danach gefragt. Ich wollte es ihr überlassen, was sie mir erzählt. Im Anfang meiner Verliebtheit hatte ich mir immer vorgestellt, dass sie für die CIA arbeitet, und da der US-Geheimdienst so schlecht zahlt, noch einen zweiten Job als Profikillerin hat und wenn sie zurück käme von einem ihrer Killjobs irgendwo auf der Welt und im Morgengrauen neben mir unter die Bettdecke glitte, dann würde ich ihr Fragen stellen und sie würde mir mit ihrer flachen rechten Hand den Mund verschließen und sagen: Nimm mich in den Arm! Mit amerikanischem Akzent würde sie das sagen, habe ich mir vorgestellt, weil ich sie für eine US-Amerikanerin gehalten habe. Das war die glücklichste Zeit mit ihr, als alles außer ihrer äußeren Erscheinung noch Phantasie war. Natürlich war mir klar, dass eine Frau wie sie nicht alleine ist und entweder eine Freundin oder einen Freund hat. Es war dann ein Freund, mit dem ich sie sah, und sie trug einen dunkelblauen Trenchcoat aus Kunstfaser, edle schwarze Strümpfe und formelle Schuhe mit einem kleinen Absatz. Der Mantel sah aus wie ein Uniformmantel, wie Flugpersonal ihn trägt. Von da an nahm ich an, dass sie Flugbegleiterin ist und der Mann, mit dem ich sie gesehen hatte, ein paar Jahre älter als sie, aber deutlich jünger als ich, ein Pilot, Flugzeugkapitän. Beide bei der gleichen Airline, Kollegen erst, jetzt ein Paar. Aber dann stellte sich heraus, dass ihr Freund der Nachbar ist, der mir gegenüber wohnt und der mir Jahre vorher aus seinem Fenster beim Masturbieren zugesehen hätte, als ich mich unbeobachtet geglaubt hatte, und als ich ihn bemerkte, wie er entgeistert zu mir her glotzte, da habe ich gedacht: Was ist das denn für ein Typ? Ohne auf die Antwort scharf zu sein. Aber jetzt ist das der Typ von ihr und als nächstes kriege ich mit, dass sie da drüben ein und aus geht oder vielleicht sogar da wohnt. Contessa habe ich sie inzwischen genannt, da ich ihren richtigen Namen nicht kannte und weil sie ihre schönen langen Beine übereinander schlug mit der Anmut einer originalvenezianischen Contessa, wenn sie sich im Hallenbad an den Beckenrand setzte, um ihre Haare hochzustecken und ihre Badekappe aufzusetzen. Die Beine, immer wieder ihre langen schönen Beine. Wie oft ich sie gesehen habe beim Schwimmen. Ihre Waden glänzend vor Nässe und sonnenbeschienen. Die feine Zeichnung der Muskulatur an ihren Oberschenkeln. Aber nur das. Keine Phantasien. Und dass ich da hin wollte zwischen diese Schenkel. Mehr verbot ich mir an Wunsch und Vorstellungen. Um mich nicht zu quälen. Aber nun die Vorstellung, dass der Typ da drüben, der mir durch meine offen stehende Balkontür beim Masturbieren zugeschaut hatte, zwischen ihren Schenkeln lag. Auch das wollte ich mir nicht ausmalen. Trotzdem kam ich von der Vorstellung nicht los. Und damit fing es an, grausam zu werden und seither ist es immer grausamer geworden. Ich habe herausgekriegt, dass er nicht Flugzeugkapitän ist und war enttäuscht. Flugzeugkapitän hätte mir imponiert, aber nun hatte er einen Beruf wie jeder andere, der seinem Nachbarn beim Masturbieren zuguckt und das Maul dabei nicht zukriegt vor Staunen, worüber eigentlich? Trotzdem habe ich noch eine Weile angenommen, dass sie Flugbegleiterin ist. Dass sie ihren Job verloren haben könnte wegen einer Lebenskrise, darauf wäre ich aufgrund meiner Beobachtungen nie gekommen, weil ich sie unter der Woche tagsüber nicht sah. Erst am frühen Abend. Was, wie ich jetzt weiß, daher kam, dass sie eine eigene Wohnung hat und dort ihre Tage verbrachte. Mit was? Und in was ist sie Autodidaktin und Quereinsteigerin? Inzwischen denke ich, dass sie in der IT-Branche gearbeitet hat. Was mit Software. Programmierung. Und ihre Kenntnisse hat sie sich selbst drauf geschafft. Keine Zertifikate, keine Diplome. Und dann hat sie sich überschätzt, wie es vielen Autodidakten passiert. Den Anschluss verpasst, die Arbeit verloren und deswegen ihre Lebenskrise bekommen, nicht umgekehrt. Egal wie, ihre Kenntnisse reichen aus, um sich in meinen Rechner einzuhacken und trotz allem, was ich mir inzwischen ausgedacht habe, um ihn vor ihrem Zugriff zu schützen, immer noch eingehackt zu sein. Auch in dem Moment, da ich das schreibe, ist sie da, liest mit, was ich schreibe, zeigt mir auch, dass sie da ist. Beobachtet mich, um mich zu kontrollieren, um dazwischen zu funken mit einem Systemabsturz, wenn es ihr nicht passt, was ich über sie oder ihren Typ (Ex-Typ?) schreibe. Oder ist einfach nur da, weil sie gerne dabei ist und auch nicht wüsste,was sie sonst machen soll.

250812 Notizbuch
Sie ist entweder 37 oder 40. Hätte ich es genau wissen wollen, hätte ich sie heiraten und sie mit ihren Papieren aufs Standesamt schleppen müssen. Aber auch danach hätte ich mir nie ganz sicher sein können, ob ihre Papiere nicht gefälscht sind. Bleibt als letzte Möglichkeit, was Mrs. Matthau einmal in einem ähnlichen, aber ganz anderen Fall ihrem Mann Walter empfohlen hat: Hack ihr doch die Beine ab und zähl die Jahresringe! 

Ihre schönen Beine …

Mittwoch, 6. Juni 2012

Kill Your Darlings 3


Wild thing
You make my heart sing
You make everything, groovy
I said wild thing
The Troggs

Er hat sich als Indianer gesehen, tatsächlich aber war er ein Pirat. Denn kein Indianer, der sich nicht in einem verschissenen nordamerikanischen Reservat den letzten Rest seines Verstands weggesoffen hat, lässt seinen Rechner im 24-Stundenbetrieb Soundfiles runterladen, die er erst auf einer, dann zwei, dann drei, am Ende vier externen Festplatten archiviert, aber er wüsste gar nicht, wo er anfangen soll mit dem Anhören, wenn es ihm um die Musik ginge und nicht nur darum, sagen zu können: 127 000 Musiktitel, und zu Treffen mit Freunden immer zwei, drei gebrannte CDs mitzubringen, und jedes Mal falle ich wieder darauf rein und freue mich, bis ich sehe, dass es wieder nur Schrott ist, was er mitgebracht hat: The Troggs 1965 – 1968. Zwei CDs mit dem Gesamtwerk eines One-Hit-Wonder (Wild Thing). Zu Hause habe ich die CDs gleich weggeworfen, nur die Hülle behalten zur Wiederverwendung. Ich weiß genau, dass er sich das Troggs-Album auch nie angehört hat. Es ging ihm nur um das Runterladen und das Haben, um die Anekdote mit den Zahlen und das Verschenken, das ein für ihn charakteristisches Nerven war. Aber ihm das zu sagen, das habe nicht einmal ich mich getraut. 

Bei dem Kram, den er runterlud, brauchte er nicht zu fürchten, von der Anwaltsbüro-Truppe der Industrie aufgespürt zu werden. Erst, als er begann, Filme und dazu noch aktuelle Filme herunterzuladen, wurde er prompt erwischt und bekam eine Rechnung von über 1000 Euro für zwei Filme. Der eine Film war Slumdog Millionaire. Den hat er seiner Freundin mitgebracht, um ihn mit ihr und ihrer Tochter anzusehen. Der zweite Film war ein Porno, in dem es um junge Frauen mit behaartem Genital ging. Er hat sich nie beschwert über das Anwaltsbüro und brav überwiesen, nachdem er Ratenzahlung ausgehandelt hatte. Geärgert hat er sich nur über sich selbst. Der war nicht mal gut, der Porno, meinte er zerknirscht. Bei Video World hätte er nur 1 Euro 70 bezahlt, wenn er die DVD noch am gleichen Tag, an dem er sie ausgeliehen hatte, wieder zurückgebracht hätte, weil ihn der Film enttäuschte. Wenn er dem Film noch mal eine Chance hätte geben wollen, hätte er noch mal den gleichen Betrag für jeden Tag Ausleihe zahlen müssen. Und wenn er sich beim zweiten oder dritten Ansehen in eine der Darstellerinnen verliebt hätte und sich nicht mehr von ihr und der DVD hätte trennen wollen (das erleben sie bei Video World immer wieder mit Kunden), dann hätte er nach vier Wochen eine Mahnung geschickt gekriegt, nach weiteren vier Wochen eine zweite und nach weiteren vier Wochen die dritte Mahnung - und der Film mit der Frau, die sich nicht wie seine Freundin die Schamhaare rasierte und ihn nicht nur noch telefonisch beschimpfte, sonst aber nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, der Film mit der Frau, die ihm nun so viel bedeutete, die DVD mit diesem Film hätte bis an sein Lebensende ihm gehört. Denn Video World hätte die Sache nicht weiterverfolgt. Zu aufwendig. Nur dass er sich bei Video World dann keine Filme mehr hätte ausleihen können. Es sei denn, er wäre bereit gewesen, eine Pauschale von 50 Euro zu zahlen, dann hätten sie ihm einen neuen Ausweis ausgestellt. Auch so wäre der Film immer noch preiswerter gewesen als an der Internet-Tauschbörse. Doch es wäre ihm nie eingefallen, sich bei Video World einen Film auszuleihen und schon gar nicht einen Porno. Für einen Porno gebe ich kein Geld aus, wird er sich gedacht haben. Umso mehr hat er sich über die monatlichen Zahlungen ans Anwaltsbüro geärgert. Er hat ihnen dann geschrieben, dass er zwangspensioniert ist, hoch verschuldet und außerdem todkrank. Daraufhin haben sie ihm einen geringen Teil ihrer Forderungen erlassen, um nicht hartherzig zu erscheinen. Dabei hätte ihm das alles so was von egal sein können, wenn er geahnt hätte, dass er ein paar Monate später tot sein wird. Aber das konnte er nicht ahnen, denn gestorben ist er nicht an seinem Krebs und auch nicht an seiner Leberzirrhose, gestorben ist er an einer Lungenentzündung, die er sich zugezogen hat in dem Krankenhaus, in das sein Sohn ihn hat einweisen lassen, und die er zu Hause nicht gekriegt hätte, wo es jedoch so gestunken hat, dass sein Sohn erst mal die Luft anhalten musste, wenn er seinen Vater besuchte, und dann zu sehen, wie er immer hinfälliger wurde und mehr und mehr verwahrloste und überall das Blut von dem stundenlangen Nasenbluten. Man muss auch den Sohn verstehen: das war immer noch sein Vater und er hat es nicht ertragen, ihn in diesem Elendszustand zu sehen. Es war nicht vorsätzlich. De
r Junge studiert Informatik. Iatrogene Keime? Wie bitte? Ist schon besser so, wenn sich das nicht rumspricht, sonst wissen die Kliniken bald nicht mehr wohin mit all den Patienten, die es noch eine Weile machen könnten zu Hause, aber ihre Angehörigen können das Elend nicht mit ansehen. Keine 14 Tage hat es gedauert. Meistens im Dämmer, aber ansprechbar. Wie angenehm! Als er starb, waren sein Sohn bei ihm, seine Ex-Freundin, ihre Tochter und viele andere. Nur ich war nicht da und die Frau aus dem Porno auch nicht.

Samstag, 26. Mai 2012

Kill Your Darlings 2


Warnung: Der Sprachgebrauch in diesem Text kann als anstößig empfunden werden und ein Teil des beschriebenen Geschehens ist Erwachseneninhalt im Sinne des Blog-Hosts.

Als ich noch sehr jung war, habe ich als Filmkritiker gearbeitet. Schon nach wenigen Jahren ging mir dabei meine Begeisterungsfähigkeit verloren. Während ich im Kino saß, suchte ich nur noch nach Erklärungen, warum der Film, den ich gerade sah, misslungen war, und Filme, die meinen Ansprüchen genügen konnten, sah ich immer seltener. Nachdem mir das klar geworden war, gab ich meine Freelancer-Engagements als Filmkritiker auf und es war dann tatsächlich so, dass ich nach einiger Zeit wieder mehr Freude hatte im Kino. Statt Kritiken schrieb ich erst Reportagen, in denen viel zu oft aber vorkam, und danach Kurzgeschichten, in denen es ausschließlich ums Ficken ging, weil ich meinte, das sei das Einzige, wovon ich wirklich etwas verstehe. Tatsächlich jedoch war es das Einzige, wofür ich mich wirklich interessierte. Doch entscheidend dabei war, nicht mehr zu beurteilen, was andere gemacht hatten, sondern selbst etwas zu machen. Das war nicht schlecht als Entschluss für 27, 28 war ich da.  Ich habe dann drei Fickgeschichten in dem von mir bewunderten Stil Hunter S. Thompson´s geschrieben, von denen eine beinahe im deutschen Rolling Stone abgedruckt worden wäre, aber am Ende hat es nur für die Veröffentlichung in einem Münchener Männermagazin gereicht, das Why Not hieß, besser zahlte als der Rolling Stone und drei Nummern später sein Erscheinen einstellte. Die vierte Geschichte war eine Spielerei mit Arthur Schnitzlers Traumnovelle. Eine Erzählung aus der Perspektive eines amerikanischen Touristen, der sich im Wiener Fin de Siècle verirrt und redet wie Mark Twain in den Berichten über seine Europareise geschrieben hat. Auch das nicht schlecht, wenn berücksichtigt wird, dass Stanley Kubrick viele Jahre später in Eyes Wide Shut etwas Ähnliches gemacht hat, nur mit Nicole Kidman und Tom Cruise statt mit Mark Twain, und das kann ich trotz aller Demut sagen: meine Geschichte war witziger und aufregender. 

An dem Sonntagnachmittag, an dem ich die Geschichte zu Ende geschrieben hatte, gab ich sie meiner Freundin zu lesen. Wir trennten uns gerade, wohnten aber noch zusammen. Meine anderen Kurzgeschichten hatten sie stolz auf mich gemacht. Diese jetzt fand sie schlecht, sagte sie, richtig schlecht, und danach konnte es ihr gar nicht schnell genug gehen, mit mir ins Bett zu kommen. Obwohl wir fertig miteinander waren, auch sexuell, haben wir uns dann fast die Seele aus dem Leib gefickt wie in unseren Anfängen als Paar und das habe ich damals schon gedacht, dass das wahrscheinlich das ehrlichste und schönste Kompliment gewesen sein wird, das ich jemals als Autor bekommen werde. Als ich kurz vor dem Orgasmus war, habe ich dann etwas gemacht, was ich noch nie gemacht hatte beim Sex mit ihr, weil es auch nicht nötig war, da sie sich zur sicheren Verhütung eine Spirale in ihren Gebärmutterhals hatte einsetzen lassen, und worüber ich mich deshalb selbst gewundert habe, als ich es machte: ich habe mich aus meiner Ex-Freundin zurückgezogen, um nicht in ihr zu kommen. Darauf war sie erst verblüfft und dann hat sie mir eine geknallt und danach wussten wir wieder genau, warum wir uns trennen wollten. Wir hatten noch einige Male Trennungssex danach, aber wir sind nie wieder so übereinander hergefallen wie an dem Nachmittag, als sie meine Schnitzler/Twain-Hommage gelesen hatte. Und ich habe aufgehört damit, Kurzgeschichten zu schreiben, weil ich glaubte, schon alles erlebt zu haben, was ich damit erleben konnte. Das war einer von zwei großen Fehlern, die ich in meinem Leben gemacht habe. Denn ich habe nie etwas gelesen, was vergleichbar gewesen wäre mit meinen Kurzgeschichten: Fickgeschichten mit der Idee, dass sexuelle Handlungen Kommunikation sind, und wenn Ficken Kommunikation ist, dann ist es auch erzählbar als Kommunikation, und wenn Ficken als Kommunikation erzählbar ist, dann ist Ficken als Handlung auch komödienfähig, nicht nur in dem Sinne, dass irgendetwas Komisches passiert beim Ficken, ein Missgeschick oder eine Peinlichkeit, sondern Komödie der Kommunikation, die Ficken ist. Vom Ficken als gesellschaftlichem Handeln erzählen, darum ging es. Und das hätte ich mal weiter machen soll, denn bei allen vier Anläufen, die ich genommen habe, die ersten drei Ende 20, der vierte Mitte 30, ist mir das gelungen. Ich hätte nur noch sehr viel verbessern, beharrlich daran weiter arbeiten müssen, und wenn es zehn, zwanzig Jahre gedauert hätte. Stattdessen habe ich mir einen Traum erfüllt, den ich als 15jähriger gehabt hatte, nachdem ich Michelangelo Antonionis Film Blow up gesehen hatte und nun auch einen Film machen wollte, der so von einem Lebensgefühl erzählt wie der Film von Antonioni, und ein Pop Life wollte ich haben wie der Fotograf in Blow up. Diesem Traum fühlte ich mich auf einmal verpflichtet, als ich um die 40 war, und mit den Mitteln, die ich hatte, habe ich ihn mir erfüllt: Als Filmemacher, der an einem Set steht und ein Team dirigiert, sah ich mich nicht nach allem, was ich von mir mitgekriegt hatte bis dahin. Ich wollte Filme schreiben. Und lernen wollte ich das, indem ich Drehbücher fürs Fernsehen schrieb. Das hat auch geklappt. Nur über das Schreiben fürs Fernsehen bin ich nie hinausgekommen. Und wäre ich vor zwei Jahren tot umgefallen, wäre das mein Leben gewesen, dass ich mir meinen Jugendtraum erfüllt habe, nur um, kurz bevor ich tot umgefallen bin, zu erkennen, was für ein Blödsinn das gewesen ist. Nicht der Traum. Mir den Traum zu erfüllen.

Freitag, 25. Mai 2012

Kill Your Darlings 1

Selten ist es witzig. Sonntagnachmittag. Kommunale Galerie. Ich könnte meine Hose öffnen und ungestört vor einem der Werke masturbieren. Aber warum sollte ich das tun? Stattdessen fotografiere ich die gesamte Ausstellung. Werk für Werk. Weiße Tafeln an der Wand, angeordnet in unterschiedlich großen rechteckigen Konfigurationen. Einen flachen Kasten gibt es mit einer gepunkteten Leuchtschrift: Leer. Rechts daneben steht ein Stuhl ohne Sitzfläche. Weiß. Am anderen Ende des Ausstellungsraumes ein Tisch: gedeckt mit aufgemalten Tellern und Besteck. Aufgemalt in Grautönen. Ein Kabel führt vom Tisch zu einem Recorder, der hinter einer Heizungsverkleidung steht. Es läuft eine Aufnahme von Geräuschen aus einer Kantine oder einer Mensa, ein Restaurant ist das jedenfalls nicht. Im Hinausgehen bemerke ich an der Decke in der Mitte des Raumes ein weiteres Werk des Künstlers. Just in diesem Augenblick ist die Einspielung mit den Kantinen- oder Mensa-Geräuschen zu Ende. Stille, während ich mir fast einen dabei abbreche, über Kopf eine der zwölf Tafeln an der Decke zu fotografieren. Haptisch die Kunst an der Decke. Auf die Tafeln ist etwas gehäuft. Das kann Ton oder Gips sein. Das kann eine Speise oder Scheiße sein. Es kann alles Mögliche sein. Zu erkennen ist nur eine präparierte Masse, geruchlos, getrocknet, fest, so dass sie nicht von der Decke heruntertropfen kann, und die Masse ist weiß angestrichen wie die Tafeln, auf die sie gehäuft ist. Weiß an Weiß ist der Titel der Ausstellung. Wie lange ist es her, dass man mit so etwas ein Kunstpublikum sprachlos machen konnte? Gibt es einen Grund, diese Aktion jetzt zu wiederholen? – Hinter diesen Objekten lauern bestimmt irgendwelche komplizierten Überzeugungen. Überzeugungen, die der Künstler sich angelesen hat, und dann ist er nicht mehr von ihnen losgekommen. - Lesen kann schädlich für die geistige Gesundheit sein. Kinder, fangt erst gar nicht damit an, ihr kriegt es später nie wieder los! – Und jetzt kommt endlich der Witz. Ich schaue mir die Website des Künstlers an und lese: Von den Werken geht eine starke Atmosphäre aus, die eine hintergründige Dimension vermuten lässt. – Ich wusste es, dass da etwas lauert. Der Künstler (oder ein von ihm beauftragter Texter, wahrscheinlich Kunsthistoriker) drückt es nur feiner aus: vermuten lässt, schreibt er. Ich lauere nicht, ich lasse vermuten. Um korrekt zu sein: das steht auf der Website nicht an der Stelle, wo es um die Weiß-an-Weiß-Ausstellung geht, das steht auf der Seite mit den Installationen des Künstlers. Über die Weiß-an-Weiß-Ausstellung heißt es auf der Website, dass die unter diesem Titel gezeigten Werke zu transzendenten Erscheinungen werden. Was jedem, der schon einmal in einem Exemplar von Kants Kritik der reinen Vernunft geblättert hat, das Blut in den Adern gefrieren lässt. Will sagen, eine Erscheinung ist dadurch definiert, dass sie gerade nicht transzendent ist, und mit den Sinnesdaten, die sie uns gibt, können wir machen, was wir wollen, gerne auch unser Bewusstsein erweitern, aber bestimmt nicht so, wie der Künstler oder sein Texter sich das vorstellen: mit reiner Wahrnehmung und einer Fülle von Erfahrungen und Einsichten. Nichts mit Fülle, du mit deinen weißen Tafeln und Objekten. Das Häuflein Sinnesdaten, das sie uns geben, ist schnell verarbeitet, auch wenn du es an die Decke nagelst, so dass wir uns den Hals verdrehen müssen. Die einzige Erfahrung, die wir machen, ist die, dass du dich hervortun willst und glänzen willst du vor uns mit deinem weißem Zeug und wenn du das zugeben würdest und wenn wir darüber reden könnten, über das Glänzen-wollen und das Sich-Hervortun, dann kämen wir zu den schönsten neuen Einsichten auch ohne reine Wahrnehmung. Die gibt es nämlich nicht, die gibt es nur in den Texten auf deiner Website mit ihrer hintergründigen Atmosphäre, die transzendente Erscheinungen vermuten lässt, wo gar keine sind, weil es die auch nicht gibt.

Auf der Visitenkarte des Künstlers steht unter seinem Namen: mensch künstler diplom kunsttherapeut / -pädagoge (fh) tischler. Mensch ist so dämlich wie Leer. Tischler ist sympathisch. Tischler in Nürnberg war er, ist in seinem Lebenslauf zu lesen. Später hat er eine Weiterbildung gemacht und ist Kunsttherapeut / -pädagoge (Fh) geworden. Fh heißt Fachhochschule. Und was heißt Kunsttherapeut? Therapiert er mit Kunst? Oder therapiert er Kunst, therapiert er Künstler? Das bestimmt nicht. Aber könnte das nicht ich machen? Schon die zweite komische Idee, seit ich diesen Text begonnen habe. Die erste komische Idee habe ich verworfen, weil ich mich das doch nicht traue: Ich zeige dem Künstler diesen Text und biete ihm ein Geschäft an. Gegen einen Geldbetrag, dessen Höhe er bestimmt, der aber nicht lumpig sein sollte, lasse ich mich von ihm überzeugen, meinen Text über seine Weiß an Weiß-Ausstellung nicht ins Internet zu stellen. Das ist Erpressung. Das ist kriminell. Aber es ist auch neu und gegenwärtig. Und wenn ich es schreiberisch genügend absichere, wenn ich es als eine Kunstaktion aufziehe, als pragmatische Kunstkritik, dann ist es das perfekte Verbrechen, weil mir dann niemand was anhaben kann. Wenn jemand sagt, Erpressung, sage ich, Aktion und Kunst. Und wenn darauf gesagt wird, zynisch, dann sage ich, Therapie, Kunsttherapie. Ich therapiere schlechte Kunst, ich heile Künstler, indem ich sie von ihrer Kunst befreie oder indem ich sie zu besseren Künstlern mache durch ein Trauma, das sie von mir verpasst bekommen. So funktioniert meine Therapie, dass ich die Künstler traumatisiere mit meiner destruktiven Kritik und dem erpresserischen Angebot, das ich ihnen mache: Huhu! Das ist aus meinem künstlerischen Ehrgeiz geworden, dass ich jetzt diesen schmierigen Erpresser am Hals habe, der immer unverschämter wird und dann auch noch behauptet, es ist Therapie. Warum bin ich nicht Tischler geblieben? - Weil es in Nürnberg schon genug Tischler gab. – Aber warum musste ich dann Künstler werden? – Dieses Rätsel kannst nur du selbst lösen. – Wer bist du? – Dein Erpresser, dein Therapeut. – NEIIIN! – Doch.  

Montag, 16. April 2012

Bezaubert 4

Unbehaglich fühlt sie sich schon den ganzen Tag. Weil sie unausgeschlafen ist und weil sie heute noch bei den Leuten anrufen muss, die ihr den Verkaufsjob auf der Straße angeboten haben. Den wird sie ablehnen, sie kann gar nicht anders, aber ihr ist nicht wohl dabei, weil es ist das einzige Angebot, das sie hat, und vielleicht machen sie ihr ein anderes, wenn sie dieses Angebot ablehnt mit der Begründung, dass Straßenverkauf nicht zu ihr passt, vielleicht denken sie aber auch, wenn sie nicht bereit ist, sich erst zu bewähren, zeigt ihnen das, dass sie keinen Leistungswillen hat, und vielleicht haben sie ihr dieses Angebot nur gemacht, um sie zu testen. Was ihr auch klar ist, denn sie ist nicht auf den Kopf gefallen (das hier mal festhalten, dass sie nicht auf den Kopf gefallen ist). Und dennoch will sie den Job nicht machen, weil es nicht gut ist für sie nach gerade überstandener Lebenskrise sich gleich wieder einen solchen Zwang anzutun. Aber das Geld. Und das Jobcenter. Und vielleicht wollen die Leute sie nur testen, die sie nachher anrufen muss, um anzunehmen oder abzusagen. Das ihre Welt an diesem Nachmittag.

Wenn sie nur 900 oder 1000 Euro verdienen könnte, das würde ihr schon reichen, sagt sie. Aber die Schwierigkeit, eine Arbeit zu finden für sie als lebenslange Autodidaktin und Quereinsteigerin! Was das genau heißt, habe ich immer noch nicht kapiert und frage nun, wie alt sie ist. – 37. – Für etwa so alt habe ich sie geschätzt und aus dem Grund habe ich gefragt. Dann kann sie doch noch eine Ausbildung machen, sage ich. Sie schüttelt den Kopf. Das will sie auf keinen Fall und das hätte ich mir auch denken können: Autodidaktin, Quereinsteigerin ist sie gewesen und will sie bleiben, kann wahrscheinlich auch gar nicht anders. Komplexer Charakter. Kein einfaches Leben. Meine Welt. Wie alt ich denn sei? fragte sie nun. – 59. – Auch das jetzt bitte festhalten: Sie ist überrascht, als sie das hört. Authentisch überrascht. Wenn sie die Contessa ist, kann sie nicht überrascht sein. Die weiß, wie alt ich bin. Wenn sie die Contessa ist und sich so verstellen kann, dass ihre Überraschung so echt wirkt, dass unser Treffen an dieser Stelle einen Knacks kriegt, von dem es sich nicht mehr erholen wird, dann hat sie ein solches schauspielerisches Potential, dass die ganze Geschichte meiner unerfüllten großen Liebe zu ihr neu betrachtet werden muss von diesem Ende her: Sie trifft mich, ihre wahre Identität leugnend, zu dem einzigen Zweck, den Dialog an eine Stelle zu führen, wo sie mich fragen kann, wie alt ich bin, und nachdem ich für sie erwartungsgemäß geantwortet habe, 59, reagiert sie darauf wie jemand, dem es nur schwer gelingt, seine Bestürzung nicht zu zeigen, aber jeder kann sehen, wie sie unter Schock steht. Anschauliches Erzählen: Don´t say it, show it! Narrativ des manipulativen Charakters. Die Contessa ein manipulativer Charakter, das denke ich nicht zum ersten Mal, und nun will sie mir ein für alle mal klar machen: Du bist mir zu alt, kein Mann für mich. Arm und dann auch noch alt. So viel Romantik kannst du nicht von mir erwarten. So viel Romantik kann kein Mann von einer Frau erwarten. –  Ist klar. Aber warum das jetzt? Ich wollte doch gar nichts mehr. Ich habe nur noch darauf gewartet, dass es aufhört. Du warst raus aus der Geschichte. Hast du das nicht bemerkt? Oder wolltest du nur endlich auch mal was sagen, bevor es vorbei ist? Nachdem du drei Jahre geschwiegen hast. Das hatte sich also angesammelt bei dir in all der Zeit? Das musste raus? Egal, wie weh es mir tut? - Es hat gar nicht so weh getan. Nur ein Scheißgefühl war es: tagelang anhaltender Dämpfer, den mir die Einsicht versetzt hat, wer du bist, wenn du so bist. - Wenn du die warst, für die ich dich gehalten habe, und dann wieder nicht. Wenn ich mich nicht versteige mit meiner Erklärung deines Verhaltens. Dann bleibt immer noch das Gefühl dieses Dämpfers, den unser Treffen bei mir hinterlassen hat, unabhängig von dem, was ich mir gedacht habe. Am Ende gedacht, was ich gedacht habe, wegen des Gefühls und nicht wegen des Gedachten gefühlt: da ist ein nasses  Stück Filz, wo einmal mein Herz war. Keine Ahnung, warum es nass ist, ich habe den Filz nicht da hingetan.

Ende Version 1: Die Frau im Café ist die Contessa aus dem Hallenbad. Ende Version 2: Die Frau, die mir gegenüber sitzt, sieht der Contessa so verwirrend ähnlich, dass ich immer noch nicht weiß, ob ich ihrer Beteuerung, nicht die Frau aus dem Hallenbad zu sein, glauben soll, aber das ist nicht so wichtig. Sie ist 37 Jahre alt, hat sie geantwortet, als ich nach ihrem Alter gefragt habe. Ich bin 59 Jahre alt, habe ich ihr geantwortet, als sie mich nach meinem Alter gefragt hat. Ich hatte gedacht, das wüsste sie bereits: Hast du das nicht in meinem Blog gelesen, wie alt ich bin? frage ich sie, als ich sehe, wie überrascht sie ist, genau genommen: bestürzt. – Du hast keine Angaben zu deiner Person gemacht in deinem Blog, antwortet sie. – Aber es kommt doch immer wieder vor, dass ich mein Alter erwähne, sage ich und sie sagt darauf nichts. Sie hat wohl doch nicht so viel gelesen in meinem Blog. Und warum sie es mir dann nicht angesehen hat, wie alt ich bin, darüber will ich keine Mutmaßungen anstellen. Für so etwas gibt es oftmals die erstaunlichsten Erklärungen. Ich kann nur versichern: Ich sehe genau so alt aus wie ich bin und das schon ziemlich lange. Kein Mensch ist in den letzten zwanzig Jahren auf die Idee gekommen, mir damit zu schmeicheln, dass er mich für bedeutend jünger hielt, bevor er erfahren hat, wie alt ich in Wirklichkeit bin. Die Frau, die ich mit der Contessa verwechselt hatte, war die erste Person, der das passiert ist. Für wie alt sie mich gehalten hat? Ich war nicht geistesgegenwärtig genug, um sie danach zu fragen. Sie muss mich für deutlich jünger gehalten haben. Denn was immer sie sich vorgestellt hatte, als sie sich ihre Haare geföhnt, Make up aufgelegt und Schuhe mit halbhohen Absätzen angezogen hat, bevor sie losging, um mich zu treffen, das konnte sie nach der Eröffnung, dass ich 59 Jahre alt bin, vergessen. Die Enttäuschung war ihr anzusehen und es gelang ihr bis zum Schluss nicht, sie zu überspielen. Es gab meine unabsichtliche Berührung und darauf das Zurückweichen von ihr. Es gab den Augenblick, als ich die Vertrautheit mit ihr so stark empfand, dass ich es ihr sagen musste, aber nach ihrem Zurückweichen es lieber unterlassen habe, ihr zu zeigen, was ich meinte, indem ich ihr auf die Schulter klopfte. Ob ich sie fotografieren darf, habe ich sie gefragt, und das hat sie entschieden abgelehnt. Wobei ihre sonst so schwache Stimme mit einem Mal fest und überhaupt nicht mehr so leise war. Da ich meine Kamera schon mal ins Spiel gebracht hatte, zeigte ich ihr Fotos von der Vernissage, bei der ich am Abend zuvor war.

Wenn das nun der Anfang gewesen wäre davon, wie wir seither miteinander umgehen - anders als ich es mir vorgestellt habe, anders als sie es geplant hatte, aber wie froh sind wir, dass wir uns haben -, dann wäre die Beklemmung zuvor zu etwas gut gewesen: uns frei zu machen von unseren vorgefassten Meinungen, die wir über das Leben haben. So aber war es nur eine kurze Ablenkung, bevor wir mit unseren Meinungen über das  Leben vollends aneinander vorbeischrammten. Sie wolle auch wieder fotografieren, sagte sie, während wir meine Fotos anschauten. – Wieder? – Ja, sie habe einmal für eine Zeitschrift Kinder fotografiert. Das war gut. – Ich sagte, dass ich nur ein talentierter Amateur bin und manchmal auch einfach nur Glück habe. Ich versuche abzubilden, was ich sehe. Oft gelingt das auch. Und manchmal sieht meine Kamera mehr als ich. Die Bilder, die ich ihr zeigte als Beispiel dafür, gefielen ihr. Und als ich ihr Fotos einer attraktiven älteren Frau zeigte und erzählte, wie die Frau, eine Malerin, mir Anweisungen gegeben hat, als ich sie fotografierte, da sagte sie: die hat tätowierte Augenbrauen. Das hatte ich nicht erkannt. Ich hatte nur gesehen, dass sie etwas gemacht hatte mit den Brauen, um sie so dünn und geschwungen hinzukriegen. Aber auf tätowiert wäre ich nie gekommen. Das war die Erklärung. Und so wie sie die vorgebracht hatte, schien mir das zugleich eine Reaktion auf meinen Satz von zuvor zu sein: Das ist die überwältigende Ina Lindeman. – Wenn du möchtest, kannst du mitkommen, wenn ich wieder so eine Einladung habe oder einen Atelierbesuch mache, habe ich darauf zu ihr gesagt und sie hat genickt. Ja, würde ich gerne machen, konnte das heißen. Oder: Nein kann ich immer noch sagen, wenn es so weit ist.

Sie musste jetzt los. Der Anruf bei den Leuten mit dem Straßenverkaufsjob. Und vorher musste sie noch etwas einkaufen. Ich musste auch dringend weg. Ab 16 Uhr schreibe ich den Entwurf für mein tägliches Posting und nun war es schon nach halb fünf. Rechnung. Der Kellner gibt sie mir. Ich sage ganz selbstverständlich: getrennt, weil es mir in dem Moment selbstverständlich ist. Jeder zahlt seins, sie mehr, weil sie mehr hatte. Wie viel ist das? – Kriegt ihr das hin, fragt der Kellner. Ich: Ja, ja. Ich schaue auf die Rechnung. Meine Brille habe ich schon weggesteckt. Ich frage den Kellner: Und wie viel macht es? – 7 Euro 40. – Und der Tee? – 2 Euro 20. – Ich zähle mein Kleingeld: 2 Euro 50. – Sie hat ihren Geldbeutel aus ihrer Handtasche geholt. Sie hat nicht erwartet, dass sie ihn brauchen würde. Sie nimmt sich die Rechnung vor. Ich will ihr die 2 Euro 50 für meinen Anteil geben. Sie weiß nicht, was das soll. Der Kellner bemerkt, dass wir es nicht hinkriegen. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich die Szene peinlich finden und dem Kellner den 10-Euro-Schein geben, den ich noch in der Tasche habe.  – Der Kellner nennt ihr den Betrag, den sie zu zahlen hat. Ich gebe ihm 2 Euro 50. Ich kann nicht erkennen, ob sie ihm ein Trinkgeld gibt. Wortlos ziehen wir unsere Mäntel an und verlassen das Café. Sie geht zu ihrem Fahrrad, ich folge ihr und sage: Melde du dich, wenn du Lust hast, mich wieder zu treffen. Ich melde mich erst, wenn ich ein Ereignis habe, das dich interessieren könnte. – Ich muss das aussprechen, um zu merken, dass es darum gar nicht mehr geht. Es ist egal, wie unaufdringlich ich bin, und warum sollte sie mich zu irgendeinem Kunstereignis begleiten? Um dort einen Mann zu treffen, der  - Künstler – auch nicht in der Lage ist, sie zu einem Kaffee und einem belegten Brötchen einzuladen? Der dann allerdings bestimmt jünger ist als ich und insofern, überlege es dir vielleicht doch noch mal. Wenn du es mit 37 nicht geschafft hast, wird das nichts mehr mit dem Wohlstand. Und wenn du es bis jetzt  nicht geschafft hast, einen Mann zu finden, der das für dich macht, kannst du das auch vergessen. Aber so vertraut waren wir nun doch nicht, dass ich so mit ihr reden konnte. Wir schwiegen. Sie, weil sie sich über die 5 Euro 20 ärgerte, die sie hatte bezahlen müssen? Ich, weil mir zu ihrem Schweigen nur Fragen einfielen, die ich ihr nicht stellen konnte, weil wir dazu nicht vertraut genug waren. – Sie öffnete ihr Fahrradschloss, stellte das Rad in Richtung Straße, setzte sich drauf, war abfahrbereit. Hände am Lenker. Schwarze Wollhandschuhe. Das hatte ich gar nicht mitgekriegt, als sie sich die angezogen hatte. Sie schaute mich an und ihr Blick sagte: Ich muss jetzt los. Ich wollte ihr die Hand geben zum Abschied. Das ging nicht, weil sie sich mit beiden Händen am Lenker festhielt. Ich fasste nach ihrer Hand, um sie kurz zu berühren, als ich Tschüss sagte, und war überrascht, wie weich der Wollhandschuh sich anfühlte. Ob sie auch Tschüss sagte oder wortlos weggefahren ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ist sie weggefahren.

Am nächsten Tag habe ich in meinem Blog über das Treffen geschrieben. Wie hier habe ich nicht einmal ihren Vornamen genannt und auch nicht den Titel ihres Blogs, obwohl sie dort mit einem Alias auftritt, mit einem Anagramm ihres Namens. Ich habe vom Treffen mit ihr nur erzählt, dass sie sich nicht fotografieren lassen wollte und dass der Abschied eilig und kühl war. Ich habe erklärt, dass ich sie fotografieren wollte, um ihre Augenbrauen zu retuschieren. Die Contessa hatte nämlich dünne Brauen, während die Frau aus dem Café ebenfalls gezupfte, aber dickere Augenbrauen hat. Mit der Retusche der Brauen auf dem Foto wollte ich mir Gewissheit verschaffen, schrieb ich. Unwahrscheinlich, dass ich das getan hätte. Ich habe mir das nur einfallen lassen für den Blog, um so zu umschreiben, dass ich mir nicht im Klaren darüber war, was ich bei dem Treffen erlebt hatte. Es fühlte sich nicht gut an nachträglich, das war alles, was ich wusste. Auch das habe ich angedeutet in meinem Blogtext, indem ich erzählte, dass wir nicht noch ein Stück zusammen gegangen sind, weil sie es so eilig hatte wegzukommen. Ich wollte schreiben, wie es war, und es mir dabei nicht mit ihr verderben. Vor allem wollte ich ihr zeigen, dass ich zu unterscheiden wusste, was ich preisgeben konnte im Blog und wo ich Rücksicht auf sie nehmen musste. Es war ihr nicht rücksichtsvoll genug oder sie hat meine Rücksichtnahme gar nicht bemerkt. Denn darauf hat sie mir eine Mail geschrieben, die irgendwie erbost war - heißt, ohne dass gleich klar war, weswegen. Das Treffen war auch für sie nicht gut gelaufen: meine Armut, mein Alter und wer weiß, was ihr sonst noch alles an mir aufgefallen war. Sie hatte eine Enttäuschung zu verkraften. Wenn sie es auch nicht zugab. Es sei ganz nett mit mir gewesen, schrieb sie. Aber nicht mehr. Doch mehr, als dass es ganz nett mit mir wird, habe sie auch gar nicht erwartet von dem Treffen, wollte sie damit sagen. So wie ich es nun darstelle, habe es aber einen Beigeschmack bekommen  - Beigeschmack! schrieb sie und meinte damit, es habe das Treffen durch meine Sicht und Darstellung eine Bedeutung bekommen, die es für sie nicht hatte. So war die Erbostheit ihrer Mail zu verstehen. Sie wollte sich gegen meine aufdringliche Sicht und Darstellung verwahren. Außerdem, schrieb sie, müsse sie mich bitten, sie künftig aus meinem Blog rauszuhalten. Sie will in meinem Blog nicht vorkommen, heißt: sie will in meinem Leben nicht vorkommen, heißt: sie will nichts von mir wissen. Peng! Und da liege ich schon am Boden und sie könnte mich jetzt meinen Schmerzen und meinen Tränen überlassen, doch da tritt sie noch mal in mich rein, dass es kracht: Ach, und das mit meiner Contessa-Geschichte, schreibt sie, das sei ja wohl für jeden außer mir offensichtlich, dass das nur Einbildung von mir gewesen ist. – Das hat mir schon einmal jemand gesagt, der es nicht gut meinte mit mir. Aber ich war nun mal dabei, ich weiß was Einbildung von mir war (genug) und was nicht (alles nicht). Ich bin darauf vorbereitet, dass die Frau, die ich Contessa nenne, anders ist, als was ich mir unter ihr vorgestellt habe. Ich war nach dem Treffen im Café mehr und mehr der Überzeugung, dass die Frau dort nicht die Contessa gewesen ist. Doch nach diesem Schlusssatz ihrer Mail, alles sei nur Einbildung gewesen, danach weiß ich, dass sie die Frau ist, die ich Contessa genannt habe, und damit weiß ich auch, was sie für eine Frau ist. Die Frau, von deren Anblick ich bezaubert war, wenn sie sich im Hallenbad an dem Beckenrand setzte und ihre Beine übereinanderschlug wie eine Klosterschülerin oder wie eine Contessa, ist die Frau, die das Wort Beigeschmack wählt, wenn sie sich dagegen verwahrt, dass ein Mann sich wünscht, zwischen ihren schönen Beinen zu liegen. Und es ist egal, ob mir das gefällt oder nicht. 

Sonntag, 15. April 2012

Bezaubert 3

Der Kellner bringt die Getränke und auf einem kleinen Teller das Panini mit den weißen Käsestückchen und den Tomatenscheiben und ein großes grünes Salatblatt ist auch noch beigelegt. Sie nimmt das Panini in die Hand, streicht das Salatblatt an den Seiten glatt und sucht eine Stelle zum Reinbeißen. Da es für sie am besten ist, wenn ich rede, solange sie mit Essen beschäftigt ist, stellt sie mir weitere Fragen zur Contessa. Es sind Fragen, die sie auch haben könnte, wenn sie selbst die Contessa wäre und sich verstellt. Warum bist du denn nicht auf sie zugegangen? fragt sie. Wolltest du in Wirklichkeit gar nichts von ihr, wolltest du nur über sie schreiben? – Nein, meine Gefühle für sie waren nicht ausgedacht. Konnten sie allein schon deshalb nicht sein, weil ich bis dahin nicht wusste, was für ein Scheißgefühl Liebe sein kann. Sich eine Geschichte auszudenken wie diese, das wäre gewesen, wie von einem Mann zu erzählen, der sich einen Kugelschreiber in den Augapfel bohrt und sich wundert, wie lange es dauert, bis es spritzt. Ich habe nicht diese Worte benutzt. Aber weil ich mich nicht so krass ausdrücken wollte, war es auch nicht schlüssig, was ich ihr erzählte. - Warum bin ich nicht auf sie zugegangen? Weil mich etwas zurückgehalten hat. Ich habe es nie herausgefunden, ob es die Ahnung war, mir die schlimmste Abfuhr meines Lebens zu holen, oder ob sie mich mit ihrem widersprüchlichen Verhalten gelähmt hat. – Widersprüchliches Verhalten? fragt sie dezent kauend, sehr dezent kauend, weil sie immer nur kleine Bissen nimmt von dem Panini. – Ihr widersprüchliches Verhalten war, erst mich zu locken, und wenn ich vor ihr stand, sich abrupt abzuwenden und in eine andere Richtung zu schauen. Hätte mir mein Vater Ratschläge gegeben für das Zugehen auf eine mir unbekannte Frau, hätte er gesagt: wenn eine Frau sich abwendet und in eine andere Richtung schaut, wenn du auf sie zugehst, Wolfgang, dann lass es. Und wenn du noch so verrückt nach ihr bist, lass es. So eine Frau wird dir kein Glück bringen. – Auch das sage ich in anderen Worten. Vom Locken mit Blicken spreche ich und dass sie es dann mit ihrer Körpersprache wieder dementiert hat. Mehr nicht. Auch darüber rede ich nicht gerne. Nicht nur, weil ich ihr nicht erzählen muss, wie sie sich verhalten hat, wenn sie die Contessa ist. Ich rede nicht gerne darüber, weil ich mich nicht gerne daran erinnere, wie ich mich damals verhalten habe. Weil ich mich nicht verstehe. Warum ich mich nicht über ihr widersprüchliches Verhalten hinweg gesetzt habe, warum ich nicht darauf zugegangen bin auf die Abfuhr, auf die Enttäuschung, das Unglück, das mich erwartet hätte auf die eine oder andere Art. Warum ich so blockiert und feige war und mich geflüchtet habe in eine sich jahrelang hinziehende Liebeskrankheit. Ich kann es mir nicht erklären. Deshalb rede ich nicht gerne darüber. Obwohl mir niemand  besser dabei helfen könnte als sie, es herauszufinden. Wenn sie die Contessa ist. Aber wenn sie es nicht ist, dann ist das unsere erste Verabredung und ich will nicht den Eindruck erwecken, ich sei immer noch besessen von der anderen Frau.

Sie isst immer noch. Methodisch und langsam, wie jemand, der nie in seinem Leben magenkrank werden wird oder eine Essstörung hat. Sie isst nicht wie jemand, der so Hunger hatte, dass es ihr gar nicht schnell genug gehen konnte mit der Bestellung. Und jetzt, da sie das Panini zu zwei Dritteln aufgegessen hat, legt sie es auf den Teller und sagt: Ich kann nicht mehr. Als habe sie sich dazu gezwungen, etwas zu essen. Sie sieht nicht aus, als habe sie eine Essstörung. Sie ist dünn, aber nicht abgemagert. Feingliedrig ist sie. Schmale Hände mit langen geraden Fingern hat sie und lange schlanke Beine. Wie die Frau, die ich so oft gesehen habe im Hallenbad. Ich frage sie nach dem Film, den sie sich ausgeliehen hat, als wir uns bei Video World getroffen haben. – Brautalarm. – Der passende Film für einen Mädchenabend.  – Ja, aber sie und ihre Freundin sind nicht dazu gekommen, den Film anzuschauen. Sie hat ihn dann auch nicht alleine gesehen, obwohl sie ihn noch länger behalten hat, weil sie nicht dazu gekommen ist, ihn gleich am nächsten Tag zurückzugeben. Wieder drei Euro, sagt sie. Statt nur einem Euro bei Rückgabe gleich am nächsten Tag. Ich kenne solche Überlegungen. Ich weiß, was für ein Leben das ist, mit jedem Euro rechnen zu müssen. Sie bezieht Hartz-IV-Geld,  erzählt sie. Seit drei Jahren arbeitslos, seit sie von einer Lebenskrise aus der Bahn geworfen wurde, formuliere ich so allgemein, weil ich diskret sein will. Nur so viel: Die Lebenskrise geht darauf zurück, dass sie sich selbst als kleines Kind einen solchen Zwang angetan hat, um sich anzupassen, dass es eines Tages nicht mehr ging, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, weiter unter diesem Zwang zu leben. Mit therapeutischer Hilfe hat sie die Krise überwunden und jetzt muss sie ganz schnell Arbeit finden. Noch lassen die vom Jobcenter sie in Ruhe, sagt sie. Diese Zeit muss sie nutzen. Aber es ist nicht einfach, weil sie immer als Autodidaktin und Quereinsteigerin in ihre Jobs hinein gekommen ist, und alles will sie auch nicht machen. Jetzt gerade hat sie ein Angebot, da soll sie auf der Straße verkaufen. Das will sie nicht. Wenn es darum ginge, Leute zu koordinieren, die auf der Straße verkaufen, das ja, aber nicht sich selbst auf die Straße stellen. Nur, ein anderes Angebot hat sie nicht. Deshalb kann sie das nicht einfach so ablehnen. Und deshalb hat sie in der letzten Nacht wenig geschlafen und hat heute keinen guten Tag. Ich bin sonst anders, sagt sie. Zweimal sagt sie das. Sie will also einen guten Eindruck auf mich machen, denke ich und damit geht es mir, wie es mir zuvor gegangen ist, als ich sah, dass sie sich für unser Treffen geschminkt und die Haare geföhnt hatte. Es wäre mir lieber, sie würde so sein, wie ihr gerade ist, und sie würde sich nicht anstrengen, um mir zu gefallen. Wenn sie die Frau aus dem Hallenbad ist, sind wir darüber hinaus nach allem, was wir in den letzten drei Jahren zusammen erlebt und nicht erlebt haben. Und wenn sie es nicht ist, hat sie es auch nicht nötig, sich meinetwegen anzustrengen, so vertraut wie wir miteinander sind – wie wir es waren von dem Moment an, als wir angefangen haben, miteinander zu sprechen. Was erstaunlich ist, wenn sie die Wahrheit sagt. Hingegen überhaupt nicht erstaunlich, wenn sie die Contessa ist und sich verstellt, weil wir uns dann schon seit längerem kennen, wenn auch auf diese gestörte Art, dass wir uns kennen, ohne je miteinander bekannt geworden zu sein.

Das will sie nun ändern. Deshalb ist sie mir über den Weg gelaufen. Hat mir erneut eine Gelegenheit gegeben, sie anzusprechen. Diesmal habe ich sie genutzt. Aber warum dann die Verstellung, wenn sie die Frau ist, für die ich sie halte? Und wie stellt sie sich das vor, wie soll es dann weitergehen mit ihrer Verstellung, wenn wir uns wieder treffen und wieder und es vielleicht sogar so sein wird wie in meiner sentimentalen Paarphantasie mit ihr? Will sie dann das Schwimmen aufgeben? Oder will sie heimlich schwimmen gehen, damit sie sich nicht verrät, wenn sie nicht nur Brust schwimmt, sondern danach Kraul, dann Rücken und dann noch mal Brust? Der wichtigste Teil der Übung das Kraulen. Ich habe nie mitgezählt, wie viele Bahnen es sind. Fünfzehn Minuten ungefähr hält sie das durch, wirbelt sie durch das Becken und es sieht aus wie Übermut und Austoben, ist jedoch strenge Disziplin. Einmal, als ich sie in einem kurzen Rock sah, ist mir die Sportlerinnen-Muskulatur an ihren Schenkeln aufgefallen. Die hat sie vom Powerkraul. Die Muskeln hat sie sich antrainiert, weil sie sonst ganz dünne Oberschenkel hätte. Steckenbeine. Die will sie nicht haben. Hat mir imponiert, als mir das klar wurde. Schwer vorstellbar, dass die Frau, die ich vorhin auf ihrem Damenfahrrad sitzen sah, die gleiche Frau sein soll, die ich vor drei Jahren dicht neben mir durch das Schwimmbecken habe toben sehen. Unter Wasser, durch meine Schwimmbrille. Fasziniert von der Zeichnung ihrer Oberschenkelmuskulatur. Ihre Oberschenkel zart und muskulös zugleich. So etwas hatte ich noch nicht gesehen und nie für möglich gehalten hätte ich es, dass ich der Mann sein könnte, der wie betäubt von diesem Anblick an nichts anderes mehr denkt als an diese Frau und wie sie meinen Blick erwidert hat und als ich einmal nicht gleich nach ihr geschaut habe, so lange hergeguckt hat zu mir, bis ich ihren Blick erwiderte. Und nachdem nie mehr war als das, sitzt mir nun eine Frau gegenüber, die gesagt hat, sie kann nur Brustschwimmen und schon deshalb kann sie nicht die Frau aus dem Hallenbad sein. Woher die Vertrautheit zwischen uns kommt, ist mithin ein Rätsel. Dass es dieses Rätsel gibt, könnte ich als ein weiteres Indiz dafür ansehen, dass sie die Contessa ist und dass sie sich verstellt. Wenn ich das tue, kann das aber auch ein weiteres Indiz für den Zwangscharakter meiner Vorstellungen über diese Frau sein. Zweifelsfrei ist, dass die Frau mir gegenüber so lange und schlanke Beine hat wie die Frau, von der sie sagt, dass sie es nicht ist. Gewissheit könnte ich bekommen, wenn sie es mir erlauben würde, ihr ihre Hosen auszuziehen, damit ich ihre Oberschenkelmuskulatur sehen kann. Aber wer sie auch ist, ich werde dieser Frau nie ihre Hosen ausziehen. Sie erträgt es nicht einmal, wenn ich sie zufällig berühre, wie geschehen, als ich mich vorgebeugt habe, um nicht ständig Wie bitte? fragen zu müssen, weil sie mit so leiser Stimme spricht. Dabei habe ich mit meinem Handrücken ihre Hand gestreift und darauf ist sie zurückgewichen. Nicht kokett oder wie gegen eine Zudringlichkeit sich verwahrend, im Reflex hat sie ihre Hand zurückgezogen vor der unabsichtlichen Berührung. Nicht anfassen! Nicht einmal zufällig. Und deshalb rede ich davon, mache es aber nicht, als ich sage: Ich fühle mich so vertraut mit dir, ich könnte dir ständig auf die Schulter klopfen wie einem alten Freund. Das ist unbeholfen ausgedrückt. Aber das macht nichts. Sie versteht, was ich meine, weil sie die gleiche Vertrautheit empfindet mit mir, wie ich sie empfinde mit ihr. Nur weiß sie nichts damit anzufangen. Entweder in diesem Moment nicht, weil sie sich unbehaglich fühlt, oder weil sie nicht weiß, wozu ihre Vertrautheit mit einem Mann gut sein soll, der so alt ist wie ich. 

Samstag, 14. April 2012

Bezaubert 2

Blick auf die Kreuzung vor dem Café. Sie steht mit ihrem Fahrrad an der Ampel. Damenfahrrad, noch nicht so alt, Korb vor dem Lenker. Nicht die Frau mit einem Rennrad, die Frau, die ein Damenfahrrad fährt mit einem Korb vor dem Lenker, ist sie. Grüner Parkamantel. Dunkelblaue Röhrenjeans, in denen habe ich sie schon vor drei Jahren rumlaufen gesehen, wenn sie die Frau ist, mit der ich sie verwechsle. Schuhe mit halbhohen Absätzen, nicht die Stiefel mit Gummisohlen, die sie die letzten beiden Male trug. Als sie hereinkommt, sage ich: Du kannst alleine schon deshalb nicht die Frau sein, mit der ich dich verwechsle, weil die andere nicht zu der Verabredung gekommen wäre. Sie hat Make up aufgelegt und sich ihre Haare geföhnt. Ich könnte das als schmeichelhaft für mich empfinden. Aber es wäre mir lieber, wenn sie sich nicht für unser Treffen zurechtgemacht hätte und ohne Absichten und Erwartungen wäre. So wie ich?  – Ich erwartete nur, dass wir uns entweder gut verstehen oder nicht, und wenn wir uns gut verstehen, dass wir uns dann wieder sehen und gar nicht mehr sein können ohne einander. Dass ich so viel älter bin als sie und so gut wie mittellos, das wird keine Rolle spielen. Für sie nicht. Nur in meinen Ängsten, die mich jedes Mal überkommen, wenn ich wieder einmal besonders glücklich gewesen bin mit ihr. Da fürchte ich, dass sie mich verlassen könnte wegen meiner Armut und wegen meines Alters, aber das hat nichts mit ihr zu tun, sondern alleine damit, dass meine Persönlichkeit nicht eingerichtet ist für einen Glücksfall wie diesen. Mir ist natürlich schon klar, dass die Möglichkeit des Glücksfalls auch noch von anderen Faktoren abhängt. Nicht nur davon, wie ihre Einstellung zu meinem Alter und meiner Mittellosigkeit sein wird. Doch nur, wenn mein Alter und meine Armut sie nicht abschrecken, ist alles andere möglich oder nicht möglich. Und dass sie sich mit mir verabredet hat und gekommen ist zu der Verabredung, das ist ein gutes Zeichen. Sie hatte mehrere Tage Zeit, in meinem Blog zu lesen. In einer ihrer Mails hatte sie erwähnt, dass sie es getan hat. Die Frage ist jetzt nur: Wie viel hat sie gelesen und wie aufmerksam?

Meinen Brief an die Contessa, den ich später in drei Teilen gepostet und immer wieder verlinkt habe, den hat sie offenbar gelesen. Denn ich beschreibe darin, wie ich die Contessa wahrgenommen habe beim Schwimmen im Hallenbad und darauf bezieht sie sich jetzt. Die Frau, mit der ich sie verwechselt habe, ist ja anscheinend eine sehr gute Schwimmerin, sagt sie. Sie hingegen, muss ich wissen, sie kann gerade mal Brustschwimmen. Ach, und Frühaufsteherin ist sie auch nicht. - Brustschwimmerin und Langschläferin. So wie ich sie vorhin auf dem Rad habe sitzen sehen, kann ich mir das gut vorstellen. Dann ist sie eben nicht die andere Frau. Die hat mir ohnehin kein Glück gebracht. Obwohl ich ihr viel zu verdanken habe. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein, um vor mir zu rechtfertigen, wie lange ich von ihr geträumt habe. – Du kennst die Frau doch überhaupt nicht, hatte eine Freundin einmal gesagt und damit gemeint: Wie kannst du dich mit deinen Gefühlen so sehr einlassen auf eine Frau, von der du nicht einmal den Namen weißt? Eine Fremde! So ist sie mir nie vorgekommen. Trotzdem hatte die Freundin recht. Das wird mir immer klarer und es ist keine schöne Heimkehr.

Zwei Plätze am Fenster werden frei. Blick auf die Straße. Wir sitzen nebeneinander, sie mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Im weiten Ausschnitt ihres T-Shirts ist ein schwarzer Dessousträger zu sehen. Ein BH-Träger kann das nicht sein, denn sie hat kleine flache Brüste. Davon habe ich mich gerade überzeugt mit einem undezenten prüfenden Blick. Als sie vor ein paar Tagen bei Video World vor mir stand, den Mantel geschlossen, da schien es, dass sie größere Brüste hat. Wenn das so wäre, dann bräuchte ich über die Frage, ob sie die Frau aus dem Hallenbad ist, und wenn sie es ist, warum sie sich vor mir verstellt, nicht weiter nachdenken. Aber sie hat keine größeren Brüste als die Contessa. Und wie die hat sie eine Stupsnase, allerdings muss man zweimal hinschauen, um es zu bemerken. Und auch ein leicht vorspringendes Kinn hat sie. Allerdings hat sie keine Leberflecken am Hals und im Gesicht und ihr Hals erscheint mir schlanker als der Hals der Contessa. Die hat einen kräftigen Hals. Doch vielleicht sah das nur so aus beim Schwimmen, vor allem beim Schwimmen in Rückenlage. – Je länger ich die Frau, die mir gegenüber sitzt, anschaue, desto ähnlicher wird sie der Frau aus dem Hallenbad. Aber etwas an ihr hat sich verändert. Sie ist die gleiche Frau, aber eine andere Person. Geworden durch das, was sie erlebt hat. Oder eine andere Person geworden für meinen Blick, durch das, was ich mit ihr erlebt habe. 

Sie hat die Speisekarte in die Hand genommen und sie gleich wieder weggelegt. Sie weiß schon, was sie möchte. Sie schaut sich nach dem Kellner um. Es kann ihr nicht schnell genug gehen mit dem Bestellen. Sie möchte einen koffeinfreien Cappuccino und ein Panini mit Mozzarella und Tomatenscheiben. Das hat sie in der Vitrine liegen sehen, bevor wir uns setzten. Als sie das Panini bestellt, deutet sie darauf. Sie scheint hungrig zu sein. Ich weiß nicht, was ich bestellen soll. Ich will eigentlich nichts. Ich will nur möglichst wenig Geld ausgeben. Ich nehme einen Darjeeling-Tee, sage ich zu dem Kellner. Ich frage mich, ob sie erwarten wird, dass ich ihren Cappuccino und das Panini bezahle, und wie ich mich verhalten soll, wenn wir später die Rechnung verlangen und ich merke, dass sie erwartet, dass ich sie großzügig übernehme. Das geht mir durch den Kopf. Doch es belastet mich nicht. Es gibt auch nichts zu überlegen. Ich kann es mir nicht leisten, großzügig zu sein. Es kann einen peinlichen Moment geben, wenn sie die Großzügigkeit von mir erwartet. Es wird dann aber auch der Moment sein, in dem es sich entscheidet, ob sie sich für mich interessiert oder für etwas, das ich nicht habe. Und wenn ich es hätte, wenn mir mein Geld bündelweise aus den Ohren heraus käme, würde ich ihren Teil der Rechnung auch nicht zahlen bei der ersten Verabredung. So selbstverständlich, wie ich es nun aus Mittellosigkeit nicht tue, würde ich es dann auch nicht tun aus Gründen, auf die ich nicht näher eingehen muss, weil ich bin nicht in der Lage.

Sie fragt, wie ich auf den Namen Contessa gekommen bin. Ich erzähle ihr von Hemingway und seinem Roman Über den Fluss und in die Wälder. Darin geht es um die letzte Liebe eines alten Soldaten, Oberst der US-Army, und die junge Frau, die er liebt, ist eine venezianische Contessa, die er auch so anredet in den seitenlangen Dialogen, die sie haben. Erst in Harry´s Bar, wo sie sich zu Beginn des Romans treffen. Danach beim Essen im Hotel-Restaurant. Bei einer nächtlichen Gondelfahrt, während der sie von Hemingway etwas unbeholfen, aber sehr zart beschriebenen Sex haben. Am nächsten Morgen im Hotel, wo es dann langsam ans Sterben geht. Am Ende des Romans stirbt der Oberst, einen Herztod, alleine, ohne die Contessa. Ich erzähle das noch kürzer zusammengefasst, fahrig und lustlos. Es macht mir keinen Spaß, ihr von Hemingway zu erzählen, und den zweiten Grund, warum ich die Frau aus dem Hallenbad Contessa genannt habe (erst in meinen Gedanken und später habe ich sie so angeredet in meinem Brief an sie), den Hauptgrund erwähne ich erst gar nicht. Weil ich es unpassend finde, wenn sie nicht die Frau aus dem Hallenbad ist. Und wenn sie die Contessa ist, dann weiß sie es aus dem Brief, in dem ich beschrieben habe, was ich ihr contessenhaftes Gebaren nenne. Das Gebaren, das mich so bezaubert hat, dass ich diesen Anblick nie vergessen werde, wenn sie in die Schwimmhalle kam mit ihrem staksigen Gang und sich an den Beckenrand setzte und ihre langen schlanken Beine übereinanderschlug – sie ineinander verschlang wie eine Klosterschülerin oder eben wie eine Contessa – und ihr Haar hochsteckte, bevor sie ihre taubenblaue Badekappe aufsetzte, und es dabei nie versäumte, auf Höhe ihrer Wangen eine Locke hervorschauen zu lassen. Und wenn dann noch das Licht der Morgensonne ihre nackten schmalen Schultern mit einem goldenen Glanz umhüllte, dann war es einfach zu viel. Dann tat ihre Anmut schon weh. Im Grunde hat alles weh getan, was ich mit dieser Frau erlebt und nicht erlebt habe. Und deshalb verstehe ich auch nicht, warum ich nicht rechtzeitig Reißaus genommen habe, nachdem ich zu ahnen begonnen hatte, dass es so sein wird, und ich habe das schon sehr früh geahnt, aber ich habe nicht auf meine innere Stimme gehört – wegen des Begehrens, wegen der Hoffnung, wegen der Dummheit und weil ich noch nie so etwas Schönes gesehen und es mir noch nie so weh getan hatte wie bei allem, was ich mit ihr erlebt habe. Deshalb habe ich sie Contessa genannt und der Hemingway-Roman hat damit nur insofern zu tun, als darin ein alter Mann eine junge Frau mit Contessa anredet, so dass es ein Ausdruck von Zärtlichkeit und kein Kitsch ist, obwohl der Roman insgesamt ein Riesenkitsch ist, eines von den Spätwerken Hemingways, mit denen er seinen Ruf ruiniert hat, und über den Ruf Hemingways spreche ich dann, weil sie sagt, dass sie noch nie etwas von Hemingway gelesen hat. Er war ein Angeber, der in Afrika Löwen und Büffel abgeschossen und in der Karibik große Fische geangelt hat und wenn es irgendwo einen Krieg gab, ist er dahin und hat auf der Seite der Guten gestanden. Als die US-Army Paris von den Deutschen befreit hat, hat er die Befreiung des Ritz übernommen und dann stand er im Badezimmer seines Hotelzimmers vor dem Spiegel und hat sich rasiert und auf dem zugeklappten Klodeckel saß Marlene Dietrich in einer Uniform der US-Army, er hat sie Kraut genannt, sie hat sich darüber schief gelacht und es war ein Moment, von dem sie später beide immer wieder erzählt haben in ihrem Leben. Aber dass er ein Angeber war, ändert nichts an seiner literarischen Bedeutung, die darin besteht, dass er uns beigebracht hat, dass Literatur, wenn sie etwas taugt, nicht nach Literatur aussehen darf, sie darf nicht literarisch sein, sondern ist im besten Fall so, wie wenn ein Rotzlöffel einem anderen Rotzlöffel seine Geschichte erzählt. Huckleberry Finn von Mark Twain, das war für Hemingway der Beginn der modernen amerikanischen Literatur und nicht das wichtigtuerische dicke Wal-Buch von Melville. Gerade noch rechtzeitig kriege ich dann die Kurve, indem ich sage, dass Hemingway für das  literarische Erzählen getan hat weltweit, was Benn für die deutsche Lyrik getan hat, als er ein für alle mal klarstellte, dass gute Lyrik nicht wie Lyrik klingen, keinen hohen Ton haben darf, alltagssprachlich klingen muss. Das sage ich, weil sie Gedichte schreibt. Und weil sie mich nun verständnislos anschaut, füge ich hinzu, dass sie das instinktiv so macht in ihren Gedichten, was Benn gefordert hat, dass sie Benn dazu nicht zu kennen brauchte, und da habe ich auf einmal das Gefühl, dass es schiefgehen könnte mit unserem Treffen, weil wir uns nichts zu sagen haben. Denn obwohl ich ihr soeben ein Kompliment gemacht habe, schaut sie mich immer noch verständnislos an – tatsächlich mehr befremdet als verständnislos. Aber es ist dann nicht so, dass wir uns nichts zu sagen haben.