Selten ist es witzig. Sonntagnachmittag. Kommunale Galerie. Ich könnte meine Hose öffnen und ungestört vor einem der Werke masturbieren. Aber warum sollte ich das tun? Stattdessen fotografiere ich die gesamte Ausstellung. Werk für Werk. Weiße Tafeln an der Wand, angeordnet in unterschiedlich großen rechteckigen Konfigurationen. Einen flachen Kasten gibt es mit einer gepunkteten Leuchtschrift: Leer. Rechts daneben steht ein Stuhl ohne Sitzfläche. Weiß. Am anderen Ende des Ausstellungsraumes ein Tisch: gedeckt mit aufgemalten Tellern und Besteck. Aufgemalt in Grautönen. Ein Kabel führt vom Tisch zu einem Recorder, der hinter einer Heizungsverkleidung steht. Es läuft eine Aufnahme von Geräuschen aus einer Kantine oder einer Mensa, ein Restaurant ist das jedenfalls nicht. Im Hinausgehen bemerke ich an der Decke in der Mitte des Raumes ein weiteres Werk des Künstlers. Just in diesem Augenblick ist die Einspielung mit den Kantinen- oder Mensa-Geräuschen zu Ende. Stille, während ich mir fast einen dabei abbreche, über Kopf eine der zwölf Tafeln an der Decke zu fotografieren. Haptisch die Kunst an der Decke. Auf die Tafeln ist etwas gehäuft. Das kann Ton oder Gips sein. Das kann eine Speise oder Scheiße sein. Es kann alles Mögliche sein. Zu erkennen ist nur eine präparierte Masse, geruchlos, getrocknet, fest, so dass sie nicht von der Decke heruntertropfen kann, und die Masse ist weiß angestrichen wie die Tafeln, auf die sie gehäuft ist. Weiß an Weiß ist der Titel der Ausstellung. Wie lange ist es her, dass man mit so etwas ein Kunstpublikum sprachlos machen konnte? Gibt es einen Grund, diese Aktion jetzt zu wiederholen? – Hinter diesen Objekten lauern bestimmt irgendwelche komplizierten Überzeugungen. Überzeugungen, die der Künstler sich angelesen hat, und dann ist er nicht mehr von ihnen losgekommen. - Lesen kann schädlich für die geistige Gesundheit sein. Kinder, fangt erst gar nicht damit an, ihr kriegt es später nie wieder los! – Und jetzt kommt endlich der Witz. Ich schaue mir die Website des Künstlers an und lese: Von den Werken geht eine starke Atmosphäre aus, die eine hintergründige Dimension vermuten lässt. – Ich wusste es, dass da etwas lauert. Der Künstler (oder ein von ihm beauftragter Texter, wahrscheinlich Kunsthistoriker) drückt es nur feiner aus: vermuten lässt, schreibt er. Ich lauere nicht, ich lasse vermuten. Um korrekt zu sein: das steht auf der Website nicht an der Stelle, wo es um die Weiß-an-Weiß-Ausstellung geht, das steht auf der Seite mit den Installationen des Künstlers. Über die Weiß-an-Weiß-Ausstellung heißt es auf der Website, dass die unter diesem Titel gezeigten Werke zu transzendenten Erscheinungen werden. Was jedem, der schon einmal in einem Exemplar von Kants Kritik der reinen Vernunft geblättert hat, das Blut in den Adern gefrieren lässt. Will sagen, eine Erscheinung ist dadurch definiert, dass sie gerade nicht transzendent ist, und mit den Sinnesdaten, die sie uns gibt, können wir machen, was wir wollen, gerne auch unser Bewusstsein erweitern, aber bestimmt nicht so, wie der Künstler oder sein Texter sich das vorstellen: mit reiner Wahrnehmung und einer Fülle von Erfahrungen und Einsichten. Nichts mit Fülle, du mit deinen weißen Tafeln und Objekten. Das Häuflein Sinnesdaten, das sie uns geben, ist schnell verarbeitet, auch wenn du es an die Decke nagelst, so dass wir uns den Hals verdrehen müssen. Die einzige Erfahrung, die wir machen, ist die, dass du dich hervortun willst und glänzen willst du vor uns mit deinem weißem Zeug und wenn du das zugeben würdest und wenn wir darüber reden könnten, über das Glänzen-wollen und das Sich-Hervortun, dann kämen wir zu den schönsten neuen Einsichten auch ohne reine Wahrnehmung. Die gibt es nämlich nicht, die gibt es nur in den Texten auf deiner Website mit ihrer hintergründigen Atmosphäre, die transzendente Erscheinungen vermuten lässt, wo gar keine sind, weil es die auch nicht gibt.
Auf der Visitenkarte des Künstlers steht unter seinem Namen: mensch künstler diplom kunsttherapeut / -pädagoge (fh) tischler. Mensch ist so dämlich wie Leer. Tischler ist sympathisch. Tischler in Nürnberg war er, ist in seinem Lebenslauf zu lesen. Später hat er eine Weiterbildung gemacht und ist Kunsttherapeut / -pädagoge (Fh) geworden. Fh heißt Fachhochschule. Und was heißt Kunsttherapeut? Therapiert er mit Kunst? Oder therapiert er Kunst, therapiert er Künstler? Das bestimmt nicht. Aber könnte das nicht ich machen? Schon die zweite komische Idee, seit ich diesen Text begonnen habe. Die erste komische Idee habe ich verworfen, weil ich mich das doch nicht traue: Ich zeige dem Künstler diesen Text und biete ihm ein Geschäft an. Gegen einen Geldbetrag, dessen Höhe er bestimmt, der aber nicht lumpig sein sollte, lasse ich mich von ihm überzeugen, meinen Text über seine Weiß an Weiß-Ausstellung nicht ins Internet zu stellen. Das ist Erpressung. Das ist kriminell. Aber es ist auch neu und gegenwärtig. Und wenn ich es schreiberisch genügend absichere, wenn ich es als eine Kunstaktion aufziehe, als pragmatische Kunstkritik, dann ist es das perfekte Verbrechen, weil mir dann niemand was anhaben kann. Wenn jemand sagt, Erpressung, sage ich, Aktion und Kunst. Und wenn darauf gesagt wird, zynisch, dann sage ich, Therapie, Kunsttherapie. Ich therapiere schlechte Kunst, ich heile Künstler, indem ich sie von ihrer Kunst befreie oder indem ich sie zu besseren Künstlern mache durch ein Trauma, das sie von mir verpasst bekommen. So funktioniert meine Therapie, dass ich die Künstler traumatisiere mit meiner destruktiven Kritik und dem erpresserischen Angebot, das ich ihnen mache: Huhu! Das ist aus meinem künstlerischen Ehrgeiz geworden, dass ich jetzt diesen schmierigen Erpresser am Hals habe, der immer unverschämter wird und dann auch noch behauptet, es ist Therapie. Warum bin ich nicht Tischler geblieben? - Weil es in Nürnberg schon genug Tischler gab. – Aber warum musste ich dann Künstler werden? – Dieses Rätsel kannst nur du selbst lösen. – Wer bist du? – Dein Erpresser, dein Therapeut. – NEIIIN! – Doch.
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