160712 Datei ContessaTatsächlich
Ab dem Freitag, an dem ich keinen Lottoschein mehr abgebe, werde ich es geschafft haben, spirituell. Dass ich es je finanziell geschafft haben könnte, dazu kenne ich mein Leben inzwischen zu gut, und so ist es nicht anders, als mit Verkommenheit zu erklären, dass ich immer noch Lotto spiele. Und als wäre das für sich noch nicht vulgär genug, denke ich am Samstag an die 8 Millionen Euro, die sich im Jackpot angesammelt haben, und fange an, davon zu träumen, was ich mit dem Geld machen werde, wenn es mir gehört. Das ist peinlich, das habe ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gemacht. Da bin ich spirituell nun wirklich darüber hinaus. Aber dieser Tagtraum ist gut: Wenn ich das viele Geld gewonnen habe, werde ich als erstes einen Privatdetektiv, der auf Online-Kriminalität spezialisiert ist, damit beauftragen, mir die Hacker vom Hals zu schaffen, die auch in diesem Augenblick, da ich das schreibe, in meinen Rechner eingehackt sind und meinen, sie könnten sich das herausnehmen, weil ich nichts dagegen tun kann, nicht einmal mit Sicherheit sagen kann ich, dass sie beide es sind, und jede Drohung mit der Polizei ist eine leere Drohung, da ich nicht beweisen kann, dass sie es sind, so dass eine Anzeige bei der Polizei immer nur eine Anzeige gegen Unbekannt sein kann. Nicht mehr als ein symbolischer Akt und über den lachen die beiden sich einen Ast. Anders, wenn ich einen Privatdetektiv beauftrage, dem ich sage, wer die beiden sind, und er wird die fehlenden Beweise zusammentragen. Keine Ahnung, wie er das macht, das ist der Tagtraum. Mit den Beweisen kann der Detektiv auf die beiden zugehen und sie in einem Gespräch, das so eklig ist, dass sie es ihr Leben lang nicht vergessen werden, schwören lassen, nie wieder auch nur an meinen Rechner zu denken. Aber diese Variante befriedigt mich nicht, merke ich, noch während ich sie träume. Auch weil sie mir nicht wirksam genug erscheint. Die beiden sind so unverschämt, dass es nicht anders zu erklären ist als mit einer in den Größenwahn reichenden Überheblichkeit und der ist in einem Gespräch, egal wie eklig, nicht beizukommen. Deshalb Polizei, Anzeige nun nicht gegen Unbekannt, sondern gegen den Nachbarn und die Frau, mir scheißegal in welchem Verhältnis sie zu ihm steht. Ich weiß, wie sie heißt oder wie sie sich nennt und wo sie wohnt. Aber will ich das wirklich? Sie auch anzeigen? – Ohne Zögern kommt die Antwort in meinem Tagtraum: Ja. – Es ist kriminell, was sie tut. Es ist schon lange nicht mehr nur in den WLANs der Nachbarn Rumschnüffeln mit einem Programm, das sich jeder runterladen kann aus dem Internet. Es ist gegen meinen mehrfach erklärten Willen, dass sie in meine Privatsphäre eindringt. Einbricht! Es ist nicht anders, als würde sie mit einem Nachschlüssel meine Wohnungstür öffnen und in meine Wohnung einbrechen und das nicht nur heimlich, still, leise, unbemerkt, im Gegenteil so dass ich es nur ja mitkriege: schau, ich war da, ich kann jederzeit wieder kommen, und wenn es mir nicht passt, was du tust, dann werde ich es dich spüren lassen. So läuft das (*). Ich habe es mit niemandem, der mir in meinem Leben begegnet ist, so gut gemeint wie mit ihr. Als mir Wochen später klar wurde, dass die Schwimmerin, von der ich die Augen nicht mehr lassen konnte, die Frau mit dem Hundert-Euro-Schein und der Verfolgungsjagd auf dem Parkplatz war, habe ich alles getan, um diesen Auftritt bezaubernd zu finden. Auch wenn mir das nie ganz gelungen ist, ich habe ihn nie wieder als lächerlich empfunden. Sie hat alle Chancen gehabt und hat sie immer noch. Nichts zwingt sie zu dem kriminellen Verhalten, das ich nicht mehr hinnehmen werde, weil sie es ist, die Frau mit dem Hundert-Euro-Schein, die anmutige Schwimmerin auf der Schnellschwimmbahn, die Frau, die ich Contessa genannt habe und dann Tess. Und das wollte mir mein Tagtraum sagen, dass ich das nun nicht mehr hinnehmen werde.
(*) Sie wollen etwas. Sie fürchten um ihre Anonymität, sie haben Angst, dass ich weitgehende Andeutungen zu ihrer Identität mache. Daran wollen sie mich hindern, indem sie mir zeigen, dass sie meine Passwörter kennen und jederzeit destruktiv werden können und indem sie mich piesacken mit Fehlfunktionen, die sie aus dem Hintergrund steuern: Fotos sind auf einmal nicht hochladbar an die Stelle, wo ich sie hinhaben will, die Tastatur ist blockiert … . Ihre Übergriffe mehren sich, seit ich mit diesem Text begonnen habe. Damit eskalieren sie den Konflikt, statt ihn einzudämmen. In ihrer Panik schaffen sie das Szenario, vor dem sie sich fürchten. Sie haben Angst und zugleich halten sie sich für unverwundbar. Vielleicht gestehen sie sich ihre Angst auch gar nicht ein. Vielleicht ist es für sie immer noch eine Demonstration von Dominanz. Bei ihm auf jeden Fall. Er will der Frau etwas beweisen. Deswegen ist es nicht berechenbar, was da passiert. Zu viel Testosteron. Blockierte Intelligenz. Mit so einem Gegner kann es keine Verhandlungen geben. Und sie? Verstehe ich wie immer nicht. Wie kann sie sich für berechtigt halten, weiter in meinen Rechner einzudringen, nur weil ich mich einmal für sie als Frau interessiert habe?
170712 Datei ContessaTatsächlich
Und was ist, wenn sie aufhören, wenn sie sich zurückziehen ab heute? Ich wechsle mein Passwort, sie versuchen nicht mehr, das neue Passwort zu entschlüsseln. Das kann ich nicht gleich erkennen, erst in drei, vier Monaten fällt mir auf, dass es so lange schon keine Interventionen mehr gegeben hat. Kein Abmelden meines Blogger Accounts mehr, während ich meinen Blog editiere, keine Systemabstürze mehr, seit einiger Zeit schon das Gefühl, wieder alleine zu sein. Und wenn sich mein Blick einmal zu den Fenstern der Nachbarwohnung verliert, geschieht dahinter nichts, was ich in eine Beziehung zu mir setzen könnte, müsste, ob ich will oder nicht. Es ist vorbei. Was mache ich dann mit dem, was mir da passiert ist? Hallenbadgeschichte, Nachbarschaftsgeschichte. Traum und Alptraum eines Pornowichsers. Szenisches Symptom. Spätfolge des Menschenausdenkens in meiner Zeit als erfolgloser Drehbuchautor. Einbruch der Wirklichkeit in meine gewollte Isolation. Über die drahtlose Verbindungstechnik meines Rechners sind sie hereingekrochen gekommen. Erst eine Frau, die sich gelangweilt hat, und hinterher der Mann, bei dem sie sich gelangweilt hat, aber nun ist endlich was passiert. Drama, keine Langeweile mehr. Entzweiungen, Versöhnungen. Dafür brauchten sie mich nicht. Aber für das Drama. Sich selbst für die Mitte der Welt halten, sich aus der Welt zurückziehen, die Menschen nicht mehr ertragen, vor allem die Frauen nicht, mir lieber welche ausdenken. Wenn ich mir die ausdenken kann, dann gibt es die auch irgendwo auf der Welt. Nur nicht bei mir, ich brauche sie auch nicht, das habe ich nur noch nicht begriffen, noch beklage ich meine Einsamkeit und deshalb, vielleicht wirklich nur deshalb, kommt an eines Tages die Frau, die sich langweilt, und aus dem gleichen Mangel an intellektuellem Format, aus dem ich nicht in meine Einsamkeit einwillige, halte ich das Auftauchen dieser Frau in meinem Leben für ein Wunder und werde vom Menschenfeind, als der ich gerettet gewesen wäre, zur rührenden Figur und zum Volldeppen, denn das Auftauchen der Frau ist alles andere als ein Wunder, es ist geplant und durchkalkuliert, schlecht geplant und die Kalkulation ist eine Fehlkalkulation. Sie geht nicht auf, weil ich nicht der bin, für den die Frau mich gehalten hat (finanziell). Ich bin aber auch nicht der, für den ich mich selbst halte. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einmal so wundergläubig sein kann. Und weil ich so wundergläubig bin, kriege ich es nicht mit, als es gar nicht mehr um mich geht, als ich nur noch der Platzwart des Schauplatzes bin, auf dem die Frau, die sich langweilt und der Mann, bei dem sie sich langweilt, ihr Drama austragen. Es gibt ein Leidenschaftsdrama, nichts Besonderes, wie es eben so geht. Das einzige Besondere daran ist, dass ich mich für die Hauptperson darin halte, in Wirklichkeit jedoch nur eine Randfigur bin. Ein Mann in einem grauen Kittel. Mehr Hausmeister als Platzwart. Das jedenfalls die Geschichte. Viel zu lang für einen Pitch. Fast schon eine Plotskizze. Auf jeden Fall genug, um beurteilen zu können: Will ich das erzählen? Wer braucht das? Und soll ich es auch noch erzählen, wenn sie sich zurückgezogen haben? – Sie haben sich nicht zurückgezogen.
180712 Datei ContessaTatsächlich
Eine Frau, die sich langweilt. Der Mann, bei dem sie sich langweilt. Geschichte der beiden. Das werde ich erst viel später begreifen. Zunächst glaube ich, dass mir ein Wunder geschieht. Und drei oder vier Jahre vorher liege ich auf der Couch, die Sonne scheint, hinter mir steht die Balkontür offen, doch wegen des Grünzeugs, mit dem das Geländer bewachsen ist, denke ich, niemand kann mich sehen, während ich es mir selbst mache. Ich bin gerade gekommen, als ich ein Rascheln hinter mir höre und mich danach umdrehe. Da sehe ich durch eine Lücke im Bewuchs den Nachbarn in der Wohnung gegenüber, wie er am Fenster sitzt, den Kopf zu mir hergedreht und offensichtlich hat er mir schon eine Weile zugeschaut. Wie lange? Von Anfang an? Ist doch egal. Wir kennen uns nicht, er interessiert mich nicht. Wenn ich später gezwungen sein werde, über ihn nachzudenken, werde ich mir vorstellen, dass er Flugzeugkapitän ist. Unter anderem auch deshalb, weil ich ihn in der schönen Jahreszeit häufiger auf dem Dach über seiner Wohnung sitzen sehe. Wie an jenem Samstagmorgen, an dem ich auf meinem Balkon stehe, gerade etwas zum Lüften aufgehängt habe und auf dem Dach gegenüber sitzt er mit einer jungen Frau mit dunklen Haaren, beide starren sie zu mir her und er redet über mich. Erzählt ihr vermutlich, wie er mich masturbierend auf der Couch liegen sah. - Ihr Gesichtsausdruck entgeistert. Er versteht es, sie zu beeindrucken. So wie er mit ihr redet, könnte es gut sein, dass sie zum ersten Mal bei ihm übernachtet hat. Ihre langen Haare ungebürstet, beide noch nicht geduscht, sie riechen nach dem Sex, den sie nach dem Aufwachen hatten. Frisch aufgebrühter Kaffee in kleinen Schlucken aus großen bunten Bechern. Und er erzählt ihr, wie er den älteren Mann, der dort drüben auf dem Balkon steht, bei der Selbstbefriedigung beobachtet hat. - Nein?! - Doch! - Bis heute denke ich, dass da alles angefangen hat und sie das war, die Frau, die sich später gelangweilt hat, die an dem Morgen mit ihm auf dem Dach gesessen hat. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur so lange eingeredet, bis ich es geglaubt habe. Man kann sich viel einbilden beim Blick von einer Dachwohnung zur anderen.
Es hätte allerdings auch sein können, dass der Mann der jungen Frau, neben der er auf dem Dach saß, mit einer weniger wichtigen Miene von seiner Beobachtung erzählt und vielleicht sogar dabei gelacht hätte. Die Frau hätte dann bestimmt auch gelacht. Beide hätten sie lachend zu mir hergeschaut und ich hätte auch gelacht. Wenn auch etwas verlegen, da ich wusste, was er der jungen Frau von mir erzählt hatte. Um meine Verlegenheit zu überspielen, hätte ich dem Paar auf dem Dach zugewinkt und die beiden hätten zurückgewinkt. Jedenfalls wäre so eine ganz andere Geschichte daraus geworden. Oder auch keine.
Es hätte allerdings auch sein können, dass der Mann der jungen Frau, neben der er auf dem Dach saß, mit einer weniger wichtigen Miene von seiner Beobachtung erzählt und vielleicht sogar dabei gelacht hätte. Die Frau hätte dann bestimmt auch gelacht. Beide hätten sie lachend zu mir hergeschaut und ich hätte auch gelacht. Wenn auch etwas verlegen, da ich wusste, was er der jungen Frau von mir erzählt hatte. Um meine Verlegenheit zu überspielen, hätte ich dem Paar auf dem Dach zugewinkt und die beiden hätten zurückgewinkt. Jedenfalls wäre so eine ganz andere Geschichte daraus geworden. Oder auch keine.