Mittwoch, 5. September 2012

ContessaTatsächlich 4


160712 Datei ContessaTatsächlich
Ab dem Freitag, an dem ich keinen Lottoschein mehr abgebe, werde ich es geschafft haben, spirituell. Dass ich es je finanziell geschafft haben könnte, dazu kenne ich mein Leben inzwischen zu gut, und so ist es nicht anders, als mit Verkommenheit zu erklären, dass ich immer noch Lotto spiele. Und als wäre das für sich noch nicht vulgär genug, denke ich am Samstag an die 8 Millionen Euro, die sich im Jackpot angesammelt haben, und fange an, davon zu träumen, was ich mit dem Geld machen werde, wenn es mir gehört. Das ist peinlich, das habe ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gemacht. Da bin ich spirituell nun wirklich darüber hinaus. Aber dieser Tagtraum ist gut: Wenn ich das viele Geld gewonnen habe, werde ich als erstes einen Privatdetektiv, der auf Online-Kriminalität spezialisiert ist, damit beauftragen, mir die Hacker vom Hals zu schaffen, die auch in diesem Augenblick, da ich das schreibe, in meinen Rechner eingehackt sind und meinen, sie könnten sich das herausnehmen, weil ich nichts dagegen tun kann, nicht einmal mit Sicherheit sagen kann ich, dass sie beide es sind, und jede Drohung mit der Polizei ist eine leere Drohung, da ich nicht beweisen kann, dass sie es sind, so dass eine Anzeige bei der Polizei immer nur eine Anzeige gegen Unbekannt sein kann. Nicht mehr als ein symbolischer Akt und über den lachen die beiden sich einen Ast. Anders, wenn ich einen Privatdetektiv beauftrage, dem ich sage, wer die beiden sind, und er wird die fehlenden Beweise zusammentragen. Keine Ahnung, wie er das macht, das ist der Tagtraum. Mit den Beweisen kann der Detektiv auf die beiden zugehen und sie in einem Gespräch, das so eklig ist, dass sie es ihr Leben lang nicht vergessen werden, schwören lassen, nie wieder auch nur an meinen Rechner zu denken. Aber diese Variante befriedigt mich nicht, merke ich, noch während ich sie träume. Auch weil sie mir nicht wirksam genug erscheint. Die beiden sind so unverschämt, dass es nicht anders zu erklären ist als mit einer in den Größenwahn reichenden Überheblichkeit und der ist in einem Gespräch, egal wie eklig, nicht beizukommen. Deshalb Polizei, Anzeige nun nicht gegen Unbekannt, sondern gegen den Nachbarn und die Frau, mir scheißegal in welchem Verhältnis sie zu ihm steht. Ich weiß, wie sie heißt oder wie sie sich nennt und wo sie wohnt. Aber will ich das wirklich? Sie auch anzeigen? – Ohne Zögern kommt die Antwort in meinem Tagtraum: Ja. – Es ist kriminell, was sie tut. Es ist schon lange nicht mehr nur in den WLANs der Nachbarn Rumschnüffeln mit einem Programm, das sich jeder runterladen kann aus dem Internet. Es ist gegen meinen mehrfach erklärten Willen, dass sie in meine Privatsphäre eindringt. Einbricht! Es ist nicht anders, als würde sie mit einem Nachschlüssel meine Wohnungstür öffnen und in meine Wohnung einbrechen und das nicht nur heimlich, still, leise, unbemerkt, im Gegenteil so dass ich es nur ja mitkriege: schau, ich war da, ich kann jederzeit wieder kommen, und wenn es mir nicht passt, was du tust, dann werde ich es dich spüren lassen. So läuft das (*). Ich habe es mit niemandem, der mir in meinem Leben begegnet ist, so gut gemeint wie mit ihr. Als mir Wochen später klar wurde, dass die Schwimmerin, von der ich die Augen nicht mehr lassen konnte, die Frau mit dem Hundert-Euro-Schein und der Verfolgungsjagd auf dem Parkplatz war, habe ich alles getan, um diesen Auftritt bezaubernd zu finden. Auch wenn mir das nie ganz gelungen ist, ich habe ihn nie wieder als lächerlich empfunden. Sie hat alle Chancen gehabt und hat sie immer noch. Nichts zwingt sie zu dem kriminellen Verhalten, das ich nicht mehr hinnehmen werde, weil sie es ist, die Frau mit dem Hundert-Euro-Schein, die anmutige Schwimmerin auf der Schnellschwimmbahn, die Frau, die ich Contessa genannt habe und dann Tess. Und das wollte mir mein Tagtraum sagen, dass ich das nun nicht mehr hinnehmen werde.

(*) Sie wollen etwas. Sie fürchten um ihre Anonymität, sie haben Angst, dass ich weitgehende Andeutungen zu ihrer Identität mache. Daran wollen sie mich hindern, indem sie mir zeigen, dass sie meine Passwörter kennen und jederzeit destruktiv werden können und indem sie mich piesacken mit Fehlfunktionen, die sie aus dem Hintergrund steuern: Fotos sind auf einmal nicht hochladbar an die Stelle, wo ich sie hinhaben will, die Tastatur ist blockiert … . Ihre Übergriffe mehren sich, seit ich mit diesem Text begonnen habe. Damit eskalieren sie den Konflikt, statt ihn einzudämmen. In ihrer Panik schaffen sie das Szenario, vor dem sie sich fürchten. Sie haben Angst und zugleich halten sie sich für unverwundbar. Vielleicht gestehen sie sich ihre Angst auch gar nicht ein. Vielleicht ist es für sie immer noch eine Demonstration von Dominanz. Bei ihm auf jeden Fall. Er will der Frau etwas beweisen. Deswegen ist es nicht berechenbar, was da passiert. Zu viel Testosteron. Blockierte Intelligenz. Mit so einem Gegner kann es keine Verhandlungen geben. Und sie? Verstehe ich wie immer nicht. Wie kann sie sich für berechtigt halten, weiter in meinen Rechner einzudringen, nur weil ich mich einmal für sie als Frau interessiert habe?

170712 Datei ContessaTatsächlich
Und was ist, wenn sie aufhören, wenn sie sich zurückziehen ab heute? Ich wechsle mein Passwort, sie versuchen nicht mehr, das neue Passwort zu entschlüsseln. Das kann ich nicht gleich erkennen, erst in drei, vier Monaten fällt mir auf, dass es so lange schon keine Interventionen mehr gegeben hat. Kein Abmelden meines Blogger Accounts mehr, während ich meinen Blog editiere, keine Systemabstürze mehr, seit einiger Zeit schon das Gefühl, wieder alleine zu sein. Und wenn sich mein Blick einmal zu den Fenstern der Nachbarwohnung verliert, geschieht dahinter nichts, was ich in eine Beziehung zu mir setzen könnte, müsste, ob ich will oder nicht. Es ist vorbei. Was mache ich dann mit dem, was mir da passiert ist? Hallenbadgeschichte, Nachbarschaftsgeschichte. Traum und Alptraum eines Pornowichsers. Szenisches Symptom. Spätfolge des Menschenausdenkens in meiner Zeit als erfolgloser Drehbuchautor. Einbruch der Wirklichkeit in meine gewollte Isolation. Über die drahtlose Verbindungstechnik meines Rechners sind sie hereingekrochen gekommen. Erst eine Frau, die sich gelangweilt hat, und hinterher der Mann, bei dem sie sich gelangweilt hat, aber nun ist endlich was passiert. Drama, keine Langeweile mehr. Entzweiungen, Versöhnungen. Dafür brauchten sie mich nicht. Aber für das Drama. Sich selbst für die Mitte der Welt halten, sich aus der Welt zurückziehen, die Menschen nicht mehr ertragen, vor allem die Frauen nicht, mir lieber welche ausdenken. Wenn ich mir die ausdenken kann, dann gibt es die auch irgendwo auf der Welt. Nur nicht bei mir, ich brauche sie auch nicht, das habe ich nur noch nicht begriffen, noch beklage ich meine Einsamkeit und deshalb, vielleicht wirklich nur deshalb, kommt an eines Tages die Frau, die sich langweilt, und aus dem gleichen Mangel an intellektuellem Format, aus dem ich nicht in meine Einsamkeit einwillige, halte ich das Auftauchen dieser Frau in meinem Leben für ein Wunder und werde vom Menschenfeind, als der ich gerettet gewesen wäre, zur rührenden Figur und zum Volldeppen, denn das Auftauchen der Frau ist alles andere als ein Wunder, es ist geplant und durchkalkuliert, schlecht geplant und die Kalkulation ist eine Fehlkalkulation. Sie geht nicht auf, weil ich nicht der bin, für den die Frau mich gehalten hat (finanziell). Ich bin aber auch nicht der, für den ich mich selbst halte. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einmal so wundergläubig sein kann. Und weil ich so wundergläubig bin, kriege ich es nicht mit, als es gar nicht mehr um mich geht, als ich nur noch der Platzwart des Schauplatzes bin, auf dem die Frau, die sich langweilt und der Mann, bei dem sie sich langweilt, ihr Drama austragen. Es gibt ein Leidenschaftsdrama, nichts Besonderes, wie es eben so geht. Das einzige Besondere daran ist, dass ich mich für die Hauptperson darin halte, in Wirklichkeit jedoch nur eine Randfigur bin. Ein Mann in einem grauen Kittel. Mehr Hausmeister als Platzwart. Das jedenfalls die Geschichte. Viel zu lang für einen Pitch. Fast schon eine Plotskizze. Auf jeden Fall genug, um beurteilen zu können: Will ich das erzählen? Wer braucht das? Und soll ich es auch noch erzählen, wenn sie sich zurückgezogen haben? – Sie haben sich nicht zurückgezogen.

180712 Datei ContessaTatsächlich
Eine Frau, die sich langweilt. Der Mann, bei dem sie sich langweilt. Geschichte der beiden. Das werde ich erst viel später begreifen. Zunächst glaube ich, dass mir ein Wunder geschieht. Und drei oder vier Jahre vorher liege ich auf der Couch, die Sonne scheint, hinter mir steht die Balkontür offen, doch wegen des Grünzeugs, mit dem das Geländer bewachsen ist, denke ich, niemand kann mich sehen, während ich es mir selbst mache. Ich bin gerade gekommen, als ich ein Rascheln hinter mir höre und mich danach umdrehe. Da sehe ich durch eine Lücke im Bewuchs den Nachbarn in der Wohnung gegenüber, wie er am Fenster sitzt, den Kopf zu mir hergedreht und offensichtlich hat er mir schon eine Weile zugeschaut. Wie lange? Von Anfang an? Ist doch egal. Wir kennen uns nicht, er interessiert mich nicht. Wenn ich später gezwungen sein werde, über ihn nachzudenken, werde ich mir vorstellen, dass er Flugzeugkapitän ist. Unter anderem auch deshalb, weil ich ihn in der schönen Jahreszeit häufiger auf dem Dach über seiner Wohnung sitzen sehe. Wie an jenem Samstagmorgen, an dem ich auf meinem Balkon stehe, gerade etwas zum Lüften aufgehängt habe und auf dem Dach gegenüber sitzt er mit einer jungen Frau mit dunklen Haaren, beide starren sie zu mir her und er redet über mich. Erzählt ihr vermutlich, wie er mich masturbierend auf der Couch liegen sah. -  Ihr Gesichtsausdruck entgeistert. Er versteht es, sie zu beeindrucken. So wie er mit ihr redet, könnte es gut sein, dass sie zum ersten Mal bei ihm übernachtet hat. Ihre langen Haare ungebürstet, beide noch nicht geduscht, sie riechen nach dem Sex, den sie nach dem Aufwachen hatten. Frisch aufgebrühter Kaffee in kleinen Schlucken aus großen bunten Bechern. Und er erzählt ihr, wie er den älteren Mann, der dort drüben auf dem Balkon steht, bei der Selbstbefriedigung beobachtet hat. - Nein?! - Doch! - Bis heute denke ich, dass da alles angefangen hat und sie das war, die Frau, die sich später gelangweilt hat, die an dem Morgen mit ihm auf dem Dach gesessen hat. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur so lange eingeredet, bis ich es geglaubt habe. Man kann sich viel einbilden beim Blick von einer Dachwohnung zur anderen. 

Es hätte allerdings auch sein können, dass der Mann der jungen Frau, neben der er auf dem Dach saß, mit einer weniger wichtigen Miene von seiner Beobachtung erzählt und vielleicht sogar dabei gelacht hätte. Die Frau hätte dann bestimmt auch gelacht. Beide hätten sie lachend zu mir hergeschaut und ich hätte auch gelacht. Wenn auch etwas verlegen, da ich wusste, was er der jungen Frau von mir erzählt hatte. Um meine Verlegenheit zu überspielen, hätte ich dem Paar auf dem Dach zugewinkt und die beiden hätten zurückgewinkt. Jedenfalls wäre so eine ganz andere Geschichte daraus geworden. Oder auch keine. 

Dienstag, 4. September 2012

ContessaTatsächlich 3


260812 Blogtext
Wie alles angefangen hat: mit einer taubenblauen Badekappe und damit, dass sie bei mir eingehackt war.

150812 Notizbuch
Es ist von Anfang an um Sex gegangen. Aber ich bin dabei alleine geblieben. Wenn ich es vom Ende her betrachte, ist es das einzig Gute an dieser Geschichte. Dass ich bei all dem Schlimmen, was mittlerweile geschehen ist, wenigstens für mich sein konnte, weil ich alleine geblieben bin.

40712 Datei ContessaTatsächlich
Wir kennen uns seit drei Jahren. Sie kennt mich noch länger. Als mir das klar wurde, wie lange sie schon da ist, ohne dass ich es wusste, und was sie dann alles von mir mitgekriegt hat, ist mir das Blut in den Kopf geschossen. Aber dann habe ich mir gedacht, sie hat all das mitgekriegt von mir und trotzdem ist sie immer noch da. Sie weiß mehr von mir, als irgendwer sonst und als ich ihr jemals von mir erzählt hätte. Was für ein Glück muss es sein, eine Frau zu lieben, die so viel über mich weiß und die von meinen Geheimnissen nicht vertrieben wurde. Vielleicht haben sie ihr sogar gefallen und wir können sie miteinander teilen, wenn es uns endlich gelungen ist, miteinander bekannt zu werden. Aber das schafften wir nicht, aufeinander zu zu gehen, miteinander zu sprechen, uns zu verabreden. Sie kannte meinen Kontostand und sie wusste, an welchen Stellen in einem Porno ich es mir kommen lasse, aber ich kannte nicht einmal ihren Namen. Drei Jahre lang wusste ich nicht, wie sie heißt. In meinen Gedanken und später als ich ihr zu schreiben anfing, habe ich sie Contessa genannt, und als sich das abzunutzen begann, Tess. TESS! Man nennt eine Frau nicht Tess, ohne sich Wunder weiß was vorzustellen, wer sie ist. Ich habe es mir verboten, mir zu viel vorzustellen. Für mich war der Name Ausdruck einer Zärtlichkeit und eines Zaubers. Meiner Zärtlichkeit für sie und ihres Zaubers für mich, der (vorläufig vor allem) darin bestand, was sie alles über mich wusste und dass sie mich trotzdem kennenlernen wollte. Aber auch das war schon viel zu viel. Denn, als wir endlich bekannt wurden miteinander, als sie mir ihren Namen sagte, als ich ihre Stimme hörte, und erlebte, wie sie mich behandelte, gab es nichts an ihr, das mir nicht gefallen hat, weil ich es mir anders und schöner vorgestellt hatte, und trotzdem schien es, als hätte ich mir zu viel vorgestellt. Oder sie vielleicht verwechselt mit einer anderen Frau? Sie jedenfalls war nicht die Frau, die ich erst Contessa, dann Tess genannt hatte. Tut ihr leid, tolle Geschichte, aber sie war nicht dabei, hat sie gesagt.

50712 Datei Contessa Tatsächlich
Sie hat sich verstellt, sie hat gelogen, so getan als wäre sie eine ganz andere Person, nur um nicht die zu sein, die sie drei Jahre lang in dieser Geschichte war: Frau aus dem Hallenbad, Frau von gegenüber, Frau, die sich in meinen Rechner eingehackt hat, Contessa, Tess. Jetzt will sie verhindern, dass ich die Geschichte erzähle. Oder ist es gar nicht sie, ist es er, der es verhindern will? Einer von beiden will es verhindern, kann sein auch beide. Aus unterschiedlichen oder gemeinsamen Gründen, das ist nicht wichtig. Es reicht zu wissen, dass jemand verhindern will, dass ich die Geschichte erzähle.

Ich bin ein Mann, bei dem das Alter begonnen hat. Es kommt nicht mehr oft vor, dass ich einen sexuellen Schauer erlebe. Als sie das Café betrat und auf mich zukam, spürte ich so einen Schauer und er hielt an, während wir einen Tisch suchten, unsere Mäntel auszogen, bestellten, und er hielt weiter an, während wir zu reden anfingen. Und dann war es auf einmal vorbei. Daran habe ich hinterher immer wieder denken müssen, wie der Schauer auf einmal weg war und nicht wieder kam während des ganzen folgenden Gesprächs nicht. Es war zum ersten Mal, seit wir uns begegnet waren vor drei Jahren, dass wir uns gegenüber saßen und uns so nah waren. Den Schauer hatte ich zuvor schon erlebt, wenn ich sie gesehen hatte oder meinte, ihre Nähe zu spüren. Jetzt, bei unserer ersten Verabredung - beim dritten Mal, da wir miteinander sprachen - wollte sie mir einreden, dass es kein Zuvor gegeben hatte, nicht mit ihr. Weil sie nicht die Frau war, für die ich sie hielt. Zugleich zeigte sie mir aber, dass sie als die, die sie sein wollte, interessiert war, mich kennen zu lernen. Nun eben ohne Schauer, hätte das geheißen für mich. Wo doch der Schauer der Beweis für mich war, dass ich mich nicht täuschte und dass sie mich belog. So gekonnt und überzeugend log, dass ich kurz einmal ins Zweifeln kam, dann aber nur noch abgestoßen war von ihrer Falschheit. Und ich denke mir, dass deshalb der Schauer aufgehört hat und nicht mehr zu verspüren war in dem langen Gespräch, weil ich erlebt habe, wie versiert sie log, wie gewohnheitsmäßig falsch sie ist als Person. Falsch zu mir. Denn hätte sie mir erzählt, wie sie andere belügt und betrügt und mir damit gezeigt, was für eine falsche Person sie ist, hätte ich nur gedacht, dass das zu mir passt, mich in so eine Frau zu verlieben,  und wäre ihr am Ende noch mehr verfallen gewesen. Aber wie soll ich eine Frau begehren, die so falsch zu mir ist?

Es ist nicht auszuschließen, dass ihr Typ oder ihr Ex-Typ es von ihr verlangt hat, dass sie mich täuscht über ihre Identität, damit er herausgehalten wird aus meiner Geschichte mit ihr. Dann ist sie entweder eine tragische Figur oder dumm, weil es klar war, dass sie mit ihrer Verstellung nicht durchkommen würde und es so ausginge wie geschehen: dass wir uns, kaum sind wir bekannt geworden miteinander, enttäuscht voneinander abwenden. Ich, weil ich ihre Falschheit nicht hinnehmen kann, zu der er sie verpflichtet hätte in dieser Version. Nicht zum ersten Mal sehe ich ihn als manipulativen Charakter, Puppenspieler, und sie hängt an seinen Fäden, ohne es zu merken, dann wäre sie dumm. Oder sie ist abhängig von ihm. Dann ist sie eine tragische Figur, weil sie bei einem wie ihm hängengeblieben ist und nicht von ihm wegkommt. Und wenn sie sich retten will, dann gerät sie an jemanden wie mich und was ich ihr geben könnte, damit kann sie nichts anfangen, das kriegt sie gar nicht erst zu Gesicht, weil sie mich beurteilt nach einer Standardvorstellung von Mann, der ich nicht entspreche, so wie ihr Typ oder Ex-Typ es tut. Aber von dem bekommt sie nicht, was sie braucht, von dem bekommt sie nur, was er braucht. Er kann nicht von ihr lassen. Aber er kann sie auch nicht zu seiner Frau machen, weil seine Frau eine andere Frau ist und wenn es keine andere Frau gäbe, würde er sich trotzdem nicht an sie binden, weil er frei sein wollte für den Tag, wenn eine bessere Frau kommt. Ich denke, dass sie ihm nicht gut genug ist. Sie ist nicht gut genug, gemessen an den Vorstellungen, die er davon hat, wie eine Frau für ihn sein muss. Und diese Vorstellungen sind dissoziiert davon, was er wirklich braucht. Das zeigt sich darin, dass er von ihr nicht lassen kann. Doch so alt können sie gar nicht werden miteinander, dass er das begreifen und ändern wird. Sie vertut mit ihm ihre Zeit und sie merkt es nicht, denn er lenkt sie ab mit dem Drama seiner Zerrissenheit und sie selbst lenkt sich ab mit dem Drama ihrer Suche nach einem Ausweg. Wie hoffnungslos ihre Suche ist wegen ihres Ungeschicks, mit dem sie sich selbst im Wege steht, das habe ich drei Jahre lang erlebt als mein eigenes Unglück. Ich habe nie eine Frau ungeschickter handeln gesehen. Und ich habe noch nie eine Frau gesehen, die eine unglücklichere Figur abgegeben hat als sie.

120712 Datei ContessaTatsächlich
Sie ist entweder 37 oder 40 Jahre alt. Als ich ihr gegenüber saß, hat sie gesagt, dass sie 37 ist. Es kann sein, dass sie 37 gesagt hat, weil sie früher einmal ihr Geburtsdatum angegeben hat mit 11. 9. 1971, in der verhuschten Kommunikation, zu der es gekommen ist zwischen uns durch ihr Eingehacktsein, hat sie mir das Datum genannt. Als sie mir nun gegenüber saß, wollte sie nicht die Frau sein, die in meinen Rechner eingehackt ist und auf diesem Weg schon kommuniziert hat mit mir. Egal wie verhuscht das war und wie wenig in all der Zeit dabei von von ihr gekommen war. Als sie mir nun endlich gegenüber saß, beharrte sie darauf, dass sie mich erst kennt, seit ich sie verwechselt habe mit einer anderen Frau und deshalb angesprochen habe an einem Fußgängerüberweg ein paar Wochen zuvor. Dass sie daher nicht die Frau ist, die ich vor drei Jahren regelmäßig gesehen habe beim Frühschwimmen in einem Hallenbad, später - ich wollte es erst selbst nicht glauben - in einer Wohnung in nächster Nachbarschaft meiner Wohnung, und als ich bemerkte, dass sie sich in meinen Rechner eingehackt hat – was ich auch erst nicht glauben wollte -, da habe ich mir ihr Eingehacktsein in meinen Rechner zunutze gemacht, um mit ihr zu kommunizieren. Bis ihr Freund dahinter gekommen ist und sich ebenfalls bei mir eingehackt hat. Weil er wissen wollte, was vorgeht. Aber vor allem, um sich einzumischen. Um unserer Heimlichkeit ein Ende zu machen. Und mich zu täuschen. So kann es sein, dass das Geburtsdatum 11.09.1971 von ihm gestreut wurde als Fehlinformation, um mich vorzuführen. Denn wäre ich nicht misstrauisch geworden, hätte ich darauf in meinem Blog am 11. September ihr Glück gewünscht zu ihrem Geburtstag und mich bestimmt veranlasst gesehen, noch eine Bemerkung dazu zu machen, dass sie am 11.09. geboren ist, dem Datum, das durch die Ereignisse dreissig Jahre später historisch wurde. 9/11. Ich hätte gar nicht anders gekonnt wegen meiner Blogregel: Alles muss ausgesprochen werden, hätte irgendetwas losgelassen, was mir in dem Moment plausibel, tatsächlich aber eine Riesendummheit gewesen wäre. Und er hätte triumphiert, weil es ihm gelungen war, mich zum Hampelmann zu machen. Als käme es darauf an. Aber so ein Mann ist das. Den hat sie sich ausgesucht. Sie der eine Hacker, er der andere. Ihr Typ oder Ex-Typ. Kann sein, dass sie getrennt sind, aber sie kommen nicht los voneinander, weil er nicht aufgibt oder sie nicht aufgibt. Ich schätze, dass er nicht aufgibt. Trotzdem wird sie von ihm immer nur bekommen, was er braucht. Eine Geliebte braucht er, denn eine Frau hat er schon, mit der ist er kinderlos verheiratet, und sie lebt in einer anderen Stadt. Sie also hingehaltene Geliebte oder enttäuschte Ex-Geliebte. 37 oder 40, wenn sie jetzt nicht endlich auch mal Glück hat, wird es nichts mehr mit dem Glück in ihrem Leben.

Montag, 3. September 2012

ContessaTatsächlich 2


240812 Morgenseiten
… und wie sie sich als höheres Wesen fühlt und wie sie dann das ganze Hintenrum und das Gelüge braucht, um sich damit durchzusetzen.

180812 Notizbuch
Das Verhängnis ist nicht diese oder eine andere Frau. Es ist die Liebe von Frauen. Wie sie lieben. Was sie sich unter Liebe vorstellen. Was sie für Geschäfte mit der Liebe machen.

19.08.12 Notizbuch
Das Wunder der Liebe ereignet sich für mich, als mir klar wird, was sie alles mitgekriegt hat von mir, wenn sie in meinen Rechner eingehackt ist, und sie ist in meinen Rechner eingehackt, daran gibt es gar keinen Zweifel und trotzdem ist immer noch da und will mich kennenlernen. Das ist das Wunder der Liebe und bald schon werden wir es zusammen erleben, habe ich geglaubt. Aber dazu ist es nicht gekommen. Es ist uns nie gelungen, uns kennenzulernen. Weil sie zu gut weiß, dass es keine Wunder gibt.

140712 Datei ContessaTatsächlich
Mit mir hatte sie kein Glück. Mit mir hat sie sich verzockt und gezockt hat sie. Sie hat einen Mann gesehen, von dem sie geglaubt hat, er könnte sie sich leisten. Falsch, ich kann mir nicht einmal mein eigenes Leben leisten und eine Frau, die ich kennengelernt habe, auch nur zu einem Kaffee einzuladen, ist nicht drin. Deshalb bin ich jedes Mal in Panik geraten, wenn ich daran dachte, dass die Frau, die ich seit Monaten beim Schwimmen beobachtete und die mich beobachtete, wie ich sie beobachtete, etwas von mir wollen könnte. Mehr als das Wechseln eines Hundert- Euro-Scheins. Das hatte sie mich im Januar an einem frühen Morgen mit schriller Stimme gefragt, als ich ins Hallenbad kam. Können Sie einen Hundert-Euro-Schein wechseln? – Ich kann nicht einmal meine Zehnerkarte finden, habe ich verschlafen geantwortet und mich dann besonnen und ihr angeboten, ihr die drei Euro für den Eintritt zu geben, wenn die dumme fette Frau an der Kasse nicht bereit ist, ihr den Schein zu wechseln, der für 6 Uhr 30 in einem Berliner Hallenbad allerdings wirklich sehr groß ist. - Haha! sagte sie auf  mein Angebot höhnisch, als wäre das der älteste Trick in der Welt alter Säcke wie mir, mit denen wir junge Frauen von uns abhängig machen und das nächste ist, dass wir sie unter Drogen setzen, verschleppen, und so wie wir das in unseren fiesesten Masturbationsphantasien unzählige Male durchgespielt haben, mit Handschellen ans Bett fesseln und wenn wir genug von ihnen haben, sie an einen internationalen Menschenhändlerring verscherbeln und das alles mit drei Euro. Nachdem sie schon so empört auf den ersten Teil meines Angebots reagiert hatte, schlug ich ihr lieber nicht vor, dass sie mir das Geld in den nächsten Tagen zurückzahlen könnte, zum Beispiel indem sie es bei der unfreundlichen Kassiererin hinterlegte. Stattdessen sagte ich, dass es um die Ecke eine rund um die Uhr geöffnete Sportsbar gibt. Und da müssen sie ihr den Schein gewechselt haben, denn nach dem Schwimmen, etwas mehr als eine Stunde später sah ich sie aus der Damenumkleide kommen mit nassen Haaren und ihre Stiefel in der Hand. Barfußzone in den Umkleiden. Als ich meine Schuhe anzog auf einer Bank sitzend in der Eingangshalle des Bades, saß sie auf der anderen Seite und zog ihre Stiefel an. Es ergab sich, dass sie kurz vor mir das Gebäude verließ und den gleichen Weg hatte wie ich, rechts um das Gebäude herum und dann über den Parkplatz in Richtung Straße. Sie ging vor mir. In ihrem Empfinden oder in ihrer Vorstellung von Verhaltensmustern alter Säcke wie mir muss es aber so gewesen sein, dass ich ihr folgte, und da es vom Folgen zum Verfolgen, wie wir alle wissen, nur ein Schritt zuviel ist, fing sie an zu hasten und schaffte es gerade noch rechtzeitig, ihren alten VW Golf zu erreichen, den sie gleich neben der Einfahrt zum Parkplatz abgestellt hatte, und die Tür aufzuschließen und einzusteigen, bevor ich nah genug herangekommen war, um sie anzusprechen. Denn dass ich sie an dieser von Passanten gut einsehbaren Stelle zu Boden werfen würde, um sie zu schänden, damit musste nicht einmal sie gerechnet haben, obwohl sie anscheinend nicht zum ersten Mal den Nachstellungen eines alten Sacks wie mir ausgesetzt war und deshalb unendlich erleichtert gewesen sein muss, als sie völlig außer Atem den Schlüssel ins Zündschloss ihres alten VW Golfs steckte, während ich vorbei ging und Mühe hatte, mich nicht gedemütigt zu fühlen von dem, was sie gerade vor mir abgezogen hatte. Als ich an der Sportsbar vorbei kam, die ich ihr zum Geldwechseln empfohlen hatte, gelang es mir trotz allem zu lachen. Aber ich hätte lieber nicht gelacht. Ich hätte lieber nicht erlebt, was ich eben erlebt hatte. Ich war auch so schon voller Verachtung für die Frauen, die mir begegneten. Frauen sind langweilig, banal und berechnend, hatte ich einmal gedacht und dann immer wieder, bis es zu meiner Überzeugung geworden war, von der ich nicht mehr loskam, und da wusste ich, dass ich verloren hatte, denn natürlich sind Frauen langweilig, banal und berechnend, aber sie sind es auch nicht. Weshalb der Satz intellektuell eine Bankrotterklärung ist und, schlimmer noch als das, zeigte er mir, dass ich verschissen hatte in meinem Leben, weil ich von nun an nur noch Frauen treffen würde, auf die dieser Satz zutrifft, und von den anderen sollte ich nicht einmal träumen, weil ich mich damit nur noch unglücklicher machen würde.

Sonntag, 2. September 2012

ContessaTatsächlich 1


Ton einer verspätet vorgetragenen Beschwerde. Unerfüllt gebliebene Sehnsucht. Menschen, die mich nichts angehen, zu nahe gekommen. Hässliche Geschichte. Ich bin selbst zu einem hässlichen Menschen geworden. Bei Auswahl und Bearbeitung der Texte habe ich mich nicht bemüht, daran etwas zu ändern. Ich rate davon ab, die Texte zu lesen. Nichts darin ist neu und die Geschichte ist zu  einfach: ein Einfaltspinsel bemüht sich um das falsche Mädchen, am falschen Ort, zur falschen Zeit. Ich kann nur jedem mehr Glück wünschen mit seiner Sehnsucht, als ich es hatte mit meiner. 



50712 Notizbuch
Sie ist 37 oder 40. Ich hätte sie heiraten müssen, um es herauszufinden. Ich hätte sie geheiratet.

60712 Datei ContessaTatsächlich
Sie ist 37 oder 40. Ich müsste sie heiraten, um es herauszufinden. Aber selbst dann könnte ich mir nicht sicher sein, dass die Dokumente, die sie beim Standesamt vorlegt, echt sind. Als ich sie zum zweiten Mal reden hörte, sprach sie mit amerikanischem Akzent. Der war mir nicht aufgefallen, als ich sie zum ersten Mal reden hörte. Als ich sie drei Jahre später wieder reden hörte, sprach sie vollkommen akzentfreies Deutsch mit einer leichten süddeutschen Färbung. Sie erklärte das damit, dass sie nicht die Frau war, die ich mit einem amerikanischen Akzent hatte reden hören. In einem Hallenbad war das. Wir hatten das Becken verlassen müssen, weil eine erhöhte Keimbelastung des Wassers gemessen worden war, und ich hörte, wie sie sagte: Vielleicht, wenn wir zehn oder zwanzig Minuten warten, das Wasser ist wieder gesund. In dem Moment habe ich mich in sie verliebt. Die Frau mit dem akzentfreien Deutsch und der leichten süddeutschen Färbung amüsierte sich über die Verwechslung und war sehr freundlich zu mir. Sie glaubte, mich schon einmal gesehen zu haben. Ob ich in einem Laden arbeite, fragte sie mich. Und dann fragte sie noch: Kennen sie Frau W.? Als wäre das eine im Stadtteil vielen bekannte Person. Später wurde klar, dass es ihre Therapeutin ist, die in einem benachbarten Stadtteil ihre Praxis hat. Die Therapie hatte sie vor drei Jahren begonnen wegen einer Lebenskrise. Jetzt war sie gerade dabei, die Therapie  erfolgreich abzuschließen und das bedeutete, dass sie nicht mehr lange Hartz 4-Geld bekommen würde und sich einen Job suchen musste. Die Schwierigkeit dabei war, dass sie in ihre Jobs immer als Autodidaktin und als Quereinsteigerin rein gekommen war und dass das nach drei Jahren Auszeit nun nicht gleich klappte. Das war bei unserer ersten Verabredung, als sie mir das alles erzählte. In der Nacht zuvor hatte sie nämlich nicht richtig geschlafen. Wegen eines Jobangebots, das für sie inakzeptabel war, aber da es auch das einzige war, das sie hatte, konnte sie es nicht leichten Herzens ablehnen. Ich bin sonst anders, sagte sie. Obwohl sie so viel von sich erzählte, wurde nicht klar, in was für Jobs sie gearbeitet hatte als Autodidaktin und Quereinsteigerin. Und ich habe sie nicht danach gefragt. Ich wollte es ihr überlassen, was sie mir erzählt. Im Anfang meiner Verliebtheit hatte ich mir immer vorgestellt, dass sie für die CIA arbeitet, und da der US-Geheimdienst so schlecht zahlt, noch einen zweiten Job als Profikillerin hat und wenn sie zurück käme von einem ihrer Killjobs irgendwo auf der Welt und im Morgengrauen neben mir unter die Bettdecke glitte, dann würde ich ihr Fragen stellen und sie würde mir mit ihrer flachen rechten Hand den Mund verschließen und sagen: Nimm mich in den Arm! Mit amerikanischem Akzent würde sie das sagen, habe ich mir vorgestellt, weil ich sie für eine US-Amerikanerin gehalten habe. Das war die glücklichste Zeit mit ihr, als alles außer ihrer äußeren Erscheinung noch Phantasie war. Natürlich war mir klar, dass eine Frau wie sie nicht alleine ist und entweder eine Freundin oder einen Freund hat. Es war dann ein Freund, mit dem ich sie sah, und sie trug einen dunkelblauen Trenchcoat aus Kunstfaser, edle schwarze Strümpfe und formelle Schuhe mit einem kleinen Absatz. Der Mantel sah aus wie ein Uniformmantel, wie Flugpersonal ihn trägt. Von da an nahm ich an, dass sie Flugbegleiterin ist und der Mann, mit dem ich sie gesehen hatte, ein paar Jahre älter als sie, aber deutlich jünger als ich, ein Pilot, Flugzeugkapitän. Beide bei der gleichen Airline, Kollegen erst, jetzt ein Paar. Aber dann stellte sich heraus, dass ihr Freund der Nachbar ist, der mir gegenüber wohnt und der mir Jahre vorher aus seinem Fenster beim Masturbieren zugesehen hätte, als ich mich unbeobachtet geglaubt hatte, und als ich ihn bemerkte, wie er entgeistert zu mir her glotzte, da habe ich gedacht: Was ist das denn für ein Typ? Ohne auf die Antwort scharf zu sein. Aber jetzt ist das der Typ von ihr und als nächstes kriege ich mit, dass sie da drüben ein und aus geht oder vielleicht sogar da wohnt. Contessa habe ich sie inzwischen genannt, da ich ihren richtigen Namen nicht kannte und weil sie ihre schönen langen Beine übereinander schlug mit der Anmut einer originalvenezianischen Contessa, wenn sie sich im Hallenbad an den Beckenrand setzte, um ihre Haare hochzustecken und ihre Badekappe aufzusetzen. Die Beine, immer wieder ihre langen schönen Beine. Wie oft ich sie gesehen habe beim Schwimmen. Ihre Waden glänzend vor Nässe und sonnenbeschienen. Die feine Zeichnung der Muskulatur an ihren Oberschenkeln. Aber nur das. Keine Phantasien. Und dass ich da hin wollte zwischen diese Schenkel. Mehr verbot ich mir an Wunsch und Vorstellungen. Um mich nicht zu quälen. Aber nun die Vorstellung, dass der Typ da drüben, der mir durch meine offen stehende Balkontür beim Masturbieren zugeschaut hatte, zwischen ihren Schenkeln lag. Auch das wollte ich mir nicht ausmalen. Trotzdem kam ich von der Vorstellung nicht los. Und damit fing es an, grausam zu werden und seither ist es immer grausamer geworden. Ich habe herausgekriegt, dass er nicht Flugzeugkapitän ist und war enttäuscht. Flugzeugkapitän hätte mir imponiert, aber nun hatte er einen Beruf wie jeder andere, der seinem Nachbarn beim Masturbieren zuguckt und das Maul dabei nicht zukriegt vor Staunen, worüber eigentlich? Trotzdem habe ich noch eine Weile angenommen, dass sie Flugbegleiterin ist. Dass sie ihren Job verloren haben könnte wegen einer Lebenskrise, darauf wäre ich aufgrund meiner Beobachtungen nie gekommen, weil ich sie unter der Woche tagsüber nicht sah. Erst am frühen Abend. Was, wie ich jetzt weiß, daher kam, dass sie eine eigene Wohnung hat und dort ihre Tage verbrachte. Mit was? Und in was ist sie Autodidaktin und Quereinsteigerin? Inzwischen denke ich, dass sie in der IT-Branche gearbeitet hat. Was mit Software. Programmierung. Und ihre Kenntnisse hat sie sich selbst drauf geschafft. Keine Zertifikate, keine Diplome. Und dann hat sie sich überschätzt, wie es vielen Autodidakten passiert. Den Anschluss verpasst, die Arbeit verloren und deswegen ihre Lebenskrise bekommen, nicht umgekehrt. Egal wie, ihre Kenntnisse reichen aus, um sich in meinen Rechner einzuhacken und trotz allem, was ich mir inzwischen ausgedacht habe, um ihn vor ihrem Zugriff zu schützen, immer noch eingehackt zu sein. Auch in dem Moment, da ich das schreibe, ist sie da, liest mit, was ich schreibe, zeigt mir auch, dass sie da ist. Beobachtet mich, um mich zu kontrollieren, um dazwischen zu funken mit einem Systemabsturz, wenn es ihr nicht passt, was ich über sie oder ihren Typ (Ex-Typ?) schreibe. Oder ist einfach nur da, weil sie gerne dabei ist und auch nicht wüsste,was sie sonst machen soll.

250812 Notizbuch
Sie ist entweder 37 oder 40. Hätte ich es genau wissen wollen, hätte ich sie heiraten und sie mit ihren Papieren aufs Standesamt schleppen müssen. Aber auch danach hätte ich mir nie ganz sicher sein können, ob ihre Papiere nicht gefälscht sind. Bleibt als letzte Möglichkeit, was Mrs. Matthau einmal in einem ähnlichen, aber ganz anderen Fall ihrem Mann Walter empfohlen hat: Hack ihr doch die Beine ab und zähl die Jahresringe! 

Ihre schönen Beine …