Wild thing
You make my heart sing
You make everything, groovy
I said wild thing
The Troggs
Bei dem Kram, den er runterlud, brauchte er nicht zu fürchten, von der Anwaltsbüro-Truppe der Industrie aufgespürt zu werden. Erst, als er begann, Filme und dazu noch aktuelle Filme herunterzuladen, wurde er prompt erwischt und bekam eine Rechnung von über 1000 Euro für zwei Filme. Der eine Film war Slumdog Millionaire. Den hat er seiner Freundin mitgebracht, um ihn mit ihr und ihrer Tochter anzusehen. Der zweite Film war ein Porno, in dem es um junge Frauen mit behaartem Genital ging. Er hat sich nie beschwert über das Anwaltsbüro und brav überwiesen, nachdem er Ratenzahlung ausgehandelt hatte. Geärgert hat er sich nur über sich selbst. Der war nicht mal gut, der Porno, meinte er zerknirscht. Bei Video World hätte er nur 1 Euro 70 bezahlt, wenn er die DVD noch am gleichen Tag, an dem er sie ausgeliehen hatte, wieder zurückgebracht hätte, weil ihn der Film enttäuschte. Wenn er dem Film noch mal eine Chance hätte geben wollen, hätte er noch mal den gleichen Betrag für jeden Tag Ausleihe zahlen müssen. Und wenn er sich beim zweiten oder dritten Ansehen in eine der Darstellerinnen verliebt hätte und sich nicht mehr von ihr und der DVD hätte trennen wollen (das erleben sie bei Video World immer wieder mit Kunden), dann hätte er nach vier Wochen eine Mahnung geschickt gekriegt, nach weiteren vier Wochen eine zweite und nach weiteren vier Wochen die dritte Mahnung - und der Film mit der Frau, die sich nicht wie seine Freundin die Schamhaare rasierte und ihn nicht nur noch telefonisch beschimpfte, sonst aber nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, der Film mit der Frau, die ihm nun so viel bedeutete, die DVD mit diesem Film hätte bis an sein Lebensende ihm gehört. Denn Video World hätte die Sache nicht weiterverfolgt. Zu aufwendig. Nur dass er sich bei Video World dann keine Filme mehr hätte ausleihen können. Es sei denn, er wäre bereit gewesen, eine Pauschale von 50 Euro zu zahlen, dann hätten sie ihm einen neuen Ausweis ausgestellt. Auch so wäre der Film immer noch preiswerter gewesen als an der Internet-Tauschbörse. Doch es wäre ihm nie eingefallen, sich bei Video World einen Film auszuleihen und schon gar nicht einen Porno. Für einen Porno gebe ich kein Geld aus, wird er sich gedacht haben. Umso mehr hat er sich über die monatlichen Zahlungen ans Anwaltsbüro geärgert. Er hat ihnen dann geschrieben, dass er zwangspensioniert ist, hoch verschuldet und außerdem todkrank. Daraufhin haben sie ihm einen geringen Teil ihrer Forderungen erlassen, um nicht hartherzig zu erscheinen. Dabei hätte ihm das alles so was von egal sein können, wenn er geahnt hätte, dass er ein paar Monate später tot sein wird. Aber das konnte er nicht ahnen, denn gestorben ist er nicht an seinem Krebs und auch nicht an seiner Leberzirrhose, gestorben ist er an einer Lungenentzündung, die er sich zugezogen hat in dem Krankenhaus, in das sein Sohn ihn hat einweisen lassen, und die er zu Hause nicht gekriegt hätte, wo es jedoch so gestunken hat, dass sein Sohn erst mal die Luft anhalten musste, wenn er seinen Vater besuchte, und dann zu sehen, wie er immer hinfälliger wurde und mehr und mehr verwahrloste und überall das Blut von dem stundenlangen Nasenbluten. Man muss auch den Sohn verstehen: das war immer noch sein Vater und er hat es nicht ertragen, ihn in diesem Elendszustand zu sehen. Es war nicht vorsätzlich. Der Junge studiert Informatik. Iatrogene Keime? Wie bitte? Ist schon besser so, wenn sich das nicht rumspricht, sonst wissen die Kliniken bald nicht mehr wohin mit all den Patienten, die es noch eine Weile machen könnten zu Hause, aber ihre Angehörigen können das Elend nicht mit ansehen. Keine 14 Tage hat es gedauert. Meistens im Dämmer, aber ansprechbar. Wie angenehm! Als er starb, waren sein Sohn bei ihm, seine Ex-Freundin, ihre Tochter und viele andere. Nur ich war nicht da und die Frau aus dem Porno auch nicht.