Ton einer verspätet vorgetragenen Beschwerde. Unerfüllt gebliebene Sehnsucht. Menschen, die mich nichts angehen, zu nahe gekommen. Hässliche Geschichte. Ich bin selbst zu einem hässlichen Menschen geworden. Bei Auswahl und Bearbeitung der Texte habe ich mich nicht bemüht, daran etwas zu ändern. Ich rate davon ab, die Texte zu lesen. Nichts darin ist neu und die Geschichte ist zu einfach: ein Einfaltspinsel bemüht sich um das falsche Mädchen, am falschen Ort, zur falschen Zeit. Ich kann nur jedem mehr Glück wünschen mit seiner Sehnsucht, als ich es hatte mit meiner.
50712 Notizbuch
Sie ist 37 oder 40. Ich hätte sie heiraten müssen, um es herauszufinden. Ich hätte sie geheiratet.
60712 Datei ContessaTatsächlich
Sie ist 37 oder 40. Ich müsste sie heiraten, um es herauszufinden. Aber selbst dann könnte ich mir nicht sicher sein, dass die Dokumente, die sie beim Standesamt vorlegt, echt sind. Als ich sie zum zweiten Mal reden hörte, sprach sie mit amerikanischem Akzent. Der war mir nicht aufgefallen, als ich sie zum ersten Mal reden hörte. Als ich sie drei Jahre später wieder reden hörte, sprach sie vollkommen akzentfreies Deutsch mit einer leichten süddeutschen Färbung. Sie erklärte das damit, dass sie nicht die Frau war, die ich mit einem amerikanischen Akzent hatte reden hören. In einem Hallenbad war das. Wir hatten das Becken verlassen müssen, weil eine erhöhte Keimbelastung des Wassers gemessen worden war, und ich hörte, wie sie sagte: Vielleicht, wenn wir zehn oder zwanzig Minuten warten, das Wasser ist wieder gesund. In dem Moment habe ich mich in sie verliebt. Die Frau mit dem akzentfreien Deutsch und der leichten süddeutschen Färbung amüsierte sich über die Verwechslung und war sehr freundlich zu mir. Sie glaubte, mich schon einmal gesehen zu haben. Ob ich in einem Laden arbeite, fragte sie mich. Und dann fragte sie noch: Kennen sie Frau W.? Als wäre das eine im Stadtteil vielen bekannte Person. Später wurde klar, dass es ihre Therapeutin ist, die in einem benachbarten Stadtteil ihre Praxis hat. Die Therapie hatte sie vor drei Jahren begonnen wegen einer Lebenskrise. Jetzt war sie gerade dabei, die Therapie erfolgreich abzuschließen und das bedeutete, dass sie nicht mehr lange Hartz 4-Geld bekommen würde und sich einen Job suchen musste. Die Schwierigkeit dabei war, dass sie in ihre Jobs immer als Autodidaktin und als Quereinsteigerin rein gekommen war und dass das nach drei Jahren Auszeit nun nicht gleich klappte. Das war bei unserer ersten Verabredung, als sie mir das alles erzählte. In der Nacht zuvor hatte sie nämlich nicht richtig geschlafen. Wegen eines Jobangebots, das für sie inakzeptabel war, aber da es auch das einzige war, das sie hatte, konnte sie es nicht leichten Herzens ablehnen. Ich bin sonst anders, sagte sie. Obwohl sie so viel von sich erzählte, wurde nicht klar, in was für Jobs sie gearbeitet hatte als Autodidaktin und Quereinsteigerin. Und ich habe sie nicht danach gefragt. Ich wollte es ihr überlassen, was sie mir erzählt. Im Anfang meiner Verliebtheit hatte ich mir immer vorgestellt, dass sie für die CIA arbeitet, und da der US-Geheimdienst so schlecht zahlt, noch einen zweiten Job als Profikillerin hat und wenn sie zurück käme von einem ihrer Killjobs irgendwo auf der Welt und im Morgengrauen neben mir unter die Bettdecke glitte, dann würde ich ihr Fragen stellen und sie würde mir mit ihrer flachen rechten Hand den Mund verschließen und sagen: Nimm mich in den Arm! Mit amerikanischem Akzent würde sie das sagen, habe ich mir vorgestellt, weil ich sie für eine US-Amerikanerin gehalten habe. Das war die glücklichste Zeit mit ihr, als alles außer ihrer äußeren Erscheinung noch Phantasie war. Natürlich war mir klar, dass eine Frau wie sie nicht alleine ist und entweder eine Freundin oder einen Freund hat. Es war dann ein Freund, mit dem ich sie sah, und sie trug einen dunkelblauen Trenchcoat aus Kunstfaser, edle schwarze Strümpfe und formelle Schuhe mit einem kleinen Absatz. Der Mantel sah aus wie ein Uniformmantel, wie Flugpersonal ihn trägt. Von da an nahm ich an, dass sie Flugbegleiterin ist und der Mann, mit dem ich sie gesehen hatte, ein paar Jahre älter als sie, aber deutlich jünger als ich, ein Pilot, Flugzeugkapitän. Beide bei der gleichen Airline, Kollegen erst, jetzt ein Paar. Aber dann stellte sich heraus, dass ihr Freund der Nachbar ist, der mir gegenüber wohnt und der mir Jahre vorher aus seinem Fenster beim Masturbieren zugesehen hätte, als ich mich unbeobachtet geglaubt hatte, und als ich ihn bemerkte, wie er entgeistert zu mir her glotzte, da habe ich gedacht: Was ist das denn für ein Typ? Ohne auf die Antwort scharf zu sein. Aber jetzt ist das der Typ von ihr und als nächstes kriege ich mit, dass sie da drüben ein und aus geht oder vielleicht sogar da wohnt. Contessa habe ich sie inzwischen genannt, da ich ihren richtigen Namen nicht kannte und weil sie ihre schönen langen Beine übereinander schlug mit der Anmut einer originalvenezianischen Contessa, wenn sie sich im Hallenbad an den Beckenrand setzte, um ihre Haare hochzustecken und ihre Badekappe aufzusetzen. Die Beine, immer wieder ihre langen schönen Beine. Wie oft ich sie gesehen habe beim Schwimmen. Ihre Waden glänzend vor Nässe und sonnenbeschienen. Die feine Zeichnung der Muskulatur an ihren Oberschenkeln. Aber nur das. Keine Phantasien. Und dass ich da hin wollte zwischen diese Schenkel. Mehr verbot ich mir an Wunsch und Vorstellungen. Um mich nicht zu quälen. Aber nun die Vorstellung, dass der Typ da drüben, der mir durch meine offen stehende Balkontür beim Masturbieren zugeschaut hatte, zwischen ihren Schenkeln lag. Auch das wollte ich mir nicht ausmalen. Trotzdem kam ich von der Vorstellung nicht los. Und damit fing es an, grausam zu werden und seither ist es immer grausamer geworden. Ich habe herausgekriegt, dass er nicht Flugzeugkapitän ist und war enttäuscht. Flugzeugkapitän hätte mir imponiert, aber nun hatte er einen Beruf wie jeder andere, der seinem Nachbarn beim Masturbieren zuguckt und das Maul dabei nicht zukriegt vor Staunen, worüber eigentlich? Trotzdem habe ich noch eine Weile angenommen, dass sie Flugbegleiterin ist. Dass sie ihren Job verloren haben könnte wegen einer Lebenskrise, darauf wäre ich aufgrund meiner Beobachtungen nie gekommen, weil ich sie unter der Woche tagsüber nicht sah. Erst am frühen Abend. Was, wie ich jetzt weiß, daher kam, dass sie eine eigene Wohnung hat und dort ihre Tage verbrachte. Mit was? Und in was ist sie Autodidaktin und Quereinsteigerin? Inzwischen denke ich, dass sie in der IT-Branche gearbeitet hat. Was mit Software. Programmierung. Und ihre Kenntnisse hat sie sich selbst drauf geschafft. Keine Zertifikate, keine Diplome. Und dann hat sie sich überschätzt, wie es vielen Autodidakten passiert. Den Anschluss verpasst, die Arbeit verloren und deswegen ihre Lebenskrise bekommen, nicht umgekehrt. Egal wie, ihre Kenntnisse reichen aus, um sich in meinen Rechner einzuhacken und trotz allem, was ich mir inzwischen ausgedacht habe, um ihn vor ihrem Zugriff zu schützen, immer noch eingehackt zu sein. Auch in dem Moment, da ich das schreibe, ist sie da, liest mit, was ich schreibe, zeigt mir auch, dass sie da ist. Beobachtet mich, um mich zu kontrollieren, um dazwischen zu funken mit einem Systemabsturz, wenn es ihr nicht passt, was ich über sie oder ihren Typ (Ex-Typ?) schreibe. Oder ist einfach nur da, weil sie gerne dabei ist und auch nicht wüsste,was sie sonst machen soll.
250812 Notizbuch
Sie ist entweder 37 oder 40. Hätte ich es genau wissen wollen, hätte ich sie heiraten und sie mit ihren Papieren aufs Standesamt schleppen müssen. Aber auch danach hätte ich mir nie ganz sicher sein können, ob ihre Papiere nicht gefälscht sind. Bleibt als letzte Möglichkeit, was Mrs. Matthau einmal in einem ähnlichen, aber ganz anderen Fall ihrem Mann Walter empfohlen hat: Hack ihr doch die Beine ab und zähl die Jahresringe!
Ihre schönen Beine …
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