Unbehaglich fühlt sie sich schon den ganzen Tag. Weil sie unausgeschlafen ist und weil sie heute noch bei den Leuten anrufen muss, die ihr den Verkaufsjob auf der Straße angeboten haben. Den wird sie ablehnen, sie kann gar nicht anders, aber ihr ist nicht wohl dabei, weil es ist das einzige Angebot, das sie hat, und vielleicht machen sie ihr ein anderes, wenn sie dieses Angebot ablehnt mit der Begründung, dass Straßenverkauf nicht zu ihr passt, vielleicht denken sie aber auch, wenn sie nicht bereit ist, sich erst zu bewähren, zeigt ihnen das, dass sie keinen Leistungswillen hat, und vielleicht haben sie ihr dieses Angebot nur gemacht, um sie zu testen. Was ihr auch klar ist, denn sie ist nicht auf den Kopf gefallen (das hier mal festhalten, dass sie nicht auf den Kopf gefallen ist). Und dennoch will sie den Job nicht machen, weil es nicht gut ist für sie nach gerade überstandener Lebenskrise sich gleich wieder einen solchen Zwang anzutun. Aber das Geld. Und das Jobcenter. Und vielleicht wollen die Leute sie nur testen, die sie nachher anrufen muss, um anzunehmen oder abzusagen. Das ihre Welt an diesem Nachmittag.
Wenn sie nur 900 oder 1000 Euro verdienen könnte, das würde ihr schon reichen, sagt sie. Aber die Schwierigkeit, eine Arbeit zu finden für sie als lebenslange Autodidaktin und Quereinsteigerin! Was das genau heißt, habe ich immer noch nicht kapiert und frage nun, wie alt sie ist. – 37. – Für etwa so alt habe ich sie geschätzt und aus dem Grund habe ich gefragt. Dann kann sie doch noch eine Ausbildung machen, sage ich. Sie schüttelt den Kopf. Das will sie auf keinen Fall und das hätte ich mir auch denken können: Autodidaktin, Quereinsteigerin ist sie gewesen und will sie bleiben, kann wahrscheinlich auch gar nicht anders. Komplexer Charakter. Kein einfaches Leben. Meine Welt. Wie alt ich denn sei? fragte sie nun. – 59. – Auch das jetzt bitte festhalten: Sie ist überrascht, als sie das hört. Authentisch überrascht. Wenn sie die Contessa ist, kann sie nicht überrascht sein. Die weiß, wie alt ich bin. Wenn sie die Contessa ist und sich so verstellen kann, dass ihre Überraschung so echt wirkt, dass unser Treffen an dieser Stelle einen Knacks kriegt, von dem es sich nicht mehr erholen wird, dann hat sie ein solches schauspielerisches Potential, dass die ganze Geschichte meiner unerfüllten großen Liebe zu ihr neu betrachtet werden muss von diesem Ende her: Sie trifft mich, ihre wahre Identität leugnend, zu dem einzigen Zweck, den Dialog an eine Stelle zu führen, wo sie mich fragen kann, wie alt ich bin, und nachdem ich für sie erwartungsgemäß geantwortet habe, 59, reagiert sie darauf wie jemand, dem es nur schwer gelingt, seine Bestürzung nicht zu zeigen, aber jeder kann sehen, wie sie unter Schock steht. Anschauliches Erzählen: Don´t say it, show it! Narrativ des manipulativen Charakters. Die Contessa ein manipulativer Charakter, das denke ich nicht zum ersten Mal, und nun will sie mir ein für alle mal klar machen: Du bist mir zu alt, kein Mann für mich. Arm und dann auch noch alt. So viel Romantik kannst du nicht von mir erwarten. So viel Romantik kann kein Mann von einer Frau erwarten. – Ist klar. Aber warum das jetzt? Ich wollte doch gar nichts mehr. Ich habe nur noch darauf gewartet, dass es aufhört. Du warst raus aus der Geschichte. Hast du das nicht bemerkt? Oder wolltest du nur endlich auch mal was sagen, bevor es vorbei ist? Nachdem du drei Jahre geschwiegen hast. Das hatte sich also angesammelt bei dir in all der Zeit? Das musste raus? Egal, wie weh es mir tut? - Es hat gar nicht so weh getan. Nur ein Scheißgefühl war es: tagelang anhaltender Dämpfer, den mir die Einsicht versetzt hat, wer du bist, wenn du so bist. - Wenn du die warst, für die ich dich gehalten habe, und dann wieder nicht. Wenn ich mich nicht versteige mit meiner Erklärung deines Verhaltens. Dann bleibt immer noch das Gefühl dieses Dämpfers, den unser Treffen bei mir hinterlassen hat, unabhängig von dem, was ich mir gedacht habe. Am Ende gedacht, was ich gedacht habe, wegen des Gefühls und nicht wegen des Gedachten gefühlt: da ist ein nasses Stück Filz, wo einmal mein Herz war. Keine Ahnung, warum es nass ist, ich habe den Filz nicht da hingetan.
Ende Version 1: Die Frau im Café ist die Contessa aus dem Hallenbad. Ende Version 2: Die Frau, die mir gegenüber sitzt, sieht der Contessa so verwirrend ähnlich, dass ich immer noch nicht weiß, ob ich ihrer Beteuerung, nicht die Frau aus dem Hallenbad zu sein, glauben soll, aber das ist nicht so wichtig. Sie ist 37 Jahre alt, hat sie geantwortet, als ich nach ihrem Alter gefragt habe. Ich bin 59 Jahre alt, habe ich ihr geantwortet, als sie mich nach meinem Alter gefragt hat. Ich hatte gedacht, das wüsste sie bereits: Hast du das nicht in meinem Blog gelesen, wie alt ich bin? frage ich sie, als ich sehe, wie überrascht sie ist, genau genommen: bestürzt. – Du hast keine Angaben zu deiner Person gemacht in deinem Blog, antwortet sie. – Aber es kommt doch immer wieder vor, dass ich mein Alter erwähne, sage ich und sie sagt darauf nichts. Sie hat wohl doch nicht so viel gelesen in meinem Blog. Und warum sie es mir dann nicht angesehen hat, wie alt ich bin, darüber will ich keine Mutmaßungen anstellen. Für so etwas gibt es oftmals die erstaunlichsten Erklärungen. Ich kann nur versichern: Ich sehe genau so alt aus wie ich bin und das schon ziemlich lange. Kein Mensch ist in den letzten zwanzig Jahren auf die Idee gekommen, mir damit zu schmeicheln, dass er mich für bedeutend jünger hielt, bevor er erfahren hat, wie alt ich in Wirklichkeit bin. Die Frau, die ich mit der Contessa verwechselt hatte, war die erste Person, der das passiert ist. Für wie alt sie mich gehalten hat? Ich war nicht geistesgegenwärtig genug, um sie danach zu fragen. Sie muss mich für deutlich jünger gehalten haben. Denn was immer sie sich vorgestellt hatte, als sie sich ihre Haare geföhnt, Make up aufgelegt und Schuhe mit halbhohen Absätzen angezogen hat, bevor sie losging, um mich zu treffen, das konnte sie nach der Eröffnung, dass ich 59 Jahre alt bin, vergessen. Die Enttäuschung war ihr anzusehen und es gelang ihr bis zum Schluss nicht, sie zu überspielen. Es gab meine unabsichtliche Berührung und darauf das Zurückweichen von ihr. Es gab den Augenblick, als ich die Vertrautheit mit ihr so stark empfand, dass ich es ihr sagen musste, aber nach ihrem Zurückweichen es lieber unterlassen habe, ihr zu zeigen, was ich meinte, indem ich ihr auf die Schulter klopfte. Ob ich sie fotografieren darf, habe ich sie gefragt, und das hat sie entschieden abgelehnt. Wobei ihre sonst so schwache Stimme mit einem Mal fest und überhaupt nicht mehr so leise war. Da ich meine Kamera schon mal ins Spiel gebracht hatte, zeigte ich ihr Fotos von der Vernissage, bei der ich am Abend zuvor war.
Wenn das nun der Anfang gewesen wäre davon, wie wir seither miteinander umgehen - anders als ich es mir vorgestellt habe, anders als sie es geplant hatte, aber wie froh sind wir, dass wir uns haben -, dann wäre die Beklemmung zuvor zu etwas gut gewesen: uns frei zu machen von unseren vorgefassten Meinungen, die wir über das Leben haben. So aber war es nur eine kurze Ablenkung, bevor wir mit unseren Meinungen über das Leben vollends aneinander vorbeischrammten. Sie wolle auch wieder fotografieren, sagte sie, während wir meine Fotos anschauten. – Wieder? – Ja, sie habe einmal für eine Zeitschrift Kinder fotografiert. Das war gut. – Ich sagte, dass ich nur ein talentierter Amateur bin und manchmal auch einfach nur Glück habe. Ich versuche abzubilden, was ich sehe. Oft gelingt das auch. Und manchmal sieht meine Kamera mehr als ich. Die Bilder, die ich ihr zeigte als Beispiel dafür, gefielen ihr. Und als ich ihr Fotos einer attraktiven älteren Frau zeigte und erzählte, wie die Frau, eine Malerin, mir Anweisungen gegeben hat, als ich sie fotografierte, da sagte sie: die hat tätowierte Augenbrauen. Das hatte ich nicht erkannt. Ich hatte nur gesehen, dass sie etwas gemacht hatte mit den Brauen, um sie so dünn und geschwungen hinzukriegen. Aber auf tätowiert wäre ich nie gekommen. Das war die Erklärung. Und so wie sie die vorgebracht hatte, schien mir das zugleich eine Reaktion auf meinen Satz von zuvor zu sein: Das ist die überwältigende Ina Lindeman. – Wenn du möchtest, kannst du mitkommen, wenn ich wieder so eine Einladung habe oder einen Atelierbesuch mache, habe ich darauf zu ihr gesagt und sie hat genickt. Ja, würde ich gerne machen, konnte das heißen. Oder: Nein kann ich immer noch sagen, wenn es so weit ist.
Sie musste jetzt los. Der Anruf bei den Leuten mit dem Straßenverkaufsjob. Und vorher musste sie noch etwas einkaufen. Ich musste auch dringend weg. Ab 16 Uhr schreibe ich den Entwurf für mein tägliches Posting und nun war es schon nach halb fünf. Rechnung. Der Kellner gibt sie mir. Ich sage ganz selbstverständlich: getrennt, weil es mir in dem Moment selbstverständlich ist. Jeder zahlt seins, sie mehr, weil sie mehr hatte. Wie viel ist das? – Kriegt ihr das hin, fragt der Kellner. Ich: Ja, ja. Ich schaue auf die Rechnung. Meine Brille habe ich schon weggesteckt. Ich frage den Kellner: Und wie viel macht es? – 7 Euro 40. – Und der Tee? – 2 Euro 20. – Ich zähle mein Kleingeld: 2 Euro 50. – Sie hat ihren Geldbeutel aus ihrer Handtasche geholt. Sie hat nicht erwartet, dass sie ihn brauchen würde. Sie nimmt sich die Rechnung vor. Ich will ihr die 2 Euro 50 für meinen Anteil geben. Sie weiß nicht, was das soll. Der Kellner bemerkt, dass wir es nicht hinkriegen. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich die Szene peinlich finden und dem Kellner den 10-Euro-Schein geben, den ich noch in der Tasche habe. – Der Kellner nennt ihr den Betrag, den sie zu zahlen hat. Ich gebe ihm 2 Euro 50. Ich kann nicht erkennen, ob sie ihm ein Trinkgeld gibt. Wortlos ziehen wir unsere Mäntel an und verlassen das Café. Sie geht zu ihrem Fahrrad, ich folge ihr und sage: Melde du dich, wenn du Lust hast, mich wieder zu treffen. Ich melde mich erst, wenn ich ein Ereignis habe, das dich interessieren könnte. – Ich muss das aussprechen, um zu merken, dass es darum gar nicht mehr geht. Es ist egal, wie unaufdringlich ich bin, und warum sollte sie mich zu irgendeinem Kunstereignis begleiten? Um dort einen Mann zu treffen, der - Künstler – auch nicht in der Lage ist, sie zu einem Kaffee und einem belegten Brötchen einzuladen? Der dann allerdings bestimmt jünger ist als ich und insofern, überlege es dir vielleicht doch noch mal. Wenn du es mit 37 nicht geschafft hast, wird das nichts mehr mit dem Wohlstand. Und wenn du es bis jetzt nicht geschafft hast, einen Mann zu finden, der das für dich macht, kannst du das auch vergessen. Aber so vertraut waren wir nun doch nicht, dass ich so mit ihr reden konnte. Wir schwiegen. Sie, weil sie sich über die 5 Euro 20 ärgerte, die sie hatte bezahlen müssen? Ich, weil mir zu ihrem Schweigen nur Fragen einfielen, die ich ihr nicht stellen konnte, weil wir dazu nicht vertraut genug waren. – Sie öffnete ihr Fahrradschloss, stellte das Rad in Richtung Straße, setzte sich drauf, war abfahrbereit. Hände am Lenker. Schwarze Wollhandschuhe. Das hatte ich gar nicht mitgekriegt, als sie sich die angezogen hatte. Sie schaute mich an und ihr Blick sagte: Ich muss jetzt los. Ich wollte ihr die Hand geben zum Abschied. Das ging nicht, weil sie sich mit beiden Händen am Lenker festhielt. Ich fasste nach ihrer Hand, um sie kurz zu berühren, als ich Tschüss sagte, und war überrascht, wie weich der Wollhandschuh sich anfühlte. Ob sie auch Tschüss sagte oder wortlos weggefahren ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ist sie weggefahren.
Am nächsten Tag habe ich in meinem Blog über das Treffen geschrieben. Wie hier habe ich nicht einmal ihren Vornamen genannt und auch nicht den Titel ihres Blogs, obwohl sie dort mit einem Alias auftritt, mit einem Anagramm ihres Namens. Ich habe vom Treffen mit ihr nur erzählt, dass sie sich nicht fotografieren lassen wollte und dass der Abschied eilig und kühl war. Ich habe erklärt, dass ich sie fotografieren wollte, um ihre Augenbrauen zu retuschieren. Die Contessa hatte nämlich dünne Brauen, während die Frau aus dem Café ebenfalls gezupfte, aber dickere Augenbrauen hat. Mit der Retusche der Brauen auf dem Foto wollte ich mir Gewissheit verschaffen, schrieb ich. Unwahrscheinlich, dass ich das getan hätte. Ich habe mir das nur einfallen lassen für den Blog, um so zu umschreiben, dass ich mir nicht im Klaren darüber war, was ich bei dem Treffen erlebt hatte. Es fühlte sich nicht gut an nachträglich, das war alles, was ich wusste. Auch das habe ich angedeutet in meinem Blogtext, indem ich erzählte, dass wir nicht noch ein Stück zusammen gegangen sind, weil sie es so eilig hatte wegzukommen. Ich wollte schreiben, wie es war, und es mir dabei nicht mit ihr verderben. Vor allem wollte ich ihr zeigen, dass ich zu unterscheiden wusste, was ich preisgeben konnte im Blog und wo ich Rücksicht auf sie nehmen musste. Es war ihr nicht rücksichtsvoll genug oder sie hat meine Rücksichtnahme gar nicht bemerkt. Denn darauf hat sie mir eine Mail geschrieben, die irgendwie erbost war - heißt, ohne dass gleich klar war, weswegen. Das Treffen war auch für sie nicht gut gelaufen: meine Armut, mein Alter und wer weiß, was ihr sonst noch alles an mir aufgefallen war. Sie hatte eine Enttäuschung zu verkraften. Wenn sie es auch nicht zugab. Es sei ganz nett mit mir gewesen, schrieb sie. Aber nicht mehr. Doch mehr, als dass es ganz nett mit mir wird, habe sie auch gar nicht erwartet von dem Treffen, wollte sie damit sagen. So wie ich es nun darstelle, habe es aber einen Beigeschmack bekommen - Beigeschmack! schrieb sie und meinte damit, es habe das Treffen durch meine Sicht und Darstellung eine Bedeutung bekommen, die es für sie nicht hatte. So war die Erbostheit ihrer Mail zu verstehen. Sie wollte sich gegen meine aufdringliche Sicht und Darstellung verwahren. Außerdem, schrieb sie, müsse sie mich bitten, sie künftig aus meinem Blog rauszuhalten. Sie will in meinem Blog nicht vorkommen, heißt: sie will in meinem Leben nicht vorkommen, heißt: sie will nichts von mir wissen. Peng! Und da liege ich schon am Boden und sie könnte mich jetzt meinen Schmerzen und meinen Tränen überlassen, doch da tritt sie noch mal in mich rein, dass es kracht: Ach, und das mit meiner Contessa-Geschichte, schreibt sie, das sei ja wohl für jeden außer mir offensichtlich, dass das nur Einbildung von mir gewesen ist. – Das hat mir schon einmal jemand gesagt, der es nicht gut meinte mit mir. Aber ich war nun mal dabei, ich weiß was Einbildung von mir war (genug) und was nicht (alles nicht). Ich bin darauf vorbereitet, dass die Frau, die ich Contessa nenne, anders ist, als was ich mir unter ihr vorgestellt habe. Ich war nach dem Treffen im Café mehr und mehr der Überzeugung, dass die Frau dort nicht die Contessa gewesen ist. Doch nach diesem Schlusssatz ihrer Mail, alles sei nur Einbildung gewesen, danach weiß ich, dass sie die Frau ist, die ich Contessa genannt habe, und damit weiß ich auch, was sie für eine Frau ist. Die Frau, von deren Anblick ich bezaubert war, wenn sie sich im Hallenbad an dem Beckenrand setzte und ihre Beine übereinanderschlug wie eine Klosterschülerin oder wie eine Contessa, ist die Frau, die das Wort Beigeschmack wählt, wenn sie sich dagegen verwahrt, dass ein Mann sich wünscht, zwischen ihren schönen Beinen zu liegen. Und es ist egal, ob mir das gefällt oder nicht.