Montag, 16. April 2012

Bezaubert 4

Unbehaglich fühlt sie sich schon den ganzen Tag. Weil sie unausgeschlafen ist und weil sie heute noch bei den Leuten anrufen muss, die ihr den Verkaufsjob auf der Straße angeboten haben. Den wird sie ablehnen, sie kann gar nicht anders, aber ihr ist nicht wohl dabei, weil es ist das einzige Angebot, das sie hat, und vielleicht machen sie ihr ein anderes, wenn sie dieses Angebot ablehnt mit der Begründung, dass Straßenverkauf nicht zu ihr passt, vielleicht denken sie aber auch, wenn sie nicht bereit ist, sich erst zu bewähren, zeigt ihnen das, dass sie keinen Leistungswillen hat, und vielleicht haben sie ihr dieses Angebot nur gemacht, um sie zu testen. Was ihr auch klar ist, denn sie ist nicht auf den Kopf gefallen (das hier mal festhalten, dass sie nicht auf den Kopf gefallen ist). Und dennoch will sie den Job nicht machen, weil es nicht gut ist für sie nach gerade überstandener Lebenskrise sich gleich wieder einen solchen Zwang anzutun. Aber das Geld. Und das Jobcenter. Und vielleicht wollen die Leute sie nur testen, die sie nachher anrufen muss, um anzunehmen oder abzusagen. Das ihre Welt an diesem Nachmittag.

Wenn sie nur 900 oder 1000 Euro verdienen könnte, das würde ihr schon reichen, sagt sie. Aber die Schwierigkeit, eine Arbeit zu finden für sie als lebenslange Autodidaktin und Quereinsteigerin! Was das genau heißt, habe ich immer noch nicht kapiert und frage nun, wie alt sie ist. – 37. – Für etwa so alt habe ich sie geschätzt und aus dem Grund habe ich gefragt. Dann kann sie doch noch eine Ausbildung machen, sage ich. Sie schüttelt den Kopf. Das will sie auf keinen Fall und das hätte ich mir auch denken können: Autodidaktin, Quereinsteigerin ist sie gewesen und will sie bleiben, kann wahrscheinlich auch gar nicht anders. Komplexer Charakter. Kein einfaches Leben. Meine Welt. Wie alt ich denn sei? fragte sie nun. – 59. – Auch das jetzt bitte festhalten: Sie ist überrascht, als sie das hört. Authentisch überrascht. Wenn sie die Contessa ist, kann sie nicht überrascht sein. Die weiß, wie alt ich bin. Wenn sie die Contessa ist und sich so verstellen kann, dass ihre Überraschung so echt wirkt, dass unser Treffen an dieser Stelle einen Knacks kriegt, von dem es sich nicht mehr erholen wird, dann hat sie ein solches schauspielerisches Potential, dass die ganze Geschichte meiner unerfüllten großen Liebe zu ihr neu betrachtet werden muss von diesem Ende her: Sie trifft mich, ihre wahre Identität leugnend, zu dem einzigen Zweck, den Dialog an eine Stelle zu führen, wo sie mich fragen kann, wie alt ich bin, und nachdem ich für sie erwartungsgemäß geantwortet habe, 59, reagiert sie darauf wie jemand, dem es nur schwer gelingt, seine Bestürzung nicht zu zeigen, aber jeder kann sehen, wie sie unter Schock steht. Anschauliches Erzählen: Don´t say it, show it! Narrativ des manipulativen Charakters. Die Contessa ein manipulativer Charakter, das denke ich nicht zum ersten Mal, und nun will sie mir ein für alle mal klar machen: Du bist mir zu alt, kein Mann für mich. Arm und dann auch noch alt. So viel Romantik kannst du nicht von mir erwarten. So viel Romantik kann kein Mann von einer Frau erwarten. –  Ist klar. Aber warum das jetzt? Ich wollte doch gar nichts mehr. Ich habe nur noch darauf gewartet, dass es aufhört. Du warst raus aus der Geschichte. Hast du das nicht bemerkt? Oder wolltest du nur endlich auch mal was sagen, bevor es vorbei ist? Nachdem du drei Jahre geschwiegen hast. Das hatte sich also angesammelt bei dir in all der Zeit? Das musste raus? Egal, wie weh es mir tut? - Es hat gar nicht so weh getan. Nur ein Scheißgefühl war es: tagelang anhaltender Dämpfer, den mir die Einsicht versetzt hat, wer du bist, wenn du so bist. - Wenn du die warst, für die ich dich gehalten habe, und dann wieder nicht. Wenn ich mich nicht versteige mit meiner Erklärung deines Verhaltens. Dann bleibt immer noch das Gefühl dieses Dämpfers, den unser Treffen bei mir hinterlassen hat, unabhängig von dem, was ich mir gedacht habe. Am Ende gedacht, was ich gedacht habe, wegen des Gefühls und nicht wegen des Gedachten gefühlt: da ist ein nasses  Stück Filz, wo einmal mein Herz war. Keine Ahnung, warum es nass ist, ich habe den Filz nicht da hingetan.

Ende Version 1: Die Frau im Café ist die Contessa aus dem Hallenbad. Ende Version 2: Die Frau, die mir gegenüber sitzt, sieht der Contessa so verwirrend ähnlich, dass ich immer noch nicht weiß, ob ich ihrer Beteuerung, nicht die Frau aus dem Hallenbad zu sein, glauben soll, aber das ist nicht so wichtig. Sie ist 37 Jahre alt, hat sie geantwortet, als ich nach ihrem Alter gefragt habe. Ich bin 59 Jahre alt, habe ich ihr geantwortet, als sie mich nach meinem Alter gefragt hat. Ich hatte gedacht, das wüsste sie bereits: Hast du das nicht in meinem Blog gelesen, wie alt ich bin? frage ich sie, als ich sehe, wie überrascht sie ist, genau genommen: bestürzt. – Du hast keine Angaben zu deiner Person gemacht in deinem Blog, antwortet sie. – Aber es kommt doch immer wieder vor, dass ich mein Alter erwähne, sage ich und sie sagt darauf nichts. Sie hat wohl doch nicht so viel gelesen in meinem Blog. Und warum sie es mir dann nicht angesehen hat, wie alt ich bin, darüber will ich keine Mutmaßungen anstellen. Für so etwas gibt es oftmals die erstaunlichsten Erklärungen. Ich kann nur versichern: Ich sehe genau so alt aus wie ich bin und das schon ziemlich lange. Kein Mensch ist in den letzten zwanzig Jahren auf die Idee gekommen, mir damit zu schmeicheln, dass er mich für bedeutend jünger hielt, bevor er erfahren hat, wie alt ich in Wirklichkeit bin. Die Frau, die ich mit der Contessa verwechselt hatte, war die erste Person, der das passiert ist. Für wie alt sie mich gehalten hat? Ich war nicht geistesgegenwärtig genug, um sie danach zu fragen. Sie muss mich für deutlich jünger gehalten haben. Denn was immer sie sich vorgestellt hatte, als sie sich ihre Haare geföhnt, Make up aufgelegt und Schuhe mit halbhohen Absätzen angezogen hat, bevor sie losging, um mich zu treffen, das konnte sie nach der Eröffnung, dass ich 59 Jahre alt bin, vergessen. Die Enttäuschung war ihr anzusehen und es gelang ihr bis zum Schluss nicht, sie zu überspielen. Es gab meine unabsichtliche Berührung und darauf das Zurückweichen von ihr. Es gab den Augenblick, als ich die Vertrautheit mit ihr so stark empfand, dass ich es ihr sagen musste, aber nach ihrem Zurückweichen es lieber unterlassen habe, ihr zu zeigen, was ich meinte, indem ich ihr auf die Schulter klopfte. Ob ich sie fotografieren darf, habe ich sie gefragt, und das hat sie entschieden abgelehnt. Wobei ihre sonst so schwache Stimme mit einem Mal fest und überhaupt nicht mehr so leise war. Da ich meine Kamera schon mal ins Spiel gebracht hatte, zeigte ich ihr Fotos von der Vernissage, bei der ich am Abend zuvor war.

Wenn das nun der Anfang gewesen wäre davon, wie wir seither miteinander umgehen - anders als ich es mir vorgestellt habe, anders als sie es geplant hatte, aber wie froh sind wir, dass wir uns haben -, dann wäre die Beklemmung zuvor zu etwas gut gewesen: uns frei zu machen von unseren vorgefassten Meinungen, die wir über das Leben haben. So aber war es nur eine kurze Ablenkung, bevor wir mit unseren Meinungen über das  Leben vollends aneinander vorbeischrammten. Sie wolle auch wieder fotografieren, sagte sie, während wir meine Fotos anschauten. – Wieder? – Ja, sie habe einmal für eine Zeitschrift Kinder fotografiert. Das war gut. – Ich sagte, dass ich nur ein talentierter Amateur bin und manchmal auch einfach nur Glück habe. Ich versuche abzubilden, was ich sehe. Oft gelingt das auch. Und manchmal sieht meine Kamera mehr als ich. Die Bilder, die ich ihr zeigte als Beispiel dafür, gefielen ihr. Und als ich ihr Fotos einer attraktiven älteren Frau zeigte und erzählte, wie die Frau, eine Malerin, mir Anweisungen gegeben hat, als ich sie fotografierte, da sagte sie: die hat tätowierte Augenbrauen. Das hatte ich nicht erkannt. Ich hatte nur gesehen, dass sie etwas gemacht hatte mit den Brauen, um sie so dünn und geschwungen hinzukriegen. Aber auf tätowiert wäre ich nie gekommen. Das war die Erklärung. Und so wie sie die vorgebracht hatte, schien mir das zugleich eine Reaktion auf meinen Satz von zuvor zu sein: Das ist die überwältigende Ina Lindeman. – Wenn du möchtest, kannst du mitkommen, wenn ich wieder so eine Einladung habe oder einen Atelierbesuch mache, habe ich darauf zu ihr gesagt und sie hat genickt. Ja, würde ich gerne machen, konnte das heißen. Oder: Nein kann ich immer noch sagen, wenn es so weit ist.

Sie musste jetzt los. Der Anruf bei den Leuten mit dem Straßenverkaufsjob. Und vorher musste sie noch etwas einkaufen. Ich musste auch dringend weg. Ab 16 Uhr schreibe ich den Entwurf für mein tägliches Posting und nun war es schon nach halb fünf. Rechnung. Der Kellner gibt sie mir. Ich sage ganz selbstverständlich: getrennt, weil es mir in dem Moment selbstverständlich ist. Jeder zahlt seins, sie mehr, weil sie mehr hatte. Wie viel ist das? – Kriegt ihr das hin, fragt der Kellner. Ich: Ja, ja. Ich schaue auf die Rechnung. Meine Brille habe ich schon weggesteckt. Ich frage den Kellner: Und wie viel macht es? – 7 Euro 40. – Und der Tee? – 2 Euro 20. – Ich zähle mein Kleingeld: 2 Euro 50. – Sie hat ihren Geldbeutel aus ihrer Handtasche geholt. Sie hat nicht erwartet, dass sie ihn brauchen würde. Sie nimmt sich die Rechnung vor. Ich will ihr die 2 Euro 50 für meinen Anteil geben. Sie weiß nicht, was das soll. Der Kellner bemerkt, dass wir es nicht hinkriegen. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich die Szene peinlich finden und dem Kellner den 10-Euro-Schein geben, den ich noch in der Tasche habe.  – Der Kellner nennt ihr den Betrag, den sie zu zahlen hat. Ich gebe ihm 2 Euro 50. Ich kann nicht erkennen, ob sie ihm ein Trinkgeld gibt. Wortlos ziehen wir unsere Mäntel an und verlassen das Café. Sie geht zu ihrem Fahrrad, ich folge ihr und sage: Melde du dich, wenn du Lust hast, mich wieder zu treffen. Ich melde mich erst, wenn ich ein Ereignis habe, das dich interessieren könnte. – Ich muss das aussprechen, um zu merken, dass es darum gar nicht mehr geht. Es ist egal, wie unaufdringlich ich bin, und warum sollte sie mich zu irgendeinem Kunstereignis begleiten? Um dort einen Mann zu treffen, der  - Künstler – auch nicht in der Lage ist, sie zu einem Kaffee und einem belegten Brötchen einzuladen? Der dann allerdings bestimmt jünger ist als ich und insofern, überlege es dir vielleicht doch noch mal. Wenn du es mit 37 nicht geschafft hast, wird das nichts mehr mit dem Wohlstand. Und wenn du es bis jetzt  nicht geschafft hast, einen Mann zu finden, der das für dich macht, kannst du das auch vergessen. Aber so vertraut waren wir nun doch nicht, dass ich so mit ihr reden konnte. Wir schwiegen. Sie, weil sie sich über die 5 Euro 20 ärgerte, die sie hatte bezahlen müssen? Ich, weil mir zu ihrem Schweigen nur Fragen einfielen, die ich ihr nicht stellen konnte, weil wir dazu nicht vertraut genug waren. – Sie öffnete ihr Fahrradschloss, stellte das Rad in Richtung Straße, setzte sich drauf, war abfahrbereit. Hände am Lenker. Schwarze Wollhandschuhe. Das hatte ich gar nicht mitgekriegt, als sie sich die angezogen hatte. Sie schaute mich an und ihr Blick sagte: Ich muss jetzt los. Ich wollte ihr die Hand geben zum Abschied. Das ging nicht, weil sie sich mit beiden Händen am Lenker festhielt. Ich fasste nach ihrer Hand, um sie kurz zu berühren, als ich Tschüss sagte, und war überrascht, wie weich der Wollhandschuh sich anfühlte. Ob sie auch Tschüss sagte oder wortlos weggefahren ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ist sie weggefahren.

Am nächsten Tag habe ich in meinem Blog über das Treffen geschrieben. Wie hier habe ich nicht einmal ihren Vornamen genannt und auch nicht den Titel ihres Blogs, obwohl sie dort mit einem Alias auftritt, mit einem Anagramm ihres Namens. Ich habe vom Treffen mit ihr nur erzählt, dass sie sich nicht fotografieren lassen wollte und dass der Abschied eilig und kühl war. Ich habe erklärt, dass ich sie fotografieren wollte, um ihre Augenbrauen zu retuschieren. Die Contessa hatte nämlich dünne Brauen, während die Frau aus dem Café ebenfalls gezupfte, aber dickere Augenbrauen hat. Mit der Retusche der Brauen auf dem Foto wollte ich mir Gewissheit verschaffen, schrieb ich. Unwahrscheinlich, dass ich das getan hätte. Ich habe mir das nur einfallen lassen für den Blog, um so zu umschreiben, dass ich mir nicht im Klaren darüber war, was ich bei dem Treffen erlebt hatte. Es fühlte sich nicht gut an nachträglich, das war alles, was ich wusste. Auch das habe ich angedeutet in meinem Blogtext, indem ich erzählte, dass wir nicht noch ein Stück zusammen gegangen sind, weil sie es so eilig hatte wegzukommen. Ich wollte schreiben, wie es war, und es mir dabei nicht mit ihr verderben. Vor allem wollte ich ihr zeigen, dass ich zu unterscheiden wusste, was ich preisgeben konnte im Blog und wo ich Rücksicht auf sie nehmen musste. Es war ihr nicht rücksichtsvoll genug oder sie hat meine Rücksichtnahme gar nicht bemerkt. Denn darauf hat sie mir eine Mail geschrieben, die irgendwie erbost war - heißt, ohne dass gleich klar war, weswegen. Das Treffen war auch für sie nicht gut gelaufen: meine Armut, mein Alter und wer weiß, was ihr sonst noch alles an mir aufgefallen war. Sie hatte eine Enttäuschung zu verkraften. Wenn sie es auch nicht zugab. Es sei ganz nett mit mir gewesen, schrieb sie. Aber nicht mehr. Doch mehr, als dass es ganz nett mit mir wird, habe sie auch gar nicht erwartet von dem Treffen, wollte sie damit sagen. So wie ich es nun darstelle, habe es aber einen Beigeschmack bekommen  - Beigeschmack! schrieb sie und meinte damit, es habe das Treffen durch meine Sicht und Darstellung eine Bedeutung bekommen, die es für sie nicht hatte. So war die Erbostheit ihrer Mail zu verstehen. Sie wollte sich gegen meine aufdringliche Sicht und Darstellung verwahren. Außerdem, schrieb sie, müsse sie mich bitten, sie künftig aus meinem Blog rauszuhalten. Sie will in meinem Blog nicht vorkommen, heißt: sie will in meinem Leben nicht vorkommen, heißt: sie will nichts von mir wissen. Peng! Und da liege ich schon am Boden und sie könnte mich jetzt meinen Schmerzen und meinen Tränen überlassen, doch da tritt sie noch mal in mich rein, dass es kracht: Ach, und das mit meiner Contessa-Geschichte, schreibt sie, das sei ja wohl für jeden außer mir offensichtlich, dass das nur Einbildung von mir gewesen ist. – Das hat mir schon einmal jemand gesagt, der es nicht gut meinte mit mir. Aber ich war nun mal dabei, ich weiß was Einbildung von mir war (genug) und was nicht (alles nicht). Ich bin darauf vorbereitet, dass die Frau, die ich Contessa nenne, anders ist, als was ich mir unter ihr vorgestellt habe. Ich war nach dem Treffen im Café mehr und mehr der Überzeugung, dass die Frau dort nicht die Contessa gewesen ist. Doch nach diesem Schlusssatz ihrer Mail, alles sei nur Einbildung gewesen, danach weiß ich, dass sie die Frau ist, die ich Contessa genannt habe, und damit weiß ich auch, was sie für eine Frau ist. Die Frau, von deren Anblick ich bezaubert war, wenn sie sich im Hallenbad an dem Beckenrand setzte und ihre Beine übereinanderschlug wie eine Klosterschülerin oder wie eine Contessa, ist die Frau, die das Wort Beigeschmack wählt, wenn sie sich dagegen verwahrt, dass ein Mann sich wünscht, zwischen ihren schönen Beinen zu liegen. Und es ist egal, ob mir das gefällt oder nicht. 

Sonntag, 15. April 2012

Bezaubert 3

Der Kellner bringt die Getränke und auf einem kleinen Teller das Panini mit den weißen Käsestückchen und den Tomatenscheiben und ein großes grünes Salatblatt ist auch noch beigelegt. Sie nimmt das Panini in die Hand, streicht das Salatblatt an den Seiten glatt und sucht eine Stelle zum Reinbeißen. Da es für sie am besten ist, wenn ich rede, solange sie mit Essen beschäftigt ist, stellt sie mir weitere Fragen zur Contessa. Es sind Fragen, die sie auch haben könnte, wenn sie selbst die Contessa wäre und sich verstellt. Warum bist du denn nicht auf sie zugegangen? fragt sie. Wolltest du in Wirklichkeit gar nichts von ihr, wolltest du nur über sie schreiben? – Nein, meine Gefühle für sie waren nicht ausgedacht. Konnten sie allein schon deshalb nicht sein, weil ich bis dahin nicht wusste, was für ein Scheißgefühl Liebe sein kann. Sich eine Geschichte auszudenken wie diese, das wäre gewesen, wie von einem Mann zu erzählen, der sich einen Kugelschreiber in den Augapfel bohrt und sich wundert, wie lange es dauert, bis es spritzt. Ich habe nicht diese Worte benutzt. Aber weil ich mich nicht so krass ausdrücken wollte, war es auch nicht schlüssig, was ich ihr erzählte. - Warum bin ich nicht auf sie zugegangen? Weil mich etwas zurückgehalten hat. Ich habe es nie herausgefunden, ob es die Ahnung war, mir die schlimmste Abfuhr meines Lebens zu holen, oder ob sie mich mit ihrem widersprüchlichen Verhalten gelähmt hat. – Widersprüchliches Verhalten? fragt sie dezent kauend, sehr dezent kauend, weil sie immer nur kleine Bissen nimmt von dem Panini. – Ihr widersprüchliches Verhalten war, erst mich zu locken, und wenn ich vor ihr stand, sich abrupt abzuwenden und in eine andere Richtung zu schauen. Hätte mir mein Vater Ratschläge gegeben für das Zugehen auf eine mir unbekannte Frau, hätte er gesagt: wenn eine Frau sich abwendet und in eine andere Richtung schaut, wenn du auf sie zugehst, Wolfgang, dann lass es. Und wenn du noch so verrückt nach ihr bist, lass es. So eine Frau wird dir kein Glück bringen. – Auch das sage ich in anderen Worten. Vom Locken mit Blicken spreche ich und dass sie es dann mit ihrer Körpersprache wieder dementiert hat. Mehr nicht. Auch darüber rede ich nicht gerne. Nicht nur, weil ich ihr nicht erzählen muss, wie sie sich verhalten hat, wenn sie die Contessa ist. Ich rede nicht gerne darüber, weil ich mich nicht gerne daran erinnere, wie ich mich damals verhalten habe. Weil ich mich nicht verstehe. Warum ich mich nicht über ihr widersprüchliches Verhalten hinweg gesetzt habe, warum ich nicht darauf zugegangen bin auf die Abfuhr, auf die Enttäuschung, das Unglück, das mich erwartet hätte auf die eine oder andere Art. Warum ich so blockiert und feige war und mich geflüchtet habe in eine sich jahrelang hinziehende Liebeskrankheit. Ich kann es mir nicht erklären. Deshalb rede ich nicht gerne darüber. Obwohl mir niemand  besser dabei helfen könnte als sie, es herauszufinden. Wenn sie die Contessa ist. Aber wenn sie es nicht ist, dann ist das unsere erste Verabredung und ich will nicht den Eindruck erwecken, ich sei immer noch besessen von der anderen Frau.

Sie isst immer noch. Methodisch und langsam, wie jemand, der nie in seinem Leben magenkrank werden wird oder eine Essstörung hat. Sie isst nicht wie jemand, der so Hunger hatte, dass es ihr gar nicht schnell genug gehen konnte mit der Bestellung. Und jetzt, da sie das Panini zu zwei Dritteln aufgegessen hat, legt sie es auf den Teller und sagt: Ich kann nicht mehr. Als habe sie sich dazu gezwungen, etwas zu essen. Sie sieht nicht aus, als habe sie eine Essstörung. Sie ist dünn, aber nicht abgemagert. Feingliedrig ist sie. Schmale Hände mit langen geraden Fingern hat sie und lange schlanke Beine. Wie die Frau, die ich so oft gesehen habe im Hallenbad. Ich frage sie nach dem Film, den sie sich ausgeliehen hat, als wir uns bei Video World getroffen haben. – Brautalarm. – Der passende Film für einen Mädchenabend.  – Ja, aber sie und ihre Freundin sind nicht dazu gekommen, den Film anzuschauen. Sie hat ihn dann auch nicht alleine gesehen, obwohl sie ihn noch länger behalten hat, weil sie nicht dazu gekommen ist, ihn gleich am nächsten Tag zurückzugeben. Wieder drei Euro, sagt sie. Statt nur einem Euro bei Rückgabe gleich am nächsten Tag. Ich kenne solche Überlegungen. Ich weiß, was für ein Leben das ist, mit jedem Euro rechnen zu müssen. Sie bezieht Hartz-IV-Geld,  erzählt sie. Seit drei Jahren arbeitslos, seit sie von einer Lebenskrise aus der Bahn geworfen wurde, formuliere ich so allgemein, weil ich diskret sein will. Nur so viel: Die Lebenskrise geht darauf zurück, dass sie sich selbst als kleines Kind einen solchen Zwang angetan hat, um sich anzupassen, dass es eines Tages nicht mehr ging, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, weiter unter diesem Zwang zu leben. Mit therapeutischer Hilfe hat sie die Krise überwunden und jetzt muss sie ganz schnell Arbeit finden. Noch lassen die vom Jobcenter sie in Ruhe, sagt sie. Diese Zeit muss sie nutzen. Aber es ist nicht einfach, weil sie immer als Autodidaktin und Quereinsteigerin in ihre Jobs hinein gekommen ist, und alles will sie auch nicht machen. Jetzt gerade hat sie ein Angebot, da soll sie auf der Straße verkaufen. Das will sie nicht. Wenn es darum ginge, Leute zu koordinieren, die auf der Straße verkaufen, das ja, aber nicht sich selbst auf die Straße stellen. Nur, ein anderes Angebot hat sie nicht. Deshalb kann sie das nicht einfach so ablehnen. Und deshalb hat sie in der letzten Nacht wenig geschlafen und hat heute keinen guten Tag. Ich bin sonst anders, sagt sie. Zweimal sagt sie das. Sie will also einen guten Eindruck auf mich machen, denke ich und damit geht es mir, wie es mir zuvor gegangen ist, als ich sah, dass sie sich für unser Treffen geschminkt und die Haare geföhnt hatte. Es wäre mir lieber, sie würde so sein, wie ihr gerade ist, und sie würde sich nicht anstrengen, um mir zu gefallen. Wenn sie die Frau aus dem Hallenbad ist, sind wir darüber hinaus nach allem, was wir in den letzten drei Jahren zusammen erlebt und nicht erlebt haben. Und wenn sie es nicht ist, hat sie es auch nicht nötig, sich meinetwegen anzustrengen, so vertraut wie wir miteinander sind – wie wir es waren von dem Moment an, als wir angefangen haben, miteinander zu sprechen. Was erstaunlich ist, wenn sie die Wahrheit sagt. Hingegen überhaupt nicht erstaunlich, wenn sie die Contessa ist und sich verstellt, weil wir uns dann schon seit längerem kennen, wenn auch auf diese gestörte Art, dass wir uns kennen, ohne je miteinander bekannt geworden zu sein.

Das will sie nun ändern. Deshalb ist sie mir über den Weg gelaufen. Hat mir erneut eine Gelegenheit gegeben, sie anzusprechen. Diesmal habe ich sie genutzt. Aber warum dann die Verstellung, wenn sie die Frau ist, für die ich sie halte? Und wie stellt sie sich das vor, wie soll es dann weitergehen mit ihrer Verstellung, wenn wir uns wieder treffen und wieder und es vielleicht sogar so sein wird wie in meiner sentimentalen Paarphantasie mit ihr? Will sie dann das Schwimmen aufgeben? Oder will sie heimlich schwimmen gehen, damit sie sich nicht verrät, wenn sie nicht nur Brust schwimmt, sondern danach Kraul, dann Rücken und dann noch mal Brust? Der wichtigste Teil der Übung das Kraulen. Ich habe nie mitgezählt, wie viele Bahnen es sind. Fünfzehn Minuten ungefähr hält sie das durch, wirbelt sie durch das Becken und es sieht aus wie Übermut und Austoben, ist jedoch strenge Disziplin. Einmal, als ich sie in einem kurzen Rock sah, ist mir die Sportlerinnen-Muskulatur an ihren Schenkeln aufgefallen. Die hat sie vom Powerkraul. Die Muskeln hat sie sich antrainiert, weil sie sonst ganz dünne Oberschenkel hätte. Steckenbeine. Die will sie nicht haben. Hat mir imponiert, als mir das klar wurde. Schwer vorstellbar, dass die Frau, die ich vorhin auf ihrem Damenfahrrad sitzen sah, die gleiche Frau sein soll, die ich vor drei Jahren dicht neben mir durch das Schwimmbecken habe toben sehen. Unter Wasser, durch meine Schwimmbrille. Fasziniert von der Zeichnung ihrer Oberschenkelmuskulatur. Ihre Oberschenkel zart und muskulös zugleich. So etwas hatte ich noch nicht gesehen und nie für möglich gehalten hätte ich es, dass ich der Mann sein könnte, der wie betäubt von diesem Anblick an nichts anderes mehr denkt als an diese Frau und wie sie meinen Blick erwidert hat und als ich einmal nicht gleich nach ihr geschaut habe, so lange hergeguckt hat zu mir, bis ich ihren Blick erwiderte. Und nachdem nie mehr war als das, sitzt mir nun eine Frau gegenüber, die gesagt hat, sie kann nur Brustschwimmen und schon deshalb kann sie nicht die Frau aus dem Hallenbad sein. Woher die Vertrautheit zwischen uns kommt, ist mithin ein Rätsel. Dass es dieses Rätsel gibt, könnte ich als ein weiteres Indiz dafür ansehen, dass sie die Contessa ist und dass sie sich verstellt. Wenn ich das tue, kann das aber auch ein weiteres Indiz für den Zwangscharakter meiner Vorstellungen über diese Frau sein. Zweifelsfrei ist, dass die Frau mir gegenüber so lange und schlanke Beine hat wie die Frau, von der sie sagt, dass sie es nicht ist. Gewissheit könnte ich bekommen, wenn sie es mir erlauben würde, ihr ihre Hosen auszuziehen, damit ich ihre Oberschenkelmuskulatur sehen kann. Aber wer sie auch ist, ich werde dieser Frau nie ihre Hosen ausziehen. Sie erträgt es nicht einmal, wenn ich sie zufällig berühre, wie geschehen, als ich mich vorgebeugt habe, um nicht ständig Wie bitte? fragen zu müssen, weil sie mit so leiser Stimme spricht. Dabei habe ich mit meinem Handrücken ihre Hand gestreift und darauf ist sie zurückgewichen. Nicht kokett oder wie gegen eine Zudringlichkeit sich verwahrend, im Reflex hat sie ihre Hand zurückgezogen vor der unabsichtlichen Berührung. Nicht anfassen! Nicht einmal zufällig. Und deshalb rede ich davon, mache es aber nicht, als ich sage: Ich fühle mich so vertraut mit dir, ich könnte dir ständig auf die Schulter klopfen wie einem alten Freund. Das ist unbeholfen ausgedrückt. Aber das macht nichts. Sie versteht, was ich meine, weil sie die gleiche Vertrautheit empfindet mit mir, wie ich sie empfinde mit ihr. Nur weiß sie nichts damit anzufangen. Entweder in diesem Moment nicht, weil sie sich unbehaglich fühlt, oder weil sie nicht weiß, wozu ihre Vertrautheit mit einem Mann gut sein soll, der so alt ist wie ich. 

Samstag, 14. April 2012

Bezaubert 2

Blick auf die Kreuzung vor dem Café. Sie steht mit ihrem Fahrrad an der Ampel. Damenfahrrad, noch nicht so alt, Korb vor dem Lenker. Nicht die Frau mit einem Rennrad, die Frau, die ein Damenfahrrad fährt mit einem Korb vor dem Lenker, ist sie. Grüner Parkamantel. Dunkelblaue Röhrenjeans, in denen habe ich sie schon vor drei Jahren rumlaufen gesehen, wenn sie die Frau ist, mit der ich sie verwechsle. Schuhe mit halbhohen Absätzen, nicht die Stiefel mit Gummisohlen, die sie die letzten beiden Male trug. Als sie hereinkommt, sage ich: Du kannst alleine schon deshalb nicht die Frau sein, mit der ich dich verwechsle, weil die andere nicht zu der Verabredung gekommen wäre. Sie hat Make up aufgelegt und sich ihre Haare geföhnt. Ich könnte das als schmeichelhaft für mich empfinden. Aber es wäre mir lieber, wenn sie sich nicht für unser Treffen zurechtgemacht hätte und ohne Absichten und Erwartungen wäre. So wie ich?  – Ich erwartete nur, dass wir uns entweder gut verstehen oder nicht, und wenn wir uns gut verstehen, dass wir uns dann wieder sehen und gar nicht mehr sein können ohne einander. Dass ich so viel älter bin als sie und so gut wie mittellos, das wird keine Rolle spielen. Für sie nicht. Nur in meinen Ängsten, die mich jedes Mal überkommen, wenn ich wieder einmal besonders glücklich gewesen bin mit ihr. Da fürchte ich, dass sie mich verlassen könnte wegen meiner Armut und wegen meines Alters, aber das hat nichts mit ihr zu tun, sondern alleine damit, dass meine Persönlichkeit nicht eingerichtet ist für einen Glücksfall wie diesen. Mir ist natürlich schon klar, dass die Möglichkeit des Glücksfalls auch noch von anderen Faktoren abhängt. Nicht nur davon, wie ihre Einstellung zu meinem Alter und meiner Mittellosigkeit sein wird. Doch nur, wenn mein Alter und meine Armut sie nicht abschrecken, ist alles andere möglich oder nicht möglich. Und dass sie sich mit mir verabredet hat und gekommen ist zu der Verabredung, das ist ein gutes Zeichen. Sie hatte mehrere Tage Zeit, in meinem Blog zu lesen. In einer ihrer Mails hatte sie erwähnt, dass sie es getan hat. Die Frage ist jetzt nur: Wie viel hat sie gelesen und wie aufmerksam?

Meinen Brief an die Contessa, den ich später in drei Teilen gepostet und immer wieder verlinkt habe, den hat sie offenbar gelesen. Denn ich beschreibe darin, wie ich die Contessa wahrgenommen habe beim Schwimmen im Hallenbad und darauf bezieht sie sich jetzt. Die Frau, mit der ich sie verwechselt habe, ist ja anscheinend eine sehr gute Schwimmerin, sagt sie. Sie hingegen, muss ich wissen, sie kann gerade mal Brustschwimmen. Ach, und Frühaufsteherin ist sie auch nicht. - Brustschwimmerin und Langschläferin. So wie ich sie vorhin auf dem Rad habe sitzen sehen, kann ich mir das gut vorstellen. Dann ist sie eben nicht die andere Frau. Die hat mir ohnehin kein Glück gebracht. Obwohl ich ihr viel zu verdanken habe. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein, um vor mir zu rechtfertigen, wie lange ich von ihr geträumt habe. – Du kennst die Frau doch überhaupt nicht, hatte eine Freundin einmal gesagt und damit gemeint: Wie kannst du dich mit deinen Gefühlen so sehr einlassen auf eine Frau, von der du nicht einmal den Namen weißt? Eine Fremde! So ist sie mir nie vorgekommen. Trotzdem hatte die Freundin recht. Das wird mir immer klarer und es ist keine schöne Heimkehr.

Zwei Plätze am Fenster werden frei. Blick auf die Straße. Wir sitzen nebeneinander, sie mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Im weiten Ausschnitt ihres T-Shirts ist ein schwarzer Dessousträger zu sehen. Ein BH-Träger kann das nicht sein, denn sie hat kleine flache Brüste. Davon habe ich mich gerade überzeugt mit einem undezenten prüfenden Blick. Als sie vor ein paar Tagen bei Video World vor mir stand, den Mantel geschlossen, da schien es, dass sie größere Brüste hat. Wenn das so wäre, dann bräuchte ich über die Frage, ob sie die Frau aus dem Hallenbad ist, und wenn sie es ist, warum sie sich vor mir verstellt, nicht weiter nachdenken. Aber sie hat keine größeren Brüste als die Contessa. Und wie die hat sie eine Stupsnase, allerdings muss man zweimal hinschauen, um es zu bemerken. Und auch ein leicht vorspringendes Kinn hat sie. Allerdings hat sie keine Leberflecken am Hals und im Gesicht und ihr Hals erscheint mir schlanker als der Hals der Contessa. Die hat einen kräftigen Hals. Doch vielleicht sah das nur so aus beim Schwimmen, vor allem beim Schwimmen in Rückenlage. – Je länger ich die Frau, die mir gegenüber sitzt, anschaue, desto ähnlicher wird sie der Frau aus dem Hallenbad. Aber etwas an ihr hat sich verändert. Sie ist die gleiche Frau, aber eine andere Person. Geworden durch das, was sie erlebt hat. Oder eine andere Person geworden für meinen Blick, durch das, was ich mit ihr erlebt habe. 

Sie hat die Speisekarte in die Hand genommen und sie gleich wieder weggelegt. Sie weiß schon, was sie möchte. Sie schaut sich nach dem Kellner um. Es kann ihr nicht schnell genug gehen mit dem Bestellen. Sie möchte einen koffeinfreien Cappuccino und ein Panini mit Mozzarella und Tomatenscheiben. Das hat sie in der Vitrine liegen sehen, bevor wir uns setzten. Als sie das Panini bestellt, deutet sie darauf. Sie scheint hungrig zu sein. Ich weiß nicht, was ich bestellen soll. Ich will eigentlich nichts. Ich will nur möglichst wenig Geld ausgeben. Ich nehme einen Darjeeling-Tee, sage ich zu dem Kellner. Ich frage mich, ob sie erwarten wird, dass ich ihren Cappuccino und das Panini bezahle, und wie ich mich verhalten soll, wenn wir später die Rechnung verlangen und ich merke, dass sie erwartet, dass ich sie großzügig übernehme. Das geht mir durch den Kopf. Doch es belastet mich nicht. Es gibt auch nichts zu überlegen. Ich kann es mir nicht leisten, großzügig zu sein. Es kann einen peinlichen Moment geben, wenn sie die Großzügigkeit von mir erwartet. Es wird dann aber auch der Moment sein, in dem es sich entscheidet, ob sie sich für mich interessiert oder für etwas, das ich nicht habe. Und wenn ich es hätte, wenn mir mein Geld bündelweise aus den Ohren heraus käme, würde ich ihren Teil der Rechnung auch nicht zahlen bei der ersten Verabredung. So selbstverständlich, wie ich es nun aus Mittellosigkeit nicht tue, würde ich es dann auch nicht tun aus Gründen, auf die ich nicht näher eingehen muss, weil ich bin nicht in der Lage.

Sie fragt, wie ich auf den Namen Contessa gekommen bin. Ich erzähle ihr von Hemingway und seinem Roman Über den Fluss und in die Wälder. Darin geht es um die letzte Liebe eines alten Soldaten, Oberst der US-Army, und die junge Frau, die er liebt, ist eine venezianische Contessa, die er auch so anredet in den seitenlangen Dialogen, die sie haben. Erst in Harry´s Bar, wo sie sich zu Beginn des Romans treffen. Danach beim Essen im Hotel-Restaurant. Bei einer nächtlichen Gondelfahrt, während der sie von Hemingway etwas unbeholfen, aber sehr zart beschriebenen Sex haben. Am nächsten Morgen im Hotel, wo es dann langsam ans Sterben geht. Am Ende des Romans stirbt der Oberst, einen Herztod, alleine, ohne die Contessa. Ich erzähle das noch kürzer zusammengefasst, fahrig und lustlos. Es macht mir keinen Spaß, ihr von Hemingway zu erzählen, und den zweiten Grund, warum ich die Frau aus dem Hallenbad Contessa genannt habe (erst in meinen Gedanken und später habe ich sie so angeredet in meinem Brief an sie), den Hauptgrund erwähne ich erst gar nicht. Weil ich es unpassend finde, wenn sie nicht die Frau aus dem Hallenbad ist. Und wenn sie die Contessa ist, dann weiß sie es aus dem Brief, in dem ich beschrieben habe, was ich ihr contessenhaftes Gebaren nenne. Das Gebaren, das mich so bezaubert hat, dass ich diesen Anblick nie vergessen werde, wenn sie in die Schwimmhalle kam mit ihrem staksigen Gang und sich an den Beckenrand setzte und ihre langen schlanken Beine übereinanderschlug – sie ineinander verschlang wie eine Klosterschülerin oder eben wie eine Contessa – und ihr Haar hochsteckte, bevor sie ihre taubenblaue Badekappe aufsetzte, und es dabei nie versäumte, auf Höhe ihrer Wangen eine Locke hervorschauen zu lassen. Und wenn dann noch das Licht der Morgensonne ihre nackten schmalen Schultern mit einem goldenen Glanz umhüllte, dann war es einfach zu viel. Dann tat ihre Anmut schon weh. Im Grunde hat alles weh getan, was ich mit dieser Frau erlebt und nicht erlebt habe. Und deshalb verstehe ich auch nicht, warum ich nicht rechtzeitig Reißaus genommen habe, nachdem ich zu ahnen begonnen hatte, dass es so sein wird, und ich habe das schon sehr früh geahnt, aber ich habe nicht auf meine innere Stimme gehört – wegen des Begehrens, wegen der Hoffnung, wegen der Dummheit und weil ich noch nie so etwas Schönes gesehen und es mir noch nie so weh getan hatte wie bei allem, was ich mit ihr erlebt habe. Deshalb habe ich sie Contessa genannt und der Hemingway-Roman hat damit nur insofern zu tun, als darin ein alter Mann eine junge Frau mit Contessa anredet, so dass es ein Ausdruck von Zärtlichkeit und kein Kitsch ist, obwohl der Roman insgesamt ein Riesenkitsch ist, eines von den Spätwerken Hemingways, mit denen er seinen Ruf ruiniert hat, und über den Ruf Hemingways spreche ich dann, weil sie sagt, dass sie noch nie etwas von Hemingway gelesen hat. Er war ein Angeber, der in Afrika Löwen und Büffel abgeschossen und in der Karibik große Fische geangelt hat und wenn es irgendwo einen Krieg gab, ist er dahin und hat auf der Seite der Guten gestanden. Als die US-Army Paris von den Deutschen befreit hat, hat er die Befreiung des Ritz übernommen und dann stand er im Badezimmer seines Hotelzimmers vor dem Spiegel und hat sich rasiert und auf dem zugeklappten Klodeckel saß Marlene Dietrich in einer Uniform der US-Army, er hat sie Kraut genannt, sie hat sich darüber schief gelacht und es war ein Moment, von dem sie später beide immer wieder erzählt haben in ihrem Leben. Aber dass er ein Angeber war, ändert nichts an seiner literarischen Bedeutung, die darin besteht, dass er uns beigebracht hat, dass Literatur, wenn sie etwas taugt, nicht nach Literatur aussehen darf, sie darf nicht literarisch sein, sondern ist im besten Fall so, wie wenn ein Rotzlöffel einem anderen Rotzlöffel seine Geschichte erzählt. Huckleberry Finn von Mark Twain, das war für Hemingway der Beginn der modernen amerikanischen Literatur und nicht das wichtigtuerische dicke Wal-Buch von Melville. Gerade noch rechtzeitig kriege ich dann die Kurve, indem ich sage, dass Hemingway für das  literarische Erzählen getan hat weltweit, was Benn für die deutsche Lyrik getan hat, als er ein für alle mal klarstellte, dass gute Lyrik nicht wie Lyrik klingen, keinen hohen Ton haben darf, alltagssprachlich klingen muss. Das sage ich, weil sie Gedichte schreibt. Und weil sie mich nun verständnislos anschaut, füge ich hinzu, dass sie das instinktiv so macht in ihren Gedichten, was Benn gefordert hat, dass sie Benn dazu nicht zu kennen brauchte, und da habe ich auf einmal das Gefühl, dass es schiefgehen könnte mit unserem Treffen, weil wir uns nichts zu sagen haben. Denn obwohl ich ihr soeben ein Kompliment gemacht habe, schaut sie mich immer noch verständnislos an – tatsächlich mehr befremdet als verständnislos. Aber es ist dann nicht so, dass wir uns nichts zu sagen haben. 

Freitag, 13. April 2012

Bezaubert 1

Eine  Frau wie sie hat einen Freund oder einen Mann. Den verlässt sie nicht wegen eines armen älteren Mannes. Alleine schon die Vorstellung, ihr das klar machen zu müssen, wie verliebt ich bin in sie, aber ich kann dich nicht zum Essen einladen, weil ich habe nur sehr wenig Geld. Wie soll das gehen? Ich wusste, dass es nicht geht, ich war verzweifelt deswegen. Der Frühling verging, der Sommer verging, es war Herbst, ich war immer noch verliebt in sie, immer noch verzweifelt und ich verstieg mich in die Vorstellung von der Schicksalhaftigkeit unserer Geschichte. Inzwischen war es eine Geschichte. Und wenn ich an etwas glaube, dann an Geschichten. Also schrieb ich ihr einen Brief und darin erzählte ich ihr unsere Geschichte, wie ich sie erlebt hatte – aber über eine wichtige Tatsache bin ich zu schnell hinweg gegangen. Ich erwähnte, dass ich zur Zeit wenig Geld hatte, ich hätte schreiben sollen, dass ich in Armut lebe und nicht weiß, ob ein Wunder der Liebe es schaffen wird, mich da heraus zu holen. Sie hat es selbst gemerkt und von da an hat sie nur noch gespielt mit mir. Das hätte sie nicht machen sollen. Aber meine Güte! Ist sie verantwortlich für mich?

Sie liest viel, sagt sie. Was sie liest, sagt sie nicht. Sie sagt auch nicht, was sie gemacht hat als Autodidaktin und Quereinsteigerin, die sie war im Erwerbsleben, bevor sie arbeitslos wurde wegen einer Lebenskrise, die vor drei Jahren begonnen hat und jetzt zu Ende ist. Nur dass sie einmal in einem Süßwarenladen gearbeitet hat, erzählt sie: In einem Süßwarenladen habe ich auch einmal gearbeitet. Erst in der und der Straße und später ist der Laden umgezogen in die und die Straße.

Was wird sie lesen? In ihrem Blog gibt es ein Zitat von Saint-Exupéry. Wie kommt sie auf Saint-Exupéry? Wegen Le Petit Prince? Habe ich nie gelesen. Hat mich nicht interessiert. Ich habe auch das Zitat in ihrem Blog nicht verstanden in der Bedeutung, die es für sie haben könnte, so dass sie es in ihren Blog gestellt hat wie ein Motto, eine Einsicht, eine Überzeugung, die steht über allem, was sie tut in dem Blog. Lyrik schreibt sie in dem Blog. Gedichte mit einem Humor, bei dem ich mich wundere nachträglich, dass sie ihn hat, so wie ich sie kennengelernt habe in dem Café, in dem wir uns getroffen haben, Freitagnachmittag um 15 Uhr.  

Ich bin leider flexibel, hatte sie mir geschrieben in einer Mail, als wir uns verabredet haben. Wenige Tage vorher hatte ich sie bei Video World getroffen. Ich hatte ihr meine Karte gegeben mit meiner Blogadresse, damit sie im Blog meine Geschichte mit der Frau nachlesen kann, mit der ich sie verwechselt hatte. Deswegen hatte ich sie wenige Wochen zuvor angesprochen. Darauf  hatte sie so unkompliziert und unzickig reagiert, dass ich es schon deshalb hätte ausschließen müssen, dass sie die Frau war, die ich aus dem Hallenbad kannte und Contessa nenne. Aber ganz traute ich ihr nicht. Ihre Ähnlichkeit mit der anderen Frau war zu groß und es gab genug Gründe für sie, um sich vor mir zu verstellen, wenn sie die andere Frau war. Bei unserem Treffen in dem Café spielte all das jedoch nur so weit eine Rolle, als ich mich bemühte, es nicht anzusprechen. Denn es für möglich zu halten, dass sie die Contessa war und sich verstellte, war gleichbedeutend damit, es für möglich zu halten, dass sie eine Lügnerin war und einen Schuss hatte.

Ich wartete an einen Barhocker gelehnt gegenüber der Tür. Alle Tische waren besetzt. Das Café war ihre Wahl. Als ich auf die Uhr schaute und sah: 15 Uhr, war ich mir auf einmal sicher, dass sie nicht kommen würde zu der Verabredung. Die andere Frau, die Contessa, war zu keiner einzigen Verabredung gekommen. Einmal hatte ich sie den Vorraum des Cafés betreten sehen, das ich ihr damals als Treffpunkt genannt hatte, und gerade wollte ich auf mich aufmerksam machen, da war sie wieder weg. Ich bin ihr hinterher gegangen. Nichts mehr von ihr zu sehen. Sie hatte sich in Luft aufgelöst. Wie vom Erdboden verschluckt war sie. Alter Indianertrick? Das habe ich einige Male mit ihr erlebt und es jedes Mal mit diesen Worten beschrieben: in Luft aufgelöst, vom Erdboden verschluckt, Indianertrick. A Lady Vanishes. A Contessa Vanishes. Nichts macht so alt wie eine Liebesgeschichte, aus der nichts wird. Die Zeit vergeht nicht nur, sie geht verloren. Wenn sie mich versetzt, ist es mir auch recht. Dann ist das die Geschichte. So denke ich. So verpasse ich das Leben. Mein unverwüstlicher Pragmatismus.