Meinen Brief an die Contessa, den ich später in drei Teilen gepostet und immer wieder verlinkt habe, den hat sie offenbar gelesen. Denn ich beschreibe darin, wie ich die Contessa wahrgenommen habe beim Schwimmen im Hallenbad und darauf bezieht sie sich jetzt. Die Frau, mit der ich sie verwechselt habe, ist ja anscheinend eine sehr gute Schwimmerin, sagt sie. Sie hingegen, muss ich wissen, sie kann gerade mal Brustschwimmen. Ach, und Frühaufsteherin ist sie auch nicht. - Brustschwimmerin und Langschläferin. So wie ich sie vorhin auf dem Rad habe sitzen sehen, kann ich mir das gut vorstellen. Dann ist sie eben nicht die andere Frau. Die hat mir ohnehin kein Glück gebracht. Obwohl ich ihr viel zu verdanken habe. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein, um vor mir zu rechtfertigen, wie lange ich von ihr geträumt habe. – Du kennst die Frau doch überhaupt nicht, hatte eine Freundin einmal gesagt und damit gemeint: Wie kannst du dich mit deinen Gefühlen so sehr einlassen auf eine Frau, von der du nicht einmal den Namen weißt? Eine Fremde! So ist sie mir nie vorgekommen. Trotzdem hatte die Freundin recht. Das wird mir immer klarer und es ist keine schöne Heimkehr.
Zwei Plätze am Fenster werden frei. Blick auf die Straße. Wir sitzen nebeneinander, sie mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Im weiten Ausschnitt ihres T-Shirts ist ein schwarzer Dessousträger zu sehen. Ein BH-Träger kann das nicht sein, denn sie hat kleine flache Brüste. Davon habe ich mich gerade überzeugt mit einem undezenten prüfenden Blick. Als sie vor ein paar Tagen bei Video World vor mir stand, den Mantel geschlossen, da schien es, dass sie größere Brüste hat. Wenn das so wäre, dann bräuchte ich über die Frage, ob sie die Frau aus dem Hallenbad ist, und wenn sie es ist, warum sie sich vor mir verstellt, nicht weiter nachdenken. Aber sie hat keine größeren Brüste als die Contessa. Und wie die hat sie eine Stupsnase, allerdings muss man zweimal hinschauen, um es zu bemerken. Und auch ein leicht vorspringendes Kinn hat sie. Allerdings hat sie keine Leberflecken am Hals und im Gesicht und ihr Hals erscheint mir schlanker als der Hals der Contessa. Die hat einen kräftigen Hals. Doch vielleicht sah das nur so aus beim Schwimmen, vor allem beim Schwimmen in Rückenlage. – Je länger ich die Frau, die mir gegenüber sitzt, anschaue, desto ähnlicher wird sie der Frau aus dem Hallenbad. Aber etwas an ihr hat sich verändert. Sie ist die gleiche Frau, aber eine andere Person. Geworden durch das, was sie erlebt hat. Oder eine andere Person geworden für meinen Blick, durch das, was ich mit ihr erlebt habe.
Sie hat die Speisekarte in die Hand genommen und sie gleich wieder weggelegt. Sie weiß schon, was sie möchte. Sie schaut sich nach dem Kellner um. Es kann ihr nicht schnell genug gehen mit dem Bestellen. Sie möchte einen koffeinfreien Cappuccino und ein Panini mit Mozzarella und Tomatenscheiben. Das hat sie in der Vitrine liegen sehen, bevor wir uns setzten. Als sie das Panini bestellt, deutet sie darauf. Sie scheint hungrig zu sein. Ich weiß nicht, was ich bestellen soll. Ich will eigentlich nichts. Ich will nur möglichst wenig Geld ausgeben. Ich nehme einen Darjeeling-Tee, sage ich zu dem Kellner. Ich frage mich, ob sie erwarten wird, dass ich ihren Cappuccino und das Panini bezahle, und wie ich mich verhalten soll, wenn wir später die Rechnung verlangen und ich merke, dass sie erwartet, dass ich sie großzügig übernehme. Das geht mir durch den Kopf. Doch es belastet mich nicht. Es gibt auch nichts zu überlegen. Ich kann es mir nicht leisten, großzügig zu sein. Es kann einen peinlichen Moment geben, wenn sie die Großzügigkeit von mir erwartet. Es wird dann aber auch der Moment sein, in dem es sich entscheidet, ob sie sich für mich interessiert oder für etwas, das ich nicht habe. Und wenn ich es hätte, wenn mir mein Geld bündelweise aus den Ohren heraus käme, würde ich ihren Teil der Rechnung auch nicht zahlen bei der ersten Verabredung. So selbstverständlich, wie ich es nun aus Mittellosigkeit nicht tue, würde ich es dann auch nicht tun aus Gründen, auf die ich nicht näher eingehen muss, weil ich bin nicht in der Lage.
Sie fragt, wie ich auf den Namen Contessa gekommen bin. Ich erzähle ihr von Hemingway und seinem Roman Über den Fluss und in die Wälder. Darin geht es um die letzte Liebe eines alten Soldaten, Oberst der US-Army, und die junge Frau, die er liebt, ist eine venezianische Contessa, die er auch so anredet in den seitenlangen Dialogen, die sie haben. Erst in Harry´s Bar, wo sie sich zu Beginn des Romans treffen. Danach beim Essen im Hotel-Restaurant. Bei einer nächtlichen Gondelfahrt, während der sie von Hemingway etwas unbeholfen, aber sehr zart beschriebenen Sex haben. Am nächsten Morgen im Hotel, wo es dann langsam ans Sterben geht. Am Ende des Romans stirbt der Oberst, einen Herztod, alleine, ohne die Contessa. Ich erzähle das noch kürzer zusammengefasst, fahrig und lustlos. Es macht mir keinen Spaß, ihr von Hemingway zu erzählen, und den zweiten Grund, warum ich die Frau aus dem Hallenbad Contessa genannt habe (erst in meinen Gedanken und später habe ich sie so angeredet in meinem Brief an sie), den Hauptgrund erwähne ich erst gar nicht. Weil ich es unpassend finde, wenn sie nicht die Frau aus dem Hallenbad ist. Und wenn sie die Contessa ist, dann weiß sie es aus dem Brief, in dem ich beschrieben habe, was ich ihr contessenhaftes Gebaren nenne. Das Gebaren, das mich so bezaubert hat, dass ich diesen Anblick nie vergessen werde, wenn sie in die Schwimmhalle kam mit ihrem staksigen Gang und sich an den Beckenrand setzte und ihre langen schlanken Beine übereinanderschlug – sie ineinander verschlang wie eine Klosterschülerin oder eben wie eine Contessa – und ihr Haar hochsteckte, bevor sie ihre taubenblaue Badekappe aufsetzte, und es dabei nie versäumte, auf Höhe ihrer Wangen eine Locke hervorschauen zu lassen. Und wenn dann noch das Licht der Morgensonne ihre nackten schmalen Schultern mit einem goldenen Glanz umhüllte, dann war es einfach zu viel. Dann tat ihre Anmut schon weh. Im Grunde hat alles weh getan, was ich mit dieser Frau erlebt und nicht erlebt habe. Und deshalb verstehe ich auch nicht, warum ich nicht rechtzeitig Reißaus genommen habe, nachdem ich zu ahnen begonnen hatte, dass es so sein wird, und ich habe das schon sehr früh geahnt, aber ich habe nicht auf meine innere Stimme gehört – wegen des Begehrens, wegen der Hoffnung, wegen der Dummheit und weil ich noch nie so etwas Schönes gesehen und es mir noch nie so weh getan hatte wie bei allem, was ich mit ihr erlebt habe. Deshalb habe ich sie Contessa genannt und der Hemingway-Roman hat damit nur insofern zu tun, als darin ein alter Mann eine junge Frau mit Contessa anredet, so dass es ein Ausdruck von Zärtlichkeit und kein Kitsch ist, obwohl der Roman insgesamt ein Riesenkitsch ist, eines von den Spätwerken Hemingways, mit denen er seinen Ruf ruiniert hat, und über den Ruf Hemingways spreche ich dann, weil sie sagt, dass sie noch nie etwas von Hemingway gelesen hat. Er war ein Angeber, der in Afrika Löwen und Büffel abgeschossen und in der Karibik große Fische geangelt hat und wenn es irgendwo einen Krieg gab, ist er dahin und hat auf der Seite der Guten gestanden. Als die US-Army Paris von den Deutschen befreit hat, hat er die Befreiung des Ritz übernommen und dann stand er im Badezimmer seines Hotelzimmers vor dem Spiegel und hat sich rasiert und auf dem zugeklappten Klodeckel saß Marlene Dietrich in einer Uniform der US-Army, er hat sie Kraut genannt, sie hat sich darüber schief gelacht und es war ein Moment, von dem sie später beide immer wieder erzählt haben in ihrem Leben. Aber dass er ein Angeber war, ändert nichts an seiner literarischen Bedeutung, die darin besteht, dass er uns beigebracht hat, dass Literatur, wenn sie etwas taugt, nicht nach Literatur aussehen darf, sie darf nicht literarisch sein, sondern ist im besten Fall so, wie wenn ein Rotzlöffel einem anderen Rotzlöffel seine Geschichte erzählt. Huckleberry Finn von Mark Twain, das war für Hemingway der Beginn der modernen amerikanischen Literatur und nicht das wichtigtuerische dicke Wal-Buch von Melville. Gerade noch rechtzeitig kriege ich dann die Kurve, indem ich sage, dass Hemingway für das literarische Erzählen getan hat weltweit, was Benn für die deutsche Lyrik getan hat, als er ein für alle mal klarstellte, dass gute Lyrik nicht wie Lyrik klingen, keinen hohen Ton haben darf, alltagssprachlich klingen muss. Das sage ich, weil sie Gedichte schreibt. Und weil sie mich nun verständnislos anschaut, füge ich hinzu, dass sie das instinktiv so macht in ihren Gedichten, was Benn gefordert hat, dass sie Benn dazu nicht zu kennen brauchte, und da habe ich auf einmal das Gefühl, dass es schiefgehen könnte mit unserem Treffen, weil wir uns nichts zu sagen haben. Denn obwohl ich ihr soeben ein Kompliment gemacht habe, schaut sie mich immer noch verständnislos an – tatsächlich mehr befremdet als verständnislos. Aber es ist dann nicht so, dass wir uns nichts zu sagen haben.
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