Der Kellner bringt die Getränke und auf einem kleinen Teller das Panini mit den weißen Käsestückchen und den Tomatenscheiben und ein großes grünes Salatblatt ist auch noch beigelegt. Sie nimmt das Panini in die Hand, streicht das Salatblatt an den Seiten glatt und sucht eine Stelle zum Reinbeißen. Da es für sie am besten ist, wenn ich rede, solange sie mit Essen beschäftigt ist, stellt sie mir weitere Fragen zur Contessa. Es sind Fragen, die sie auch haben könnte, wenn sie selbst die Contessa wäre und sich verstellt. Warum bist du denn nicht auf sie zugegangen? fragt sie. Wolltest du in Wirklichkeit gar nichts von ihr, wolltest du nur über sie schreiben? – Nein, meine Gefühle für sie waren nicht ausgedacht. Konnten sie allein schon deshalb nicht sein, weil ich bis dahin nicht wusste, was für ein Scheißgefühl Liebe sein kann. Sich eine Geschichte auszudenken wie diese, das wäre gewesen, wie von einem Mann zu erzählen, der sich einen Kugelschreiber in den Augapfel bohrt und sich wundert, wie lange es dauert, bis es spritzt. Ich habe nicht diese Worte benutzt. Aber weil ich mich nicht so krass ausdrücken wollte, war es auch nicht schlüssig, was ich ihr erzählte. - Warum bin ich nicht auf sie zugegangen? Weil mich etwas zurückgehalten hat. Ich habe es nie herausgefunden, ob es die Ahnung war, mir die schlimmste Abfuhr meines Lebens zu holen, oder ob sie mich mit ihrem widersprüchlichen Verhalten gelähmt hat. – Widersprüchliches Verhalten? fragt sie dezent kauend, sehr dezent kauend, weil sie immer nur kleine Bissen nimmt von dem Panini. – Ihr widersprüchliches Verhalten war, erst mich zu locken, und wenn ich vor ihr stand, sich abrupt abzuwenden und in eine andere Richtung zu schauen. Hätte mir mein Vater Ratschläge gegeben für das Zugehen auf eine mir unbekannte Frau, hätte er gesagt: wenn eine Frau sich abwendet und in eine andere Richtung schaut, wenn du auf sie zugehst, Wolfgang, dann lass es. Und wenn du noch so verrückt nach ihr bist, lass es. So eine Frau wird dir kein Glück bringen. – Auch das sage ich in anderen Worten. Vom Locken mit Blicken spreche ich und dass sie es dann mit ihrer Körpersprache wieder dementiert hat. Mehr nicht. Auch darüber rede ich nicht gerne. Nicht nur, weil ich ihr nicht erzählen muss, wie sie sich verhalten hat, wenn sie die Contessa ist. Ich rede nicht gerne darüber, weil ich mich nicht gerne daran erinnere, wie ich mich damals verhalten habe. Weil ich mich nicht verstehe. Warum ich mich nicht über ihr widersprüchliches Verhalten hinweg gesetzt habe, warum ich nicht darauf zugegangen bin auf die Abfuhr, auf die Enttäuschung, das Unglück, das mich erwartet hätte auf die eine oder andere Art. Warum ich so blockiert und feige war und mich geflüchtet habe in eine sich jahrelang hinziehende Liebeskrankheit. Ich kann es mir nicht erklären. Deshalb rede ich nicht gerne darüber. Obwohl mir niemand besser dabei helfen könnte als sie, es herauszufinden. Wenn sie die Contessa ist. Aber wenn sie es nicht ist, dann ist das unsere erste Verabredung und ich will nicht den Eindruck erwecken, ich sei immer noch besessen von der anderen Frau.
Sie isst immer noch. Methodisch und langsam, wie jemand, der nie in seinem Leben magenkrank werden wird oder eine Essstörung hat. Sie isst nicht wie jemand, der so Hunger hatte, dass es ihr gar nicht schnell genug gehen konnte mit der Bestellung. Und jetzt, da sie das Panini zu zwei Dritteln aufgegessen hat, legt sie es auf den Teller und sagt: Ich kann nicht mehr. Als habe sie sich dazu gezwungen, etwas zu essen. Sie sieht nicht aus, als habe sie eine Essstörung. Sie ist dünn, aber nicht abgemagert. Feingliedrig ist sie. Schmale Hände mit langen geraden Fingern hat sie und lange schlanke Beine. Wie die Frau, die ich so oft gesehen habe im Hallenbad. Ich frage sie nach dem Film, den sie sich ausgeliehen hat, als wir uns bei Video World getroffen haben. – Brautalarm. – Der passende Film für einen Mädchenabend. – Ja, aber sie und ihre Freundin sind nicht dazu gekommen, den Film anzuschauen. Sie hat ihn dann auch nicht alleine gesehen, obwohl sie ihn noch länger behalten hat, weil sie nicht dazu gekommen ist, ihn gleich am nächsten Tag zurückzugeben. Wieder drei Euro, sagt sie. Statt nur einem Euro bei Rückgabe gleich am nächsten Tag. Ich kenne solche Überlegungen. Ich weiß, was für ein Leben das ist, mit jedem Euro rechnen zu müssen. Sie bezieht Hartz-IV-Geld, erzählt sie. Seit drei Jahren arbeitslos, seit sie von einer Lebenskrise aus der Bahn geworfen wurde, formuliere ich so allgemein, weil ich diskret sein will. Nur so viel: Die Lebenskrise geht darauf zurück, dass sie sich selbst als kleines Kind einen solchen Zwang angetan hat, um sich anzupassen, dass es eines Tages nicht mehr ging, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, weiter unter diesem Zwang zu leben. Mit therapeutischer Hilfe hat sie die Krise überwunden und jetzt muss sie ganz schnell Arbeit finden. Noch lassen die vom Jobcenter sie in Ruhe, sagt sie. Diese Zeit muss sie nutzen. Aber es ist nicht einfach, weil sie immer als Autodidaktin und Quereinsteigerin in ihre Jobs hinein gekommen ist, und alles will sie auch nicht machen. Jetzt gerade hat sie ein Angebot, da soll sie auf der Straße verkaufen. Das will sie nicht. Wenn es darum ginge, Leute zu koordinieren, die auf der Straße verkaufen, das ja, aber nicht sich selbst auf die Straße stellen. Nur, ein anderes Angebot hat sie nicht. Deshalb kann sie das nicht einfach so ablehnen. Und deshalb hat sie in der letzten Nacht wenig geschlafen und hat heute keinen guten Tag. Ich bin sonst anders, sagt sie. Zweimal sagt sie das. Sie will also einen guten Eindruck auf mich machen, denke ich und damit geht es mir, wie es mir zuvor gegangen ist, als ich sah, dass sie sich für unser Treffen geschminkt und die Haare geföhnt hatte. Es wäre mir lieber, sie würde so sein, wie ihr gerade ist, und sie würde sich nicht anstrengen, um mir zu gefallen. Wenn sie die Frau aus dem Hallenbad ist, sind wir darüber hinaus nach allem, was wir in den letzten drei Jahren zusammen erlebt und nicht erlebt haben. Und wenn sie es nicht ist, hat sie es auch nicht nötig, sich meinetwegen anzustrengen, so vertraut wie wir miteinander sind – wie wir es waren von dem Moment an, als wir angefangen haben, miteinander zu sprechen. Was erstaunlich ist, wenn sie die Wahrheit sagt. Hingegen überhaupt nicht erstaunlich, wenn sie die Contessa ist und sich verstellt, weil wir uns dann schon seit längerem kennen, wenn auch auf diese gestörte Art, dass wir uns kennen, ohne je miteinander bekannt geworden zu sein.
Das will sie nun ändern. Deshalb ist sie mir über den Weg gelaufen. Hat mir erneut eine Gelegenheit gegeben, sie anzusprechen. Diesmal habe ich sie genutzt. Aber warum dann die Verstellung, wenn sie die Frau ist, für die ich sie halte? Und wie stellt sie sich das vor, wie soll es dann weitergehen mit ihrer Verstellung, wenn wir uns wieder treffen und wieder und es vielleicht sogar so sein wird wie in meiner sentimentalen Paarphantasie mit ihr? Will sie dann das Schwimmen aufgeben? Oder will sie heimlich schwimmen gehen, damit sie sich nicht verrät, wenn sie nicht nur Brust schwimmt, sondern danach Kraul, dann Rücken und dann noch mal Brust? Der wichtigste Teil der Übung das Kraulen. Ich habe nie mitgezählt, wie viele Bahnen es sind. Fünfzehn Minuten ungefähr hält sie das durch, wirbelt sie durch das Becken und es sieht aus wie Übermut und Austoben, ist jedoch strenge Disziplin. Einmal, als ich sie in einem kurzen Rock sah, ist mir die Sportlerinnen-Muskulatur an ihren Schenkeln aufgefallen. Die hat sie vom Powerkraul. Die Muskeln hat sie sich antrainiert, weil sie sonst ganz dünne Oberschenkel hätte. Steckenbeine. Die will sie nicht haben. Hat mir imponiert, als mir das klar wurde. Schwer vorstellbar, dass die Frau, die ich vorhin auf ihrem Damenfahrrad sitzen sah, die gleiche Frau sein soll, die ich vor drei Jahren dicht neben mir durch das Schwimmbecken habe toben sehen. Unter Wasser, durch meine Schwimmbrille. Fasziniert von der Zeichnung ihrer Oberschenkelmuskulatur. Ihre Oberschenkel zart und muskulös zugleich. So etwas hatte ich noch nicht gesehen und nie für möglich gehalten hätte ich es, dass ich der Mann sein könnte, der wie betäubt von diesem Anblick an nichts anderes mehr denkt als an diese Frau und wie sie meinen Blick erwidert hat und als ich einmal nicht gleich nach ihr geschaut habe, so lange hergeguckt hat zu mir, bis ich ihren Blick erwiderte. Und nachdem nie mehr war als das, sitzt mir nun eine Frau gegenüber, die gesagt hat, sie kann nur Brustschwimmen und schon deshalb kann sie nicht die Frau aus dem Hallenbad sein. Woher die Vertrautheit zwischen uns kommt, ist mithin ein Rätsel. Dass es dieses Rätsel gibt, könnte ich als ein weiteres Indiz dafür ansehen, dass sie die Contessa ist und dass sie sich verstellt. Wenn ich das tue, kann das aber auch ein weiteres Indiz für den Zwangscharakter meiner Vorstellungen über diese Frau sein. Zweifelsfrei ist, dass die Frau mir gegenüber so lange und schlanke Beine hat wie die Frau, von der sie sagt, dass sie es nicht ist. Gewissheit könnte ich bekommen, wenn sie es mir erlauben würde, ihr ihre Hosen auszuziehen, damit ich ihre Oberschenkelmuskulatur sehen kann. Aber wer sie auch ist, ich werde dieser Frau nie ihre Hosen ausziehen. Sie erträgt es nicht einmal, wenn ich sie zufällig berühre, wie geschehen, als ich mich vorgebeugt habe, um nicht ständig Wie bitte? fragen zu müssen, weil sie mit so leiser Stimme spricht. Dabei habe ich mit meinem Handrücken ihre Hand gestreift und darauf ist sie zurückgewichen. Nicht kokett oder wie gegen eine Zudringlichkeit sich verwahrend, im Reflex hat sie ihre Hand zurückgezogen vor der unabsichtlichen Berührung. Nicht anfassen! Nicht einmal zufällig. Und deshalb rede ich davon, mache es aber nicht, als ich sage: Ich fühle mich so vertraut mit dir, ich könnte dir ständig auf die Schulter klopfen wie einem alten Freund. Das ist unbeholfen ausgedrückt. Aber das macht nichts. Sie versteht, was ich meine, weil sie die gleiche Vertrautheit empfindet mit mir, wie ich sie empfinde mit ihr. Nur weiß sie nichts damit anzufangen. Entweder in diesem Moment nicht, weil sie sich unbehaglich fühlt, oder weil sie nicht weiß, wozu ihre Vertrautheit mit einem Mann gut sein soll, der so alt ist wie ich.
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