Samstag, 26. Mai 2012

Kill Your Darlings 2


Warnung: Der Sprachgebrauch in diesem Text kann als anstößig empfunden werden und ein Teil des beschriebenen Geschehens ist Erwachseneninhalt im Sinne des Blog-Hosts.

Als ich noch sehr jung war, habe ich als Filmkritiker gearbeitet. Schon nach wenigen Jahren ging mir dabei meine Begeisterungsfähigkeit verloren. Während ich im Kino saß, suchte ich nur noch nach Erklärungen, warum der Film, den ich gerade sah, misslungen war, und Filme, die meinen Ansprüchen genügen konnten, sah ich immer seltener. Nachdem mir das klar geworden war, gab ich meine Freelancer-Engagements als Filmkritiker auf und es war dann tatsächlich so, dass ich nach einiger Zeit wieder mehr Freude hatte im Kino. Statt Kritiken schrieb ich erst Reportagen, in denen viel zu oft aber vorkam, und danach Kurzgeschichten, in denen es ausschließlich ums Ficken ging, weil ich meinte, das sei das Einzige, wovon ich wirklich etwas verstehe. Tatsächlich jedoch war es das Einzige, wofür ich mich wirklich interessierte. Doch entscheidend dabei war, nicht mehr zu beurteilen, was andere gemacht hatten, sondern selbst etwas zu machen. Das war nicht schlecht als Entschluss für 27, 28 war ich da.  Ich habe dann drei Fickgeschichten in dem von mir bewunderten Stil Hunter S. Thompson´s geschrieben, von denen eine beinahe im deutschen Rolling Stone abgedruckt worden wäre, aber am Ende hat es nur für die Veröffentlichung in einem Münchener Männermagazin gereicht, das Why Not hieß, besser zahlte als der Rolling Stone und drei Nummern später sein Erscheinen einstellte. Die vierte Geschichte war eine Spielerei mit Arthur Schnitzlers Traumnovelle. Eine Erzählung aus der Perspektive eines amerikanischen Touristen, der sich im Wiener Fin de Siècle verirrt und redet wie Mark Twain in den Berichten über seine Europareise geschrieben hat. Auch das nicht schlecht, wenn berücksichtigt wird, dass Stanley Kubrick viele Jahre später in Eyes Wide Shut etwas Ähnliches gemacht hat, nur mit Nicole Kidman und Tom Cruise statt mit Mark Twain, und das kann ich trotz aller Demut sagen: meine Geschichte war witziger und aufregender. 

An dem Sonntagnachmittag, an dem ich die Geschichte zu Ende geschrieben hatte, gab ich sie meiner Freundin zu lesen. Wir trennten uns gerade, wohnten aber noch zusammen. Meine anderen Kurzgeschichten hatten sie stolz auf mich gemacht. Diese jetzt fand sie schlecht, sagte sie, richtig schlecht, und danach konnte es ihr gar nicht schnell genug gehen, mit mir ins Bett zu kommen. Obwohl wir fertig miteinander waren, auch sexuell, haben wir uns dann fast die Seele aus dem Leib gefickt wie in unseren Anfängen als Paar und das habe ich damals schon gedacht, dass das wahrscheinlich das ehrlichste und schönste Kompliment gewesen sein wird, das ich jemals als Autor bekommen werde. Als ich kurz vor dem Orgasmus war, habe ich dann etwas gemacht, was ich noch nie gemacht hatte beim Sex mit ihr, weil es auch nicht nötig war, da sie sich zur sicheren Verhütung eine Spirale in ihren Gebärmutterhals hatte einsetzen lassen, und worüber ich mich deshalb selbst gewundert habe, als ich es machte: ich habe mich aus meiner Ex-Freundin zurückgezogen, um nicht in ihr zu kommen. Darauf war sie erst verblüfft und dann hat sie mir eine geknallt und danach wussten wir wieder genau, warum wir uns trennen wollten. Wir hatten noch einige Male Trennungssex danach, aber wir sind nie wieder so übereinander hergefallen wie an dem Nachmittag, als sie meine Schnitzler/Twain-Hommage gelesen hatte. Und ich habe aufgehört damit, Kurzgeschichten zu schreiben, weil ich glaubte, schon alles erlebt zu haben, was ich damit erleben konnte. Das war einer von zwei großen Fehlern, die ich in meinem Leben gemacht habe. Denn ich habe nie etwas gelesen, was vergleichbar gewesen wäre mit meinen Kurzgeschichten: Fickgeschichten mit der Idee, dass sexuelle Handlungen Kommunikation sind, und wenn Ficken Kommunikation ist, dann ist es auch erzählbar als Kommunikation, und wenn Ficken als Kommunikation erzählbar ist, dann ist Ficken als Handlung auch komödienfähig, nicht nur in dem Sinne, dass irgendetwas Komisches passiert beim Ficken, ein Missgeschick oder eine Peinlichkeit, sondern Komödie der Kommunikation, die Ficken ist. Vom Ficken als gesellschaftlichem Handeln erzählen, darum ging es. Und das hätte ich mal weiter machen soll, denn bei allen vier Anläufen, die ich genommen habe, die ersten drei Ende 20, der vierte Mitte 30, ist mir das gelungen. Ich hätte nur noch sehr viel verbessern, beharrlich daran weiter arbeiten müssen, und wenn es zehn, zwanzig Jahre gedauert hätte. Stattdessen habe ich mir einen Traum erfüllt, den ich als 15jähriger gehabt hatte, nachdem ich Michelangelo Antonionis Film Blow up gesehen hatte und nun auch einen Film machen wollte, der so von einem Lebensgefühl erzählt wie der Film von Antonioni, und ein Pop Life wollte ich haben wie der Fotograf in Blow up. Diesem Traum fühlte ich mich auf einmal verpflichtet, als ich um die 40 war, und mit den Mitteln, die ich hatte, habe ich ihn mir erfüllt: Als Filmemacher, der an einem Set steht und ein Team dirigiert, sah ich mich nicht nach allem, was ich von mir mitgekriegt hatte bis dahin. Ich wollte Filme schreiben. Und lernen wollte ich das, indem ich Drehbücher fürs Fernsehen schrieb. Das hat auch geklappt. Nur über das Schreiben fürs Fernsehen bin ich nie hinausgekommen. Und wäre ich vor zwei Jahren tot umgefallen, wäre das mein Leben gewesen, dass ich mir meinen Jugendtraum erfüllt habe, nur um, kurz bevor ich tot umgefallen bin, zu erkennen, was für ein Blödsinn das gewesen ist. Nicht der Traum. Mir den Traum zu erfüllen.

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