Dienstag, 4. September 2012

ContessaTatsächlich 3


260812 Blogtext
Wie alles angefangen hat: mit einer taubenblauen Badekappe und damit, dass sie bei mir eingehackt war.

150812 Notizbuch
Es ist von Anfang an um Sex gegangen. Aber ich bin dabei alleine geblieben. Wenn ich es vom Ende her betrachte, ist es das einzig Gute an dieser Geschichte. Dass ich bei all dem Schlimmen, was mittlerweile geschehen ist, wenigstens für mich sein konnte, weil ich alleine geblieben bin.

40712 Datei ContessaTatsächlich
Wir kennen uns seit drei Jahren. Sie kennt mich noch länger. Als mir das klar wurde, wie lange sie schon da ist, ohne dass ich es wusste, und was sie dann alles von mir mitgekriegt hat, ist mir das Blut in den Kopf geschossen. Aber dann habe ich mir gedacht, sie hat all das mitgekriegt von mir und trotzdem ist sie immer noch da. Sie weiß mehr von mir, als irgendwer sonst und als ich ihr jemals von mir erzählt hätte. Was für ein Glück muss es sein, eine Frau zu lieben, die so viel über mich weiß und die von meinen Geheimnissen nicht vertrieben wurde. Vielleicht haben sie ihr sogar gefallen und wir können sie miteinander teilen, wenn es uns endlich gelungen ist, miteinander bekannt zu werden. Aber das schafften wir nicht, aufeinander zu zu gehen, miteinander zu sprechen, uns zu verabreden. Sie kannte meinen Kontostand und sie wusste, an welchen Stellen in einem Porno ich es mir kommen lasse, aber ich kannte nicht einmal ihren Namen. Drei Jahre lang wusste ich nicht, wie sie heißt. In meinen Gedanken und später als ich ihr zu schreiben anfing, habe ich sie Contessa genannt, und als sich das abzunutzen begann, Tess. TESS! Man nennt eine Frau nicht Tess, ohne sich Wunder weiß was vorzustellen, wer sie ist. Ich habe es mir verboten, mir zu viel vorzustellen. Für mich war der Name Ausdruck einer Zärtlichkeit und eines Zaubers. Meiner Zärtlichkeit für sie und ihres Zaubers für mich, der (vorläufig vor allem) darin bestand, was sie alles über mich wusste und dass sie mich trotzdem kennenlernen wollte. Aber auch das war schon viel zu viel. Denn, als wir endlich bekannt wurden miteinander, als sie mir ihren Namen sagte, als ich ihre Stimme hörte, und erlebte, wie sie mich behandelte, gab es nichts an ihr, das mir nicht gefallen hat, weil ich es mir anders und schöner vorgestellt hatte, und trotzdem schien es, als hätte ich mir zu viel vorgestellt. Oder sie vielleicht verwechselt mit einer anderen Frau? Sie jedenfalls war nicht die Frau, die ich erst Contessa, dann Tess genannt hatte. Tut ihr leid, tolle Geschichte, aber sie war nicht dabei, hat sie gesagt.

50712 Datei Contessa Tatsächlich
Sie hat sich verstellt, sie hat gelogen, so getan als wäre sie eine ganz andere Person, nur um nicht die zu sein, die sie drei Jahre lang in dieser Geschichte war: Frau aus dem Hallenbad, Frau von gegenüber, Frau, die sich in meinen Rechner eingehackt hat, Contessa, Tess. Jetzt will sie verhindern, dass ich die Geschichte erzähle. Oder ist es gar nicht sie, ist es er, der es verhindern will? Einer von beiden will es verhindern, kann sein auch beide. Aus unterschiedlichen oder gemeinsamen Gründen, das ist nicht wichtig. Es reicht zu wissen, dass jemand verhindern will, dass ich die Geschichte erzähle.

Ich bin ein Mann, bei dem das Alter begonnen hat. Es kommt nicht mehr oft vor, dass ich einen sexuellen Schauer erlebe. Als sie das Café betrat und auf mich zukam, spürte ich so einen Schauer und er hielt an, während wir einen Tisch suchten, unsere Mäntel auszogen, bestellten, und er hielt weiter an, während wir zu reden anfingen. Und dann war es auf einmal vorbei. Daran habe ich hinterher immer wieder denken müssen, wie der Schauer auf einmal weg war und nicht wieder kam während des ganzen folgenden Gesprächs nicht. Es war zum ersten Mal, seit wir uns begegnet waren vor drei Jahren, dass wir uns gegenüber saßen und uns so nah waren. Den Schauer hatte ich zuvor schon erlebt, wenn ich sie gesehen hatte oder meinte, ihre Nähe zu spüren. Jetzt, bei unserer ersten Verabredung - beim dritten Mal, da wir miteinander sprachen - wollte sie mir einreden, dass es kein Zuvor gegeben hatte, nicht mit ihr. Weil sie nicht die Frau war, für die ich sie hielt. Zugleich zeigte sie mir aber, dass sie als die, die sie sein wollte, interessiert war, mich kennen zu lernen. Nun eben ohne Schauer, hätte das geheißen für mich. Wo doch der Schauer der Beweis für mich war, dass ich mich nicht täuschte und dass sie mich belog. So gekonnt und überzeugend log, dass ich kurz einmal ins Zweifeln kam, dann aber nur noch abgestoßen war von ihrer Falschheit. Und ich denke mir, dass deshalb der Schauer aufgehört hat und nicht mehr zu verspüren war in dem langen Gespräch, weil ich erlebt habe, wie versiert sie log, wie gewohnheitsmäßig falsch sie ist als Person. Falsch zu mir. Denn hätte sie mir erzählt, wie sie andere belügt und betrügt und mir damit gezeigt, was für eine falsche Person sie ist, hätte ich nur gedacht, dass das zu mir passt, mich in so eine Frau zu verlieben,  und wäre ihr am Ende noch mehr verfallen gewesen. Aber wie soll ich eine Frau begehren, die so falsch zu mir ist?

Es ist nicht auszuschließen, dass ihr Typ oder ihr Ex-Typ es von ihr verlangt hat, dass sie mich täuscht über ihre Identität, damit er herausgehalten wird aus meiner Geschichte mit ihr. Dann ist sie entweder eine tragische Figur oder dumm, weil es klar war, dass sie mit ihrer Verstellung nicht durchkommen würde und es so ausginge wie geschehen: dass wir uns, kaum sind wir bekannt geworden miteinander, enttäuscht voneinander abwenden. Ich, weil ich ihre Falschheit nicht hinnehmen kann, zu der er sie verpflichtet hätte in dieser Version. Nicht zum ersten Mal sehe ich ihn als manipulativen Charakter, Puppenspieler, und sie hängt an seinen Fäden, ohne es zu merken, dann wäre sie dumm. Oder sie ist abhängig von ihm. Dann ist sie eine tragische Figur, weil sie bei einem wie ihm hängengeblieben ist und nicht von ihm wegkommt. Und wenn sie sich retten will, dann gerät sie an jemanden wie mich und was ich ihr geben könnte, damit kann sie nichts anfangen, das kriegt sie gar nicht erst zu Gesicht, weil sie mich beurteilt nach einer Standardvorstellung von Mann, der ich nicht entspreche, so wie ihr Typ oder Ex-Typ es tut. Aber von dem bekommt sie nicht, was sie braucht, von dem bekommt sie nur, was er braucht. Er kann nicht von ihr lassen. Aber er kann sie auch nicht zu seiner Frau machen, weil seine Frau eine andere Frau ist und wenn es keine andere Frau gäbe, würde er sich trotzdem nicht an sie binden, weil er frei sein wollte für den Tag, wenn eine bessere Frau kommt. Ich denke, dass sie ihm nicht gut genug ist. Sie ist nicht gut genug, gemessen an den Vorstellungen, die er davon hat, wie eine Frau für ihn sein muss. Und diese Vorstellungen sind dissoziiert davon, was er wirklich braucht. Das zeigt sich darin, dass er von ihr nicht lassen kann. Doch so alt können sie gar nicht werden miteinander, dass er das begreifen und ändern wird. Sie vertut mit ihm ihre Zeit und sie merkt es nicht, denn er lenkt sie ab mit dem Drama seiner Zerrissenheit und sie selbst lenkt sich ab mit dem Drama ihrer Suche nach einem Ausweg. Wie hoffnungslos ihre Suche ist wegen ihres Ungeschicks, mit dem sie sich selbst im Wege steht, das habe ich drei Jahre lang erlebt als mein eigenes Unglück. Ich habe nie eine Frau ungeschickter handeln gesehen. Und ich habe noch nie eine Frau gesehen, die eine unglücklichere Figur abgegeben hat als sie.

120712 Datei ContessaTatsächlich
Sie ist entweder 37 oder 40 Jahre alt. Als ich ihr gegenüber saß, hat sie gesagt, dass sie 37 ist. Es kann sein, dass sie 37 gesagt hat, weil sie früher einmal ihr Geburtsdatum angegeben hat mit 11. 9. 1971, in der verhuschten Kommunikation, zu der es gekommen ist zwischen uns durch ihr Eingehacktsein, hat sie mir das Datum genannt. Als sie mir nun gegenüber saß, wollte sie nicht die Frau sein, die in meinen Rechner eingehackt ist und auf diesem Weg schon kommuniziert hat mit mir. Egal wie verhuscht das war und wie wenig in all der Zeit dabei von von ihr gekommen war. Als sie mir nun endlich gegenüber saß, beharrte sie darauf, dass sie mich erst kennt, seit ich sie verwechselt habe mit einer anderen Frau und deshalb angesprochen habe an einem Fußgängerüberweg ein paar Wochen zuvor. Dass sie daher nicht die Frau ist, die ich vor drei Jahren regelmäßig gesehen habe beim Frühschwimmen in einem Hallenbad, später - ich wollte es erst selbst nicht glauben - in einer Wohnung in nächster Nachbarschaft meiner Wohnung, und als ich bemerkte, dass sie sich in meinen Rechner eingehackt hat – was ich auch erst nicht glauben wollte -, da habe ich mir ihr Eingehacktsein in meinen Rechner zunutze gemacht, um mit ihr zu kommunizieren. Bis ihr Freund dahinter gekommen ist und sich ebenfalls bei mir eingehackt hat. Weil er wissen wollte, was vorgeht. Aber vor allem, um sich einzumischen. Um unserer Heimlichkeit ein Ende zu machen. Und mich zu täuschen. So kann es sein, dass das Geburtsdatum 11.09.1971 von ihm gestreut wurde als Fehlinformation, um mich vorzuführen. Denn wäre ich nicht misstrauisch geworden, hätte ich darauf in meinem Blog am 11. September ihr Glück gewünscht zu ihrem Geburtstag und mich bestimmt veranlasst gesehen, noch eine Bemerkung dazu zu machen, dass sie am 11.09. geboren ist, dem Datum, das durch die Ereignisse dreissig Jahre später historisch wurde. 9/11. Ich hätte gar nicht anders gekonnt wegen meiner Blogregel: Alles muss ausgesprochen werden, hätte irgendetwas losgelassen, was mir in dem Moment plausibel, tatsächlich aber eine Riesendummheit gewesen wäre. Und er hätte triumphiert, weil es ihm gelungen war, mich zum Hampelmann zu machen. Als käme es darauf an. Aber so ein Mann ist das. Den hat sie sich ausgesucht. Sie der eine Hacker, er der andere. Ihr Typ oder Ex-Typ. Kann sein, dass sie getrennt sind, aber sie kommen nicht los voneinander, weil er nicht aufgibt oder sie nicht aufgibt. Ich schätze, dass er nicht aufgibt. Trotzdem wird sie von ihm immer nur bekommen, was er braucht. Eine Geliebte braucht er, denn eine Frau hat er schon, mit der ist er kinderlos verheiratet, und sie lebt in einer anderen Stadt. Sie also hingehaltene Geliebte oder enttäuschte Ex-Geliebte. 37 oder 40, wenn sie jetzt nicht endlich auch mal Glück hat, wird es nichts mehr mit dem Glück in ihrem Leben.

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