Eine Frau wie sie hat einen Freund oder einen Mann. Den verlässt sie nicht wegen eines armen älteren Mannes. Alleine schon die Vorstellung, ihr das klar machen zu müssen, wie verliebt ich bin in sie, aber ich kann dich nicht zum Essen einladen, weil ich habe nur sehr wenig Geld. Wie soll das gehen? Ich wusste, dass es nicht geht, ich war verzweifelt deswegen. Der Frühling verging, der Sommer verging, es war Herbst, ich war immer noch verliebt in sie, immer noch verzweifelt und ich verstieg mich in die Vorstellung von der Schicksalhaftigkeit unserer Geschichte. Inzwischen war es eine Geschichte. Und wenn ich an etwas glaube, dann an Geschichten. Also schrieb ich ihr einen Brief und darin erzählte ich ihr unsere Geschichte, wie ich sie erlebt hatte – aber über eine wichtige Tatsache bin ich zu schnell hinweg gegangen. Ich erwähnte, dass ich zur Zeit wenig Geld hatte, ich hätte schreiben sollen, dass ich in Armut lebe und nicht weiß, ob ein Wunder der Liebe es schaffen wird, mich da heraus zu holen. Sie hat es selbst gemerkt und von da an hat sie nur noch gespielt mit mir. Das hätte sie nicht machen sollen. Aber meine Güte! Ist sie verantwortlich für mich?
Sie liest viel, sagt sie. Was sie liest, sagt sie nicht. Sie sagt auch nicht, was sie gemacht hat als Autodidaktin und Quereinsteigerin, die sie war im Erwerbsleben, bevor sie arbeitslos wurde wegen einer Lebenskrise, die vor drei Jahren begonnen hat und jetzt zu Ende ist. Nur dass sie einmal in einem Süßwarenladen gearbeitet hat, erzählt sie: In einem Süßwarenladen habe ich auch einmal gearbeitet. Erst in der und der Straße und später ist der Laden umgezogen in die und die Straße.
Was wird sie lesen? In ihrem Blog gibt es ein Zitat von Saint-Exupéry. Wie kommt sie auf Saint-Exupéry? Wegen Le Petit Prince? Habe ich nie gelesen. Hat mich nicht interessiert. Ich habe auch das Zitat in ihrem Blog nicht verstanden in der Bedeutung, die es für sie haben könnte, so dass sie es in ihren Blog gestellt hat wie ein Motto, eine Einsicht, eine Überzeugung, die steht über allem, was sie tut in dem Blog. Lyrik schreibt sie in dem Blog. Gedichte mit einem Humor, bei dem ich mich wundere nachträglich, dass sie ihn hat, so wie ich sie kennengelernt habe in dem Café, in dem wir uns getroffen haben, Freitagnachmittag um 15 Uhr.
Ich bin leider flexibel, hatte sie mir geschrieben in einer Mail, als wir uns verabredet haben. Wenige Tage vorher hatte ich sie bei Video World getroffen. Ich hatte ihr meine Karte gegeben mit meiner Blogadresse, damit sie im Blog meine Geschichte mit der Frau nachlesen kann, mit der ich sie verwechselt hatte. Deswegen hatte ich sie wenige Wochen zuvor angesprochen. Darauf hatte sie so unkompliziert und unzickig reagiert, dass ich es schon deshalb hätte ausschließen müssen, dass sie die Frau war, die ich aus dem Hallenbad kannte und Contessa nenne. Aber ganz traute ich ihr nicht. Ihre Ähnlichkeit mit der anderen Frau war zu groß und es gab genug Gründe für sie, um sich vor mir zu verstellen, wenn sie die andere Frau war. Bei unserem Treffen in dem Café spielte all das jedoch nur so weit eine Rolle, als ich mich bemühte, es nicht anzusprechen. Denn es für möglich zu halten, dass sie die Contessa war und sich verstellte, war gleichbedeutend damit, es für möglich zu halten, dass sie eine Lügnerin war und einen Schuss hatte.
Ich wartete an einen Barhocker gelehnt gegenüber der Tür. Alle Tische waren besetzt. Das Café war ihre Wahl. Als ich auf die Uhr schaute und sah: 15 Uhr, war ich mir auf einmal sicher, dass sie nicht kommen würde zu der Verabredung. Die andere Frau, die Contessa, war zu keiner einzigen Verabredung gekommen. Einmal hatte ich sie den Vorraum des Cafés betreten sehen, das ich ihr damals als Treffpunkt genannt hatte, und gerade wollte ich auf mich aufmerksam machen, da war sie wieder weg. Ich bin ihr hinterher gegangen. Nichts mehr von ihr zu sehen. Sie hatte sich in Luft aufgelöst. Wie vom Erdboden verschluckt war sie. Alter Indianertrick? Das habe ich einige Male mit ihr erlebt und es jedes Mal mit diesen Worten beschrieben: in Luft aufgelöst, vom Erdboden verschluckt, Indianertrick. A Lady Vanishes. A Contessa Vanishes. Nichts macht so alt wie eine Liebesgeschichte, aus der nichts wird. Die Zeit vergeht nicht nur, sie geht verloren. Wenn sie mich versetzt, ist es mir auch recht. Dann ist das die Geschichte. So denke ich. So verpasse ich das Leben. Mein unverwüstlicher Pragmatismus.
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