Dienstag, 31. Januar 2012

Eintritt frei 3

... Ich hinter der Künstlerin her. Und dabei passiert, was ein Grund dafür sein könnte, weswegen der Künstlerin mein Text nicht gefallen hat. Und das wiederum könnte der Grund dafür gewesen sein, weshalb sie mir später so ablehnend begegnet ist, mit Geringschätzung, sogar mit Verachtung. Es kann natürlich auch sein, dass es ihr als Leserin von Proust und Th. Mann grundsätzlich nicht gefallen konnte, sich hineingezogen zu sehen in mein grobes unschönes Schreiben. Nicht nur als Leserin nicht gefallen hat, sondern auch als Künstlerin und Frau nicht gefallen konnte, in was sie hinein gezogen worden war von mir. Ins Persönliche. Mein Persönliches, mit dem ich mich herangemacht habe an ihr Persönliches mit meinen aufdringlichen Fragen nach ihrer Schwangerschaft und dem Vater ihres Kindes. Statt mit ihr zu reden über ihr Bild und ihre Thesen über Scham und die Nacktheit des männlichen Körpers. Als wäre, solche Thesen zu haben und zu verbreiten, nicht auch etwas Persönliches. So dass man auch ohne erotische Phantasie sich vorstellen kann, dass die Künstlerin nicht nur ein künstlerisches Interesse an der Schönheit männlicher Nacktheit hat, sondern dass es einen nackten Mann in ihrem Leben geben muss, den sie so schön findet, dass sie sein Abbild in mindestens zwei Gemälde hineinkopiert hat, ihn dabei einmal als Paris figurieren ließ, über den geurteilt wird von den Göttinnen (also von ihr?), ein andermal als Freier der Penelope. Das Freierbild ausgestellt bei der Kubacki. Das Bild, vor dem wir standen, nachdem die Kubacki uns bekannt gemacht hatte. Über das wir redeten, und weil ich über ihre beiden Thesen über Scham und Nacktheit nicht nachzudenken brauchte, stellte ich mir vor, wie die Frau mit dem hübschen Schwangerenbauch von der männlichen Schönheit des Kindsvaters ergriffen war. Da hängt das Bild, mit dem sie seine Schönheit verehrt, und unter ihrem schwarzen Strickkleid wölbt sich ihr Bauch mit der Leibesfrucht dieser Verehrung, Bewunderung, Liebe. Dazu noch ihre Scham-These, mit der sie über sich selbst spricht, so wie sie mit ihrer These über männliche Schönheit in der Kunst des Abendlandes über ihren Freund und ihre Liebe zu ihm spricht. Ihr Persönliches damit ausgebreitet vor der kleinen Öffentlichkeit des Abends bei der Kubacki, keineswegs von mir ausgedacht und auch nicht ausgespäht, als hätte ich etwa in einem unbeobachteten Moment in ihrer Handtasche gewühlt. Trotzdem später ihr Erstaunen: Du schreibst aber sehr persönlich. – Ja, wie denn sonst? Wie das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung? Von denen war keiner da an dem Wintersalon-Abend bei der Kubacki. Nur ich, Blogger, der wohnt eine Straße weiter, veröffentlicht sein Leben in seinem Blog, und weil das zu wenig ist (aber auch, weil es schon Klagen gab: dein Leben gefällt mir nicht), habe ich angefangen über meine Umgebung zu schreiben, genannt Lebenswelt. Zu der gehören auch Künstler, viele Maler. Schlaue Idee, wenn ich über die schreibe, kann ich ihre Bilder zeigen im Blog, habe ich mir gedacht. So kam es zum Kunstthema und inzwischen gehe ich sogar auf Vernissagen, was ich seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht hatte, weil mir, als ich noch ein sehr junger Mann war, der damals noch nicht so namhafte Künstler Lüpertz bei einer Ausstellungseröffnung in der Budapester Straße eine geknallt hat, nachdem ich mich abfällig über seine Bilder geäußert hatte. Scheiße, hatte ich gesagt. Genauer: Hast du diese Scheiße gemalt, habe ich ihn gefragt. Und klatsch hatte ich eine sitzen, so dass mir hinterher die Backe glühte. Aber da wurde um uns herum auch schon Empörung laut gegen ihn, so dass er nur noch murmeln konnte, wenn du willst, kannst du das draußen wiederholen, bevor er von mir weg gezogen wurde und die Empörten, darunter der damals gerade als Verteidiger von Gudrun Ensslin namhaft gewordene Otto Schily, sich um mich kümmerten. Doch auch, wenn sie mich damit nicht davon abgehalten hätten, mich vor der Galerie mit dem Künstler zu prügeln, hätte ich meine Bemerkung draußen nicht wiederholen wollen. Wir waren auf die Vernissage gegangen, um Vodka aus Sektgläsern zu trinken und Lachsschnittchen zu essen, und da wir schon mal da waren, dem verwesenden Kunstbetrieb unsere Verachtung zu zeigen. Das war geschehen. Zu unserer Verwunderung hatten wir dabei entdeckt, dass der bei uns hoch angesehene Rechtsanwalt Otto Schily an einer Veranstaltung des verwesenden Kunstbetriebs teilnahm. Aber er hatte sich fürsorglich um mich gekümmert und insofern war das für mich okay. Nur auf Vernissagen bin ich von da an nicht mehr gegangen. Erst jetzt, Jahrzehnte später gehe ich wieder auf Vernissagen, weil es eine Möglichkeit ist, eintrittsfrei an einem Kultur- und Gesellschaftsleben teilzunehmen.

Doch wenn ich keinen Blog schriebe, ginge ich nicht zu Ausstellungseröffnungen, würde ich mich für Malerei nur aus der Ferne interessieren und der Künstlerin wäre ich vielleicht im Supermarkt in einer Warteschlange vor der Kasse begegnet. Ich hätte hinter ihr gestanden, hätte mich gefragt: Erzieherin oder arbeitslose Schauspielerin? Hätte mich beim Blick auf ihre klobigen Stiefel und das grau-schwarze Klecksmuster ihrer Strumpfhosen für Erzieherin entschieden und hätte zu zweifeln begonnen, nachdem ich ihre aus Lurexgarn gehäkelte Handtasche bemerkt hätte. Sie hätte mich nicht bemerkt, es sei denn, ich hätte es übertrieben und sie angestarrt. Wozu aber keine Veranlassung bestanden hätte. Nachdem ein Blick auf ihre Einkäufe auf dem Warenförderband der Kasse zu keiner Entscheidung in der Frage: Schauspielerin oder  Erzieheringeführt hätte, wäre mein Interesse an ihr erloschen. Und das wäre es dann gewesen für dieses Leben. So aber, da ich auf Vernissagen gehe und einen Blog schreibe und die Künstlerin nun bereit ist, sich von mir fotografieren zu lassen, gehe ich hinter ihr her in das Zimmer, wo ihr Bild hängt, und habe keine Erektion, aber empfinde den Schauer, den ich empfände, wenn ich eine Erektion hätte. Einen erotischen Schauer, der mich überrascht und freut, weil ich einen solchen Schauer lange nicht mehr erlebt habe. Zugleich weiß ich, dass der Schauer nichts zu tun hat mit der vor mir hergehenden Künstlerin. Er hat auch nichts zu tun mit der Frau, die mit ihren Freunden schon die ganze Zeit in der Mitte des Ausstellungsraums steht. Mit ihr habe ich gelächelt, als ich den Raum zum ersten Mal betreten habe und sie ist die Frau, die ich hätte kennenlernen wollen, wenn ich eine Frau hätte kennenlernen wollen an diesem Abend. Ich habe bemerkt, dass sie beobachtet hat, mit wem ich geredet habe, und jetzt beobachtet sie, wie die Künstlerin sich für mich vor ihr Penelope-Bild stellt, und bestimmt hört sie auch, wie ich sage: Ich bin heute nicht gut. Das sage ich, weil ich kein Bild hinkriege. Doch auch, wenn sie es nicht gehört hat, kann sie nur zu einem Schluss kommen: dass ich mich wegen der Künstlerin zum Deppen mache, und darüber amüsiert sie sich nun mit ihren Freunden. Da die Frau mit ihren Freunden direkt neben der Künstlerin vor ihrem Penelope-Bild steht, kann mir das nicht entgehen. Ich sehe es, ob ich will oder nicht. Und während ich der Künstlerin Anweisungen gebe, wie sie sich hinstellen soll, damit ich ihren Bauch aufs Bild kriege, ist mir klar, dass ich es bei der Frau in der Mitte des Raums jetzt verschissen habe. Ich schaffe es nicht, den Bauch der Künstlerin aufs Bild zu bekommen. Hinterher ist auf keinem der Fotos ihr Bauch zu sehen und sie damit als Schwangere zu erkennen. Dafür erlebe ich beim Sichten der Fotos am nächsten Tag die zweite Überraschung (wenn der Schauer in meinem Genital die erste Überraschung war). Im Gegensatz zur ersten Überraschung hat die zweite Überraschung mit der Künstlerin zu tun, wenn ich es mir auch nicht erklären kann, was da passiert ist. Die Künstlerin sieht auf meinen Fotos so plump aus, dass ich sie nicht gefragt hätte, ob ich sie fotografieren darf, wenn ich diese Plumpheit in Gesichtsausdruck und Körperhaltung schon vorher an ihr bemerkt hätte. Diese Plumpheit war ihr an dem Abend bei der Kubacki nicht anzusehen gewesen. Und auch nicht an dem späten Nachmittag, als ich sie vier Wochen später traf. Und da habe ich sie mir genau angeschaut, eben weil ich die Überraschung mit den Fotos von ihr erlebt hatte. Ich hätte auch gerne die gleiche Plumpheit wie auf den Fotos wieder an ihr wahrgenommen nach dem, wie sie mich behandelt hat bei dem zufälligen Treffen. Doch es ist mir nicht gelungen. Sie trug an dem Nachmittag einen grau-schwarz gesprenkelten Mantel, knielang, tailliert, offenstehend wegen ihres Bauchs. Ein Mantel wie von Peek & Cloppenburg und ihre Mutter hat ihn ihr gekauft. Brav sah sie darin aus. Aber nicht plump. Sie ist eine attraktive Frau, musste ich zugeben. Während ich sie fotografierte, hat sie sich vielleicht verspannt und deswegen hat sie so plump gewirkt. Oder der Eindruck kam zustande durch einen Fotografiereffekt meiner 130-Euro-Kamera. So oder so hätte ich keines der Fotos ins Netz stellen dürfen. Das Foto, das ich ausgewählt hatte, war zwar von allen meinen Fotos von ihr noch das beste, doch wirkte sie darauf nur geringfügig weniger plump als auf meinen anderen Fotos. War sie deshalb so schlecht zu sprechen auf mich, als wir uns zufällig wiedersahen? Gar nicht wegen des Persönlichen in meinem Schreiben über sie, sondern wegen des entstellenden Fotos von ihr, das ich gepostet hatte. Ich werde es nicht erfahren, weil, wenn es nach mir geht, die Geschichte nun beendet ist. Zu berücksichtigen wäre noch gewesen, was ihr Freund meinte, nachdem sie ihm meinen Text über sie mit dem Foto gezeigt hatte. Damit wäre unter Umständen zu erklären, warum sie mit meiner Darstellung ihrer Person erst ganz zufrieden, später dann aber so unzufrieden war, dass sie mir mit einer Geringschätzung begegnete, die ich in meiner Überempfindlichkeit schon als Verachtung erlebte. Aber all das berührt mich nicht mehr. Es hat mich schon nach wenigen Seiten dieses Textes nicht mehr berührt. Ich habe den Text danach nur deshalb weitergeschrieben, um festzuhalten, was mir passiert ist bei meiner ersten Begegnung mit der Künstlerin. Nicht ihretwegen passiert, durch sie. Aber auch darüber ist nicht mehr zu sagen. Erstens, weil nicht mehr geschehen ist als das, was ich bereits geschildert habe. Zweitens, weil sich niemand für den Schauer im Genital eines 59jährigen und seine unbekannte Ursache interessiert. Auch dann nicht, wenn er sich wiederholen sollte. Was ich natürlich hoffe. 

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