Was ist denn dabei? Sie kann mit meinem groben Geschreibe nichts anfangen. Sie hat Proust gelesen bis zum dritten Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Danach wollte sie eine Pause einlegen und hat sich Thomas Mann, Joseph und seine Brüder vorgenommen, immerhin auch dreibändig. Gerade hat sie den letzten Band zu Ende gelesen, hat sie erzählt bei der Kubacki und ich habe das erwähnt in meinem Posting über den Abend, um sie damit zu charakterisieren. Kurzer Text, Kurzcharakteristik. Die schwangere Frau, die das Bild gemalt hat, das aussieht wie in Pompeji ausgegraben und trotzdem leuchtet es so rot, die schwangere Malerin, die eine anthropologische These über Scham hat und eine kunsthistorische These über die Schönheit männlicher Nacktheit, die liest also auch noch Proust und Thomas Mann und ihr Bauch ist noch gar nicht so dick, da haben andere Frauen ganz andere Bäuche im sechsten Monat, wie sie gerade erst gesehen hat, als sie bei ihrem Arzt war vor ein paar Tagen. Nun will ich nur noch wissen: Was hat die Künstlerin für einen Mann zu dem Kind? – Ihr Freund ist an der Ostsee, sagt sie. So etwas wie heute Abend (Vernissage in der Wohnungsgalerie), das ist nichts für ihn. So ein Mann ist das. Und da habe ich zum ersten Mal gedacht, dass es vielleicht ein Mann ist, der ein paar Jahre jünger ist als sie. Drei, vier Jahre. Sie schon etwas spät dran mit ihrer ersten Schwangerschaft, weil sie so lange gesucht hat oder gewartet auf den Mann, mit dem sie das Kind haben will und er mit ihr. Wenn es so lange dauert mit dem Suchen oder dem Warten, dann ist es meist der jüngere Mann. Im Unterschied zu ihr (Grafikerin) ist er akademisch ausgebildet, stelle ich mir vor. Seinetwegen liest sie Proust und Th. Mann. Oder tut sie es für das Kind? Pränatale Intelligenzförderung: das Kind soll es einmal besser haben als sie. Oder sie hat es immer schon mit dem Lesen gehabt, Bücherausstatterin, die sie auch ist, und in ihrer Leserinnenkarriere ist sie jetzt bei Proust angekommen und beim Joseph-Roman. Diese Kombination? Kein mir bekannter Weg führt von Marcel Proust zu Thomas Mann. Das sähe dann eher aus nach Kanon, der runtergelesen wird. Stur. So wie die Kubacki sagte, als sie uns vor ihrem Bücherregal stehen sah: und als nächstes lese ich Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Worauf ich sagte: Tu das nicht. Von Musil die Erzählungen und der Törleß. Aber bloß nicht der große Roman; überambitioniert, völlig missglückt. Hier, sagte ich und deutete auf die unberührte 13bändige Suhrkamp-Ausgabe in ihrem Regal: Lies Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Das ist ein Meisterwerk. Dazu kein Kommentar von der Kubacki; sie musste weiter, sich um ihre anderen Gäste kümmern. Dafür nun die schon ältere Malerkollegin der Künstlerin: Sie kennt weder den Proust noch den Musil, sagt sie. Und darauf ich nun wieder mit meinem Proust-Leseerlebnis, mit dem ich seit bald 40 Jahren hausieren gehe. Keine Ahnung, warum ich das mache, weshalb ich mir das selbst zumute, immer die gleichen Worte: Die Zähigkeit des Reinkommens, der Grießbreiberg, durch den man sich erst durchfressen muss wie im Schlaraffenland, die Langweiligkeit des zweiten Bandes, Im Schatten junger Mädchenblüte, die mehrseitige Beschreibung eines Tapetenmusters und, wenn ich den Zuhörern den Beckett-Hinweis zutraue, der Hinweis auf Beckett – selbst Beckett, der geschrieben hat in seinem Proust-Essay, dass er das Buch manchmal am liebsten an die Wand geschmissen hätte vor Ärger über Marcel Prousts Detailmanie -, aber dann plötzlich das Durchstarten des Romans im dritten Band, Die Welt der Guermantes: Fest bei der Herzogin von Guermantes, überraschendes Auftauchen des aus der Gesellschaft des Faubourg Saint-Germain verstoßenen Swann, dessen Judentum ihm gesellschaftlich nie im Wege gestanden hat, weil er es verleugnete oder vergessen machen konnte mit der Eleganz und Geschmackssicherheit des Dandys, der er war, aber jetzt, da er Partei ergreift in der Dreyfus-Affäre für den Juden Dreyfus, ist er plötzlich nur noch Jude und raus aus der vornehmen Gesellschaft. - Die Künstlerin fand Im Schatten junger Mädchenblüte überhaupt nicht langweilig, sagt sie. Wegen des Malers Elstir und der Liebesgeschichten. Und im dritten Band hat sie beeindruckt, wie Proust den Tod der Großmutter des Ich-Erzählers Marcel beschreibt. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was sie so beeindruckt hat, weil ich mich eigentlich verabschieden wollte. Dann war es zu dem Lektüre-Gespräch gekommen, und nachdem ich gerade selbst so ausführlich dahergeredet habe über die Proust-Lektüre und über den Abstieg von Swann will ich nun nicht auch noch den Vortrag der Künstlerin über den Tod der Großmutter von Marcel anhören. Obwohl ich staune, wie lebendig sie darüber spricht, und mich frage, warum sie den Proust-Roman nicht weiter gelesen hat, wenn sie so berührt war, warum sie dann lieber den biederen Th.- Mann-Roman gelesen hat mit seinem verknöcherten Deutsch. Während ich warte, bis die Künstlerin zu Ende gesprochen hat über den Tod der Großmutter von Marcel, betrachte ich sie und verstehe nicht, warum ich sie nicht gefragt habe, ob ich sie fotografieren darf. Ich hatte sie gefragt, ob ich ihre Handtasche fotografieren darf, und sie hatte sie mir bereitwillig hingehalten in verschiedenen Ansichten. Aber sie zu fragen, ob ich sie selbst fotografieren darf, darauf bin ich nicht gekommen, weil ich eingeschüchtert bin vom ständigen Nein, vom Geziere, Gezicke, Krampf der Leute, die sonst nichts haben, um sich interessant zu machen. Doch das ist eine andere Geschichte und so viele Leute waren es auch nicht, die Nein gesagt haben, aber empfindlich bin ich und leicht einzuschüchtern. Deshalb habe ich die Künstlerin nicht gefragt und jetzt tue ich es nur, weil ich nicht gehen will, ohne die Frage wenigstens angesprochen zu haben: Hättest du dich fotografieren lassen, wenn ich dich gefragt hätte? – Zunächst reagiert sie keineswegs so ablehnend, wie ich erwartet hatte. Erst, als ich davon ermutigt sie nun ernsthaft rumzukriegen versuche, da fängt sie an sich zu zieren. Sie sehe nach nichts aus, sagt sie. – Ach was! sage ich. Und Ach was! sagt zu meiner Überraschung auch die Malerkollegin. Ganz begeistert ist sie davon, dass ich die Künstlerin fotografiere. Mach doch! ermuntert sie die Künstlerin, als wäre es eine einmalige Gelegenheit, die sie sich nicht entgehen lassen darf. – Warum willst du mich überhaupt fotografieren? fragt die Künstlerin. Weil du gut aussiehst. Weil du eine schöne schwangere Frau bist, antworte ich. Da nickt die Malerkollegin bestätigend. Und jetzt habe ich sie: Also gut. Und wo? fragt die Künstlerin. – Vor deinem Bild am besten. – Wir gehen ins andere Zimmer. Die Künstlerin voraus. ...
Fortsetzung folgt
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