Nachdem sie sich meinen Blog genauer angeschaut hatte, da hat sie erkannt, das ist doch nur Selbstbeschäftigung. Selbstbefriedigung, meint sie damit. Gewichse. Da ist sie nicht die Erste, die das meint. Außerdem hätte ich sie falsch zitiert mit dem, was sie über Scham gesagt hat. Aber das sei egal. Es ist ja nur ein Internet-Blog. Das hat mir auch schon mal jemand gesagt und damals habe ich zurückgegiftet: Gibt es denn auch noch andere Blogs als Internet-Blogs? - Das frage ich jetzt wieder und darauf antwortet sie: Das weiß ich nicht. – Wir stehen auf dem Bürgersteig gegenüber einer Baustelle. Umleitung der Fußgänger auf die andere Straßenseite. Während wir reden, treten wir immer wieder zur Seite, um Passanten Platz zu machen. Ich habe es eilig. Sie hat Hunger. Sie hat ihre Arbeit unterbrochen, um etwas zu essen einzukaufen. Malst du gerade? – Nein, ich mache im Moment etwas für meinen Vater. - Sie ist Grafikerin, Buchausstatterin. Und sie malt. Gemälde. Großes Wort. Tatsächlich fotografiert sie ihren Freund, den nackten Körper des Mannes, der auch der Vater des Kindes ist, das sie erwartet. Wann eigentlich? – Am Weltfrauentag. – Wann ist das? – Am 8. März. – Heute ist der 5. Januar. Also in zwei Monaten. – Dass es der nackte Körper ihres Freundes ist auf ihren Gemälden, den sie abgemalt oder abgepaust hat von Fotos in der Manier antiker Fresken, das ist mir klar geworden, als ich entdeckte, es ist immer der gleiche Mann auf ihren antikisierenden Gemälden. Mal als Paris, im Urteil über Paris; die Göttinnen wählen Paris, nicht Paris eine der Göttinnen – und so konnte der Trojanische Krieg abgewendet werden? Offensichtlich nicht. Denn in einem anderen Bild der Künstlerin sehen wir ihren Freund als Freier auf Ithaka bei Penelope, die unerschütterlich an die Rückkehr ihres seit dem Ende des Trojanischen Krieges verschollenen Gatten Odysseus glaubt und sich nicht beeindrucken lässt vom Freier, der sich vor ihr ausgezogen hat und sie mit der Schönheit seines nackten Körpers verführen will. So wie der Freund der Künstlerin sie verführt hat mit der Schönheit seines Männerkörpers? Seit sie ihren Freund zum ersten Mal erwähnt hat, nehme ich an, dass er jünger ist als die Künstlerin (sie Ende 30, Anfang 40). Später hat sie bestätigt, dass es der Körper ihres Freundes ist, den sie gemalt hat. Ihn gemalt als Ausdruck der Liebe zu dem Mann. Ihre Liebe hat sie gemalt, sage ich. Auch das bestätigt sie. Mit einem glücklichen »Ja!«, wie sie schreibt in einer Mail, bittet dann aber gleich darum, dass ich es nicht in meinem Blog erwähne. Es ist ihr zu persönlich. Intim, meint sie damit.
Vielleicht denkt sie aber auch, es würde ihr ausgelegt als Selbstbeschäftigung ( = Selbstbefriedigung = Gewichse), wenn der Eindruck entsteht, dass sie aus Liebe ein Foto ihres nackten Freundes abgemalt oder abgepaust hat und es mit ebenfalls abgemaltem oder abgepaustem Personal aus der griechischen Mythologie arrangiert hat. Wo sie doch mit den mythologischen Arrangements gerade vom Persönlichen ablenken wollte, das schließlich auch das Private ist und damit niemanden etwas angeht. Über das mythologisch Arrangierte hingegen lässt sich so reden, dass es nicht mehr persönlich ist. Kulturgeschichtlich etwa reden über die Behauptung der Künstlerin, die Schönheit des männlichen Körpers sei nach der Antike in der Kunst unterdrückt worden (und was ist zum Beispiel mit Caravaggio?). Oder anthropologisch reden über ihre These zur Entstehung der weiblichen Schamhaftigkeit: Frauen schämen sich, Männer nicht, weil es die Frauen sind, die begehrlich angeschaut werden, Männer nicht, und wenn sie doch einmal angeguckt werden, dann schämen sie sich trotzdem nicht. Wie auch der Mann der Künstlerin sich nicht geschämt hat, der sich nicht nur von ihr nackt hat angucken lassen, sondern auch noch nackt fotografieren und abmalen. Es kann natürlich sein, dass ich sie nun wieder falsch zitiert habe und falsch verstanden sowieso. Jedenfalls ist das ihre Vorstellung: dass man so reden können muss über ein Bild, zum Beispiel kulturgeschichtlich oder anthropologisch, aber auf keinen Fall persönlich. Weil es dann nicht wichtig ist, sondern nur-persönlich /privat: Selbstbeschäftigung, Selbstbefriedigung, Gewichse. Nehme ich mal an, dass sie das so sieht. In jedem Fall sieht sie es so im Fall meines Blogs, bei dem zum Nur-Persönlichen dann noch hinzu kommt, dass es nur ein Internet-Blog ist.
Nachdem ich sie giftig gefragt hatte, ob es auch andere als Internet-Blogs gebe und sie darauf geantwortet hatte, das wisse sie nicht, wollte ich gleich wieder die Schärfe aus dem Dialog nehmen. Ich schreibe meinen Blog doch mit dem gleichen Einsatz und Ernst, mit dem du malst, sagte ich und meinte das einlenkend. Da hat sie gelacht. Höhnisch aufgelacht. Wahrscheinlich hatte sie gar nicht vor, es mir so deutlich zu zeigen, was sie von meinem Blog hält. Aber das war einfach zu viel für sie, als ich das Schreiben meines Blogs mit ihrer Malerei verglichen habe. Da konnte sie nicht anders, da musste sie höhnisch lachen und natürlich hat mich das getroffen. Um sie daran zu hindern, dass sie ihren Hohn auch gleich noch begründet, habe ich so getan, als hätte ich ihr Lachen nicht bemerkt, und habe schnell weitergeredet. Sicher sei mein Blog auch Selbstbeschäftigung, habe ich gesagt. Was spricht dagegen? Aber dass er nur das sei, davor bewahre mich doch alleine schon meine unstillbare Neugier auf andere Menschen. Und indem ich über andere schreibe, gebe ich ihnen auch etwas, fügte ich hinzu, einfach nur, um nicht mit dem Reden aufzuhören. Während sie nur auf einen passenden Einstieg gewartet zu haben schien, um noch einen draufzusetzen. Ja, ja. Den Menschen etwas geben. Aber es gehe doch darum, den Menschen etwas Lebendiges zu geben. Mehr musste sie nicht sagen. Schon war klar, dass das, was ich den Menschen gebe, wenn ich ihnen überhaupt etwas gebe mit meinem Blog, dass das nichts Lebendiges ist und auch sonst nichts Gutes. Hingegen ihr abgemaltes Zeug mit Gebrauchsanweisung, auf deren erster Seite etwas über die Schamhaftigkeit von Frauen steht und auf der Rückseite steht etwas über die körperliche Schönheit von Männern, das ist die Lebendigkeit, die die Welt braucht und die sie kriegt von ihr. So hätte ich reden können, um meine Freundlichkeit ihr gegenüber zu beenden und mich zu wehren. Stattdessen bin ich nun allen Ernstes eingegangen auf ihre Lebendigkeitsforderung und habe mich hingestellt, als würde ich mich aufreiben im Dienste der Lebendigkeit, indem ich Leute mit einer Lebendigkeit darstelle, die sie nicht haben, weil sie von Geburt an tot sind. So verstiegen habe ich mich mit diesem Gerede, dass es mir noch tagelang weh getan hat, wenn ich mich daran erinnert habe. Statt ihr zu sagen, fick dich doch selber, oder, weil man das zu einer schwangeren Frau nicht sagt, sie einfach stehen zu lassen, habe ich mich bemüht, die Feindseligkeit aus dem Dialog zu nehmen: ihre Feindseligkeit und meine Feindseligkeit, die sich steigerte zum Hass auf sie und ihre Blasiertheit und ihre Wichtigtuerei, die sie darin hindert, einfachste Fragen geradeaus zu beantworten. Als wir kurz davor waren, uns zu verabschieden und ich mich, um höflich zu sein, nach dem Geburtstermin erkundigte, da faselte sie etwas von Weltfrauentag. Und erst, als ich sie anschnauzte, ich wisse nicht, wann der Weltfrauentag sei, sagte sie 8. März. Das war das einzige Mal, dass ich ihr meinen Zorn gezeigt habe. Doch da war auch schon alles gesagt. Bis auf meine Schlussworte: Das mit dir eben, das war meine beklemmendste Begegnung seit langem – und meine beklemmendste Begegnung mit einem Menschen, den ich so wenig kenne wie dich, hätte ich hinzufügen können, habe aber nur noch gesagt, dass ich das Beklemmende jetzt anscheinend gebraucht habe. Das Beklemmende war jedoch so beklemmend, dass ich es nicht mehr los wurde. Erst, als ich über die Begegnung mit der Künstlerin zu schreiben angefangen habe, verlor sich das Beklemmende allmählich. Zusammen mit dem Zorn löste es sich auf. Und nachdem das geschehen war, fand ich die einfache Erklärung für das Beklemmende: Ich hatte nicht so bösartig und gemein zu der Künstlerin sein können, wie ich es wollte. Wegen ihrer Schwangerschaft. Ich hatte es mir verboten aufgrund einer Moral, von der ich zuvor nicht gewusst hatte, dass es sie gibt. Sie leuchtete mir aber sofort ein, als mir klar wurde, dass ich nach ihr gehandelt hatte: Keine Beleidigungen von Schwangeren, weil das unschuldige ungeborene Leben in ihnen alles mitkriegt - ohne ein Wort zu verstehen.
Fortsetzung folgt
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